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Lesererlebnis Ökomobil: In meinen Hybrid lasse ich nur Gas und Ethanol

Ein Hybrid-Auto ist eine feine Sache: geringer Spritverbrauch durch optimale Nutzung der Energie. Dem Leser Thomas Fabian war das noch lange nicht genug: Er verordnete seinem Toyota Prius eine Autogas-Kur - und tankt Ethanol statt Benzin. Die Geschichte eines einmaligen Multifuel-Mobils.

Die Politik diskutiert erbittert über Förderung und Vorschriften, die Industrie kann sich zwischen Brennstoffzelle und Wasserstoffmotor nicht entscheiden - und dennoch haben sich schon viele Autofahrer in Deutschland schon von Benzin und Diesel verabschiedet. "Was treibt Sie an?", haben wir die SPIEGEL-ONLINE-Leser gefragt – und bekamen zahlreiche Erlebnisberichte von Rapsöl-, Gas- und Strom-Fans.

Heute kommt ein experimentierfreudiger Anhänger des Toyota Prius zu Wort. Hybridantrieb reichte unserem Leser Thomas Fabian nicht - er füttert seinen japanischen Wagen mit Alkohol und Autogas.

Ethanol, Gas, Strom: Was treibt Sie an? Meine Antwort: Alles drei - der richtige Mix macht es. Skurril? Mein Auto ist wohl das einzige in Deutschland, vielleicht sogar in ganz Europa, das mit diesem Mix unterwegs ist. Geht das überhaupt? Er fährt und fährt und fährt. Anspruchsvolles Fahrzeug? Der Toyota Prius ist in der Konstruktion und Entwicklung ein anspruchsvolles Fahrzeug. Im Betrieb mit verschiedenen Kraftstoffen ist er aber sehr anspruchslos: Er "frisst" alles.

2003 brauchte ich einen neuen fahrbaren Untersatz – und machte ein Schnäppchen: ein Toyota Prius, neun Monate alt, 4000 Kilometer auf dem Tacho, zum Preis von 15.000 Euro. Nach einem halben Jahr zufriedenen Hybrid-Fahrens ärgerten mich die steigenden Benzinpreise. Ich erzog mir regelrecht einen Fahrstil an, um das mögliche Sparpotential des Prius bis ins Letzte auszureizen. Damit ging aber die Freude am Fahren verloren - und ich suchte andere Wege. Im Jahre 2000 wollte ich schon einmal einen Kia auf Autogas umrüsten, es scheiterte damals an der "Seltenheit des Fahrzeugs", kein Umrüster traute sich.

Jetzt war schnell einer gefunden. Dennoch scheiterte der erste Anlauf an den Behörden und den Kosten. Denn mittlerweile benötigt man hier in Deutschland nach einer Umrüstung ein Abgasgutachten, einmalig in der EU. Aufgrund des geringen Verbrauchs des Prius lag die Amortisationsgrenze schon bei circa 90.000 Kilometer, mit den Kosten für ein erstmalig erstelltes Gutachten wäre sie oberhalb von 200.000 Kilometer. Ein Familiengutachten war auch nicht möglich, da dieser Motor nur im Prius benutzt wurde. Bei unter tausend Prius in Deutschland findet man auch nicht so leicht einen zweiten, dritten Besitzer, der das Gleiche vorhat, damit man sich die Kosten teilen könne.

Auch der Umweg über einen Export in die Niederlande, Österreich oder Frankreich und einen Umbau dort war versperrt. Bei der Wiedereinfuhr hätte dieses Gutachten gefehlt - das nennt sich vereinigtes Europa? Das Projekt lag also auf Eis.

Der Durchsatz stimmt nicht - 500 Euro Schaden

Nach einem weiteren halben Jahr sickerte im Netz durch, dass ein Toyota-Händler im Ruhrgebiet einen Prius 2 umrüsten will. Das Auto funktioniert zwar, aber es fehlte zunächst wieder das Gutachten. Dieses dauerte dann ewig. Dabei war nicht das Gutachten das vorrangige Problem, sondern die "Verschlüsselung" des Fahrzeugs im Brief und Schein, ebenso die Einstufung in die Abgasnorm. Einen Schlüssel für Flüssiggas/Benzin/E-Motor gab es nicht. Man einigte sich nach langer Zeit auf Flüssiggas/Benzin.

Die Berechnung der Abgasmesswerte gestaltete sich ebenso schwierig, so dass man sich letztendlich auf Euro3 statt auf Euro4 einigte. Aber nicht, weil die Werte so schlecht waren, nein, sie fielen so gut aus, dass es ja gar nicht möglich sein könne. Verrückte Bürokratie. Als dann letztendlich der Prius 2 seine Genehmigung hatte, hatte mein Auto kurze Zeit später auch seine Gasanlage. Die Umschaltung zwischen Strom, Autogas und Tankinhalt erfolgt vollautomatisch.

Der erste Eindruck mit Autogas: Der Motor nimmt leichter Gas an, er hat scheinbar ein höheres Drehmoment. In Verbindung mit dem Planetengetriebe ergibt das eine spürbar stärkere Beschleunigung. Und der Verbrauch? Moderat erhöht.

Ein paar tausend Kilometer später gab es dann Probleme. Bei einer bestimmten Beschleunigung bei einer bestimmten Geschwindigkeit zeigte das Motormanagement "mager" an - der Durchsatz stimmte nicht mehr. Die Anlage musste nachgestellt werden. Ich hatte aber keine Zeit für einen Werkstattbesuch und fuhr lange - auch im oberen Geschwindigkeitsbereich - viel zu mager. Nach 40.000 Kilometern rächte sich das: Es waren ab und zu Klingelgeräusche zu hören. Die Inspektion zeigte dann rote Auslassventile und teilweise fast auf null reduzierte Ventilspiele. Daraufhin wurden alle Kegel getauscht, das Spiel stimmt wieder. Die Ventile sind und bleiben rot. Der "Spaß" kostete 500 Euro.

Ethanol-Kur in Österreich

Was hat es mit Ethanol auf sich? Einen Monat nach dem Gasumbau kam ich über einen Internetkontakt billig an Alkohol - es gab immer noch keine Tankstellen – und kaufte 25 Liter. Das war auf dem Weg nach Wien. Dann kam das Testen. Der Tank war glücklicherweise gerade fast leer und enthielt circa drei Liter. Bei laufendem Motor - und abgeschalteter Gasanlage - schüttete ich also langsam Ethanol hinein, erst einen Liter, dann zwei, dann drei - das würde circa einem Mischkraftstoff E50 entsprechen.

Auf einmal hörte ich den Motor nicht mehr. Als ich aber vom Heck nach vorne ging, surrte er doch: Der sehr leise Motor war noch leiser geworden. Eine kurze Runde gedreht, der Wagen fuhr wie immer. Als Nächstes musste dann der Kaltstart getestet werden. Am nächsten Tag: starten - wie immer. Also schüttete ich noch etwas mehr vom Alkohol in den Tank, die Mischung sollte jetzt bei 75 bis 80 Prozent Ethanol liegen. Alles ok.

Dann kam die Fahrt von Wien nach Berlin, durch die Tschechische Republik. Nachdem ich Wien verlassen hatte, war irgendwann der Gastank leer. Das letzte Mal hatte ich in Passau getankt, und in Österreich gab es auf der Strecke keine Gastankstelle. Das war also der "Zwangstest" mit E75/E80. Die wenigen Tropfen gingen dann auch zur Neige, ich fuhr noch auf Strom bis zur nächsten Parkgelegenheit. Hier füllte ich dann fünf Liter Alkohol pur in den Tank. No risk - no fun. Es funktionierte, völlig problemlos.

Zu Hause in Berlin machte ich dann die Tests mit 96-prozentigem Alkohol. Der "Mehrverbrauch" von 30 Prozent machte sich bemerkbar. Als es kühler wurde, testete ich dann reinen Alkohol bei der kritischen Temperatur knapp unter 15 Grad Celsius. Er startete schwierig, ging ein- bis zweimal wieder aus. Das ist aber völlig normal. Mit E85 und E50 gibt es dieses Problem nicht. Diesen Winter wird der Kältetest mit E85 gemacht. Knapp unter null Grad könnte es leichte Probleme beim Starten geben. Eventuell muss ich auf E50 zurückgreifen, das ging letztes Jahr selbst bei minus 18 Grad problemlos.

Hybrid-Motor ist noch sparsamer als gedacht

Woher weiß ich eigentlich, dass der Ethanol-Betrieb für mein Auto unschädlich ist? Zum einen werden die Materialien der kritischen Bauteile nicht durch Alkohol beschädigt. Zum anderen aber hat Toyota mit dem Prius ein Fahrzeug für den Weltmarkt konstruiert, in einigen Ländern wird schon seit langer Zeit Ethanol dem Benzin zugesetzt – und der Hersteller hat nur eine Fertigungsstraße. Selbst in Deutschland ist schon lange Ethanol dem Benzin beigemischt - die meisten wissen es nur nicht. Ein gewisses Restrisiko bleibt aber immer. Leider wird zum 1. Januar 2007 das Ende der E50-Tankstellen kommen, wenn sich nicht noch schnell etwas beim Gesetzgeber bewegt.

Rentiert sich ein E50/E85-Betrieb?
- Aus wirtschaftlicher Sicht muss man einfach den Spritpreis und den Mehrverbrauch betrachten. E50 ist im Allgemeinen nur zehn Cent/Liter billiger als Benzin, man verbraucht aber bis zu 15 Prozent mehr. E85 ist dagegen schon unter 90 Cent/Liter zu haben, der Mehrverbrauch ist im Bereich 25 Prozent, das hält sich in etwa die Waage.
- Aus ökologischer Sicht, ja. Denn man verringert den CO2-Ausstoß um über 40 Prozent (E50) beziehungsweise über 80 Prozent (E85).

