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Lifestyle handgemacht: Räder für Helden

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Die Modelle heißen "Pure Blood" oder "Black Jack", und Zielgruppe sind Menschen, denen das Design wichtig ist: Die Handmade-Szene hat sich in der Fahrradbranche etabliert. Junge Rahmenbauer schrauben Lifestyle-Objekte für Großstadthelden zusammen.

Fahrraddesign: Aus eigenem Antrieb Fotos
Malte Jäger

Kopfsteinpflaster, das ist für Radfahrer wie Pest und Cholera in einem. Ausgerechnet in einem Viertel, dessen Straßen damit überzogen sind und große Löcher das Vorankommen auf zwei Räder erschweren, hat Goetz Haubold seinen Fahrradladen.

Dailybread heißt das Geschäft. Es liegt in einer Seitenstraße im angesagteren Teil von Berlin- Neukölln. In dieser Gegend hat es erst einmal nichts zu heißen, wenn ein weißes Rad im Schaufenster steht, wie bei ihm. Über der Tür hängt ein altes Reklameschild, "Gardinen Atelier" steht da in schwarzen Schnörkeln. Goetz Haubold untertreibt.

Er entwirft seine eigenen Räder. Die, die es gab, gefielen ihm nicht, er wollte "ausnehmend schöne Räder" bauen. Also startete er Dailybread.

Goetz Haubold gehört damit zu einer neuen Generation von Fahrraddesignern zwischen Anfang 30 und Anfang 40, die derzeit jenseits der Massenware Rahmen entwerfen, neue Nabensysteme entwickeln, in Hinterzimmern und Hinterhöfen ihre Werkstatt betreiben. Dass sich diese Branche durchaus positiv entwickelt, zeigen auch die lässigen Rahmenbauer-Messen, die in den vergangenen fünf Jahren in Nordamerika und Europa entstanden sind.

Inflationär benutzte Begriffe

Manufaktur, custom made, handmade; die Begriffe verschwimmen. Fest steht, dass man die Nase rümpft über alle, die Räder nur nach den Wünschen des Kunden zusammenbauen und das gleich Manufaktur nennen. Das sei schließlich kaum mehr als Einzelteile aus Katalogen raussuchen und "ein bisschen löten". Bei ihnen hingegen - das ist der neuen Generation wichtig - stammten die Rahmen und der meiste Rest aus der eigenen Feder.

"Das ist Lifestyle", sagt Johannes Cremer von Craftsmen, einer Berliner Zweimannfirma. "Man baut sich das Bike, das man fährt, selbst." Sein Beruf sei "gelebte Kreativität", findet Holger Patzelt von Fixie Inc. aus Karlsruhe. "Die Einstellung der Leute zum Rad hat sich geändert," sagt er, das Design werde immer wichtiger.

Das Rad kann man nicht neu erfinden. Götz Haubolds Dailybread sieht aus, als gelte für Räume das Gleiche. Die Wände sind unverputzt, bis auf ein paar bröckelnde Farbschichten, der Steinboden hat Schlaglöcher, in einer Ecke ein schmaler Tresen, an der anderen Wand ein dezentes Regal. Zwei lange Leuchtkästen dienen als Podeste für zwei schlanke Räder. Alles ist auf das Wesentliche reduziert. Sein Entwurf ist ein "Multiple Choice Rad", ein Rahmensatz, der mit unterschiedlichen Radgrößen und Reifen funktioniert; ein Stadtrad wird mit ein paar Handgriffen zum Tourenrad, den Gepäckträger dranschrauben, fertig. "Alles Handarbeit", sagt Dailybread-Chef Haubold und streicht über den lackierten Stahl. "Fabriziert in einer kleinen tschechischen Rahmenbaufirma." 100 Rad-Sätze, damit hat er angefangen. Die Hälfte übernahm ein schweizer Partner, über ein Drittel ist verkauft.

Der Antrieb, in dieses Gewerbe einzusteigen, es als Beruf für sich zu entdecken, ist bei allen ähnlich. Johannes Cremer und sein Kompagnon Norbert Haller lernten sich beim Produktdesign-Studium kennen; Haubold ist gelernter Metallbauer, Sozialpädagoge, arbeitete lange für einen Fernsehsender; bei "Fixie Inc." taten sich ein Bauingenieur und ein Maschinenbauer zusammen. Allesamt alte Radlerseelen. Der eine fuhr früher Radrennen, der andere ist ein ehemaliger Fahrradkurier, der dritte jobbte schon als Schüler in einer Fahrradwerkstatt, wollte Rahmenbauer werden. Sie erinnern sich daran, als sie das erste Mountainbike sahen oder das erste Fixed-Gear-Rad.

"Die Sportler waren mir irgendwann zu nerdig", sagt Haubold. "Hauptsache jedes Schräubchen war aus Carbon." Das hatte nichts mit dem "Lifestyle" zu tun, den er mit Rädern verbindet. "Die Teile, die wir wollten und brauchten, waren nirgends erhältlich", erzählt Patzelt von Fixie Inc., "man ergatterte Sammlerstücke, keine einfach reproduzierbaren Produkte."

Sie alle sind auch getrieben von der Beobachtung, dass sich in Zeiten von Ressourcenknappheit und überfüllten Innenstädten das Rad immer mehr als Alternative entpuppt. Die nachhaltige Grundhaltung ist Teil ihrer unternehmerischen Identität.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 31 Beiträge
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1. Bitte die StVZO beachten
fucus-wakame 09.09.2010
Danke für diesen guten Artikel. Die Räder sind ausgesprochen hübsch. Kleiner Wermuthstropfen: Damit darf man nicht auf öffentlichen Straßen fahren. Denn es fehlen verschiedene wichtige Komponenten, wie z.B. ein Dynamo, Beleuchtungsanlage, Speichenreflektoren und eine Klingel. Ein Blick in die StVZO genügt.
2. .
sonobox 09.09.2010
Na ist denn gerade Fahrradwoche bei SPON :). Gut! Auch gut, dass der Artikel noch nicht unter "Auto" einsortiert ist. Bei all der Radbegeisterung gibt es ja vielleicht doch noch eine eigene Rubrik, oder aus "Auto" wird endlich "Verkehr" oder soetwas :).
3. Räder oder Statussymbole?
Blottosen 09.09.2010
Oh je.... Das ist ja wahnsinnig innovativ! Wenn dem Herren die Fahrräder auf dem Markt nicht gefallen haben, warum baut er dann Fahrräder von großen Herstellern nach (Kona...)? Und dann die Preise für so einfache Fahrräder. Da hat ja jedes Durchschnitts-Shimano-Deore-Rad für 600€ deutlich höhere Produktionskosten. Da entwickelt sich eine ganz arrogante und elitäre Szene. Igitt. Bald fährt man nicht mehr im Porsche zum Münchener P1 sondern mit dem Fixie.
4. Veloheld
Falk_89 09.09.2010
Also wenn ihr schon unter der Headline "Fahrräder für Helden" über Fahrradmanufakturen schreibt, dann darf eine Manufaktur aus Dresden namens "Veloheld" nicht ungenannt bleiben! Seht ihr doch auch so, oder? ;) Fahrradmanufaktur Veloheld (http://www.veloheld.de)
5. ...
motormouth 09.09.2010
Ach Gottchen, Lottchen! Ich fühl mich jetzt aber sowas von total unhip, weil ich Kleinstadtheld Fahrräder weder in Neukölln bei den jungen, wilden Fricklern kaufe noch damit durch einen angesagten Szenebezirk fahren kann. Mein Leben ist nichts wert.
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