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22. Dezember 2012, 15:55 Uhr

Vorschrift zur Steuererklärung

Lkw-Fahrer werden bis aufs Klo verfolgt

Nach einem Toilettengang herrscht für Lkw-Fahrer künftig Beweispflicht: Laut einem Bericht der "Süddeutschen Zeitung" müssen die Trucker jede Dusche und jeden Klobesuch während ihrer Dienstzeit nachweisen können - so will es das Bundesfinanzministerium.

Wie viel Geld muss ein Brummi-Fahrer durchschnittlich für seine Toilettengänge aufbringen? Das Bundesfinanzministerium interessiert sich brennend für diese Frage. Wie die "Süddeutsche Zeitung" ("SZ") berichtet, schreibt das Ministerium den Finanzämtern vor, wie deutsche Lkw-Fahrer solche Aufwendungen in ihrer Steuererklärung anzugeben haben: Und zwar so exakt wie möglich. Das hat zur Folge, dass die Betroffenen über einen Zeitraum von drei Monaten hinweg möglichst alle Belege für ihre sogenannten Reisenebenkosten nun sammeln und aufbewahren müssten.

Anhand der Quittungen berechne das Finanzamt einen Durchschnittswert für die täglichen Bedürfnisse der Fahrer und lege diesen für jeden Fahrtentag in der Steuererklärung zugrunde, heißt es weiter in dem Bericht. Uwe Rauhöft vom Neuen Verband der Lohnsteuerhilfevereine (NVL) bezeichnet das Verfahren in der "SZ" als "irrsinnig aufwendig". Bisher hätten viele Finanzämter eine Schätzung für die Kosten anerkannt. Zudem habe unlängst sogar der Bundesfinanzhof geschätzte fünf Euro für die täglichen Reisenebenkosten der Lkw-Fahrer als akzeptabel bezeichnet.

Das Bundesfinanzministerium stellte klar, dass es sich um eine "vereinfachende Lösung" handle: Demnach müssten die Lkw-Fