Tote Tiere im Straßenverkehr: Pietätvoll abkratzen

Von Jürgen Pander

Letzte-Hilfe-Set: Holzspachtel und Birkenkreuz Fotos
G:ORG

Mehr als 530 Wildtiere sterben jeden Tag auf deutschen Straßen, sagt die Statistik. Katzen, Hunde, Frösche, Igel und Vögel sind darin gar nicht erst erfasst. Jetzt bietet der Künstler G:ORG ein Kit an, mit dem man den tierischen Opfern des Automobils eine letzte Ehre erweisen kann.

Manchmal sieht man noch einen Schatten, meistens jedoch hört man nur einen dumpfen Knall, vielleicht zuckt es noch kurz in der Lenkung. Mehr passiert zum Glück kaum, wenn man mit dem Auto ein Tier überfährt - zum Glück für den Autofahrer. Für das Tier endet so eine Karambolage fast immer tödlich - es passiert viele tausend Mal jeden Tag auf der Welt. Zum Beispiel auch auf der Karibik-Insel Martinique.

"Als ich dort war, befremdete mich das Paradiesische dieser Insel, denn tatsächlich waren ständig überfahrene Tiere zu sehen. Eine Kröte war dann das erste Motiv, das ich aufgenommen habe - sie sah so unglaublich ästhetisch aus", sagt der Hamburger Künstler G:ORG. Der 41-Jährige zeigt nun erstmals bei einer Veranstaltung in Hamburg-St. Pauli eine Auswahl solcher Fotografien.

"Asphaltiere" heißt die Ausstellung, die noch am gleichen Abend wieder beendet wird, und die zugleich den Rahmen bildet für die Präsentation eines "Letzte-Hilfe-Sets", das sich G:ORG für die "würdevolle Bestattung überfahrener Tiere" ausgedacht hat und nun zum Stückpreis von 35 Euro (neuer Preis seit Ende 2013: 14,90 Euro) verkaufen möchte.

Hilfe gegen Schuldgefühle

"Das Set produziere ich selbst - das soll ja keine seelenlose Industriekiste sein", sagt der Kreative. Gedacht ist es für Autofahrer, die nach einer Tierkollision Schuldgefühle plagen. "Bislang gab es keine Möglichkeit, den Tieren Respekt entgegenzubringen. So ein Kadaver auf dem Seitenstreifen ist aber einfach das Trostloseste überhaupt."

Das Set - eine Blechbox mit Tierkörperbeseitigungsbesteck, hölzernem Spachtel, Hygienehandschuhen und Birkenrindenkreuz - ermögliche es dem Autofahrer, "selbst stark mitgenommene Leichname aufzunehmen und würdevoll zu bestatten".

Wie im Straßenverkehr getötete Tiere bislang zurückgelassen werden, dokumentiert G:ORG durch seine großformatigen Makro-Fotografien. Das Problem, sagt der Fotograf, sei keineswegs die Suche nach geeigneten Motiven, denn die gebe es zuhauf. "Das Problem ist eher das Fotografieren. Auf mehrspurigen Straßen wird es schon mal eng, die Autobahn taugt dafür gar nicht." Und mit dem Entgegenkommen anderer Verkehrsteilnehmer könne er auch nicht rechnen. "Gerade im Berufsverkehr haben wir alle für einen bescheuerten Fotografen mitten auf der Straße überhaupt kein Verständnis."

Persönliche Erfahrungen mit Tierunfällen hat G:ORG übrigens auch. "Ich bin im Wald mal von einem Reh über den Haufen gerannt worden", berichtet er. Und als Zehnjähriger musste er vor seinem Elternhaus in der Eifel miterleben, wie ein Autofahrer in der Auffahrt wendete und dabei im Rückwärtsgang seinen Hund Paula überfuhr. "Der Fahrer stieg aus, war völlig verzweifelt und in Tränen aufgelöst. Irgendwann wurde klar, dass er am gleichen Morgen auch schon seinen eigenen Hund, allerdings im Vorwärtsgang, überfahren hatte. Absurder geht's nicht."

Ausstellung: "Asphaltiere - menschundtierkollisionen", Studio Buehler, Kleine Freiheit 1/6, Hamburg St. Pauli, Freitag, 19. April, 19 bis 21 Uhr.

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insgesamt 17 Beiträge
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1. Man ist ja Mensch
Ursprung 17.04.2013
Zitat von sysopG:ORGMehr als 530 Wildtiere sterben jeden Tag auf deutschen Straßen, sagt die Statistik. Katzen, Hunde, Frösche, Igel und Vögel sind darin gar nicht erst erfasst. Jetzt bietet der Künstler G:ORG ein Kit an, mit dem man den tierischen Opfern des Automobils eine letzte Ehre erweisen kann. http://www.spiegel.de/auto/aktuell/letzte-hilfe-set-des-hamburger-kuenstlers-g-eorg-fuer-ueberfahrene-tiere-a-894439.html
Mit jahrelang rund 80Tsd km jaehrlich -und nicht zu langsam- habe ich mir eine Riesenschuld aufgeladen. Ich habe die Tiere, die ich als Autofahrer ermordete, aus Scheu, sie nicht zu deklassieren nicht gezaehlt. Darunter waren auch Rehe, die mir zum Missvergnuegen der Kaskoversicherung 2 Autoerneuerungen einbrachten. Ihnen und den vielen Katzen, Kroeten, Voegeln, Igeln, Eidechsen und Kaninchen gebuehrt absolute Beachtung, gar nicht zu reden von den Millionen auf der Windschutzscheibe unruehmlich Geplatzen. Den allen waeren zwar nicht das Leben aber die Wuerde zurueckgegeben worden, haette es dieses tote-Tier-Beerdigungsset schon frueher gegeben. Fuer die Muecke an der Windschutscheibe etwas teuer, fuer ein Reh mit nachfolgendem neuen Auto preiswert. Eine echte Innovation und Geschaeftsidee und viel flotter als meine dillettantischen Eigenversuche, mit einem Klappspaten, scharfem Taschenmesser jeweils ein Grab mit Kreuz aus frischen Zweigen zu improvisieren. Da verliert man ja bis 30 Minuten pro Fall. Sonst haette ich mindestens 80 km mehr pro Woche fahren koennen. Als Radfahrer setzte ich meine Mordserie uebrigens fort: ich mag diese Nachtschnecken nicht, die alles Gemuese und Kraeuter anfressen und fahre Kurven, die zu erwischen. Was mit auch schon Saetze ueber den Lenker einbrachten. Doch auch eine ermordete Nacktschnecke haette bei mir Anrecht auf ein Beerdigungsset, man ist ja Mensch. Ober der Innovator fuer diese Klientel der zu Beerdigenden vielleicht mal an ein preiswerteres Einfachset denken koennte?
2. Lange überfällig
Wowbagger9876 17.04.2013
Ein wichtiger Beitrag, essentielle Gedanken stellen sich ein, wenn man an die Begegnung der Kreatur mit der modernen Technik denkt. Mir fehlt jedoch noch die Berücksichtigung der massenhaft ermordeten Insekten auf den Autoscheiben. Sind diese denn gar nichts Wert? Warum kümmert sich niemand um sie und beklagt den Massentod dieser unschuldigen Lebewesen? Ich warte auch auf den ersten Künstler der das Rätsel der verlorenen Schuhe auf Autobahnen durch körnige Schwarz-Weiss Fotos festhält. Woher kommen sie, was passiert mit ihnen? Wie ist es dem anderen Teil des so gewaltsam getrennten Paars ergangen? Fragen mit existentieller Wucht, wie ich finde!
3. Wie die überfahrenen Tiere von Roadkill Toys
wird_licht 17.04.2013
Das klingt zwar irgendwie alles ekelig, aber sind wir es den Tieren nicht irgendwie schuldig, sie von der Straße zu bringen, wenn wir sie getötet haben. Natürlich soll man sich und andere dabei nicht in Gefahr bringen, aber einfach abzuwarten, bis sich teilweise echt große Tiere wie ein Fuchs sich dank Reifenabrieb in einen dunklen Fleck aufgelöst haben ist nicht wirklich schön - vor allem nicht für die Kids, die das am Straßenrand oder aus dem Auto heraus mit ansehen müssen.
4.
max-mustermann 17.04.2013
Zitat von wird_lichtDas klingt zwar irgendwie alles ekelig, aber sind wir es den Tieren nicht irgendwie schuldig, sie von der Straße zu bringen, wenn wir sie getötet haben. Natürlich soll man sich und andere dabei nicht in Gefahr bringen, aber einfach abzuwarten, bis sich teilweise echt große Tiere wie ein Fuchs sich dank Reifenabrieb in einen dunklen Fleck aufgelöst haben ist nicht wirklich schön - vor allem nicht für die Kids, die das am Straßenrand oder aus dem Auto heraus mit ansehen müssen.
Dem toten Tier ist es wohl ziemlich egal ob es noch auf der Straße rum liegt oder nicht, aber wenn sie sich sonst schuldig fühlen beerdigen sie es ruhig. Mir schuldet so ein Wildschwein übrigens auch noch ein Auto das es mir durch seine unbedachte Art die Straße zu überqueren zerstörte. Das sind wohl die selben Kinder die immer nur mit Gesichtsmortadella gefüttert werden damit sie ja nicht mit der Tatsache konfrontiert werden das sie da eigentlich ein Tier essen.
5. Vielen...
oberle- 17.04.2013
Zitat von UrsprungMit jahrelang rund 80Tsd km jaehrlich -und nicht zu langsam- habe ich mir eine Riesenschuld aufgeladen. Ich habe die Tiere, die ich als Autofahrer ermordete, aus Scheu, sie nicht zu deklassieren nicht gezaehlt. Darunter waren auch Rehe, die mir zum Missvergnuegen der Kaskoversicherung 2 Autoerneuerungen einbrachten. Ihnen und den vielen Katzen, Kroeten, Voegeln, Igeln, Eidechsen und Kaninchen gebuehrt absolute Beachtung, gar nicht zu reden von den Millionen auf der Windschutzscheibe unruehmlich Geplatzen. Den allen waeren zwar nicht das Leben aber die Wuerde zurueckgegeben worden, haette es dieses tote-Tier-Beerdigungsset schon frueher gegeben. Fuer die Muecke an der Windschutscheibe etwas teuer, fuer ein Reh mit nachfolgendem neuen Auto preiswert. Eine echte Innovation und Geschaeftsidee und viel flotter als meine dillettantischen Eigenversuche, mit einem Klappspaten, scharfem Taschenmesser jeweils ein Grab mit Kreuz aus frischen Zweigen zu improvisieren. Da verliert man ja bis 30 Minuten pro Fall. Sonst haette ich mindestens 80 km mehr pro Woche fahren koennen. Als Radfahrer setzte ich meine Mordserie uebrigens fort: ich mag diese Nachtschnecken nicht, die alles Gemuese und Kraeuter anfressen und fahre Kurven, die zu erwischen. Was mit auch schon Saetze ueber den Lenker einbrachten. Doch auch eine ermordete Nacktschnecke haette bei mir Anrecht auf ein Beerdigungsset, man ist ja Mensch. Ober der Innovator fuer diese Klientel der zu Beerdigenden vielleicht mal an ein preiswerteres Einfachset denken koennte?
...Danke für Ihren Beitrag. An diesem trostlosen, trotz des Sonnenscheins, Mittwochmittag, entlockten Sie mir ein Lächeln. Im Übrigen: Meine Unschuld, oder soll ich besser sagen, mein Radkasten, ist noch unbefleckt. Aber das Kit ist freilich bestellt - Man kann ja nie wissen.
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