Eine weitere Besonderheit beim Betrieb des Prius mit "Alternativen Kraftstoff mit geringerem Brennwert": Im unteren Lastbereich verbraucht das Hybridauto weniger, als es theoretisch verbrauchen müsste. Überlandfahrten mit einem Verbrauch von drei bis vier Litern sind möglich. So viel ist normalerweise durch die höhere Klopffestigkeit von Ethanol und Autogas nicht erklärbar. Das Hybrid-Konzept scheint dafür optimal zu sein, nur so viel Energie zu verbrauchen, wie wirklich notwendig ist. Im "Leerlaufbetrieb" des Motors geht bei Benzinbetrieb scheinbar noch zu viel Energie verloren, beziehungsweise kann nicht ausreichend "aufgefangen" werden.

Fazit nach 60.000-Kilometer-Mix-Betrieb: Liebe Toyota-Techniker, Ihr habt ein gutes Auto gebaut. Mit geringer Anpassung an der Motor-Steuersoftware wäre es ein sehr gutes Flexi-Fuel. Und das Beste: Ethanol und Autogas stinken nicht, man riecht es nicht mehr, wenn man getankt hat.

abl

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Forum - Welcher Antrieb wird der Motor der Zukunft?
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1.
DJ2002dede, 16.11.2006
---Zitat von sysop--- Die Autohersteller setzen für morgen auf die Brennstoffzelle, die Autofahrer heute schon auf Erdgas. Wo sehen Sie die Chancen und Risiken der Alternativen Antriebe? ---Zitatende--- Ich denke, Wasserstoff wird sich durchsetzen. Bis dahin ist aber der Mix wichtig und richtig.
2.
Saboteur 16.11.2006
Ich denke mittelfristig wird es mehrere Möglichkeiten geben. Erdgas funktioniert schon. Brennstoffzelle hat immernoch das Problem der Wasserstoffspeicherung aber es sind auch Typen möglich, die mit Methanol u.Ä. laufen (Nachteil hier: die Stoffe müssen sehr rein sein). Außerdem gibt es Forschungen dazu aus organischen Abfallstoffen eine Art Biodiesel effizient herzustellen; das könnte auch ein Weg werden (z.B. Umsetzung mittels Bakterien).
3. Keine Alternative!
Lopez21 16.11.2006
Tja so sehe ich es. Denn, obwohl ich nicht einmal mehr Auto fahre, ist das ein echt schwieriges Thema. Nur eines sollten wir wissen (ob wir wollen oder nicht). Unsere Mobilitaet macht unsere Umwelt kapput und krank. Und wir koennen gerne Brasilien als Beispiel nehmen, wo sie schon seit einer langen Zeit auf fosile Brennstoffe setzen. Aber um welchen Preis? Da kommen Monokulturen und wir sind ebenfalls auf dem besten Weg dazu. Die Natur dankt es uns frueher oder spaeter mit kleineren oder groesseren Katastrophen. Erdgas ist auch nicht unbeschraenkt vorhanden. Heute sind wir wohl schon soweit, dass wir Biogas erzeugen koennen. Aber wen interessiert das? Deutschland ist eh ein Vorbild: mit 200 ueber die Bahn zu brettern und 500 PS unter der Haube zu haben. Das ist geil! Ich frage nur, wann werden wir erwachsen?
4. Sparsamkeit
dieterschg, 16.11.2006
---Zitat von sysop--- Die Autohersteller setzen für morgen auf die Brennstoffzelle, die Autofahrer heute schon auf Erdgas. Wo sehen Sie die Chancen und Risiken der Alternativen Antriebe? ---Zitatende--- So lange diese Techniken noch nicht ausgereift sind, sollte man auf sparsamen Verbrauch bei den Fahrzeugen achten. 400km/h braucht niemand, schon 200km/h auf überfüllten Autobahnen reicht dicke aus, wobei manche Wagen dabei sogar noch relativ sparsam sein können.
5. Ganz klar: Wasserstoff
Tarja13, 16.11.2006
---Zitat von sysop--- Die Autohersteller setzen für morgen auf die Brennstoffzelle, die Autofahrer heute schon auf Erdgas. Wo sehen Sie die Chancen und Risiken der Alternativen Antriebe? ---Zitatende--- Wasserstoff bietet von allen derzeit denkbaren Treibstoffen eindeutig das größte Potential. Es verwundert schon ein bisschen, warum die Automobilindustrie die Forschung seit Jahrzehnten nicht entschlossener vorantreibt. Erdgas ist nunmal endlich, Sonne nicht immer verfügbar, Wind sowieso als Autoantrieb ungeeignet, Öl geht in absehbarer Zeit zur Neige. Wasserstoff hingegen wäre reichlich vorhanden, würde bei der Reaktion keine Schadstoffe erzeugen und trotzdem ausreichend Energie freisetzen.
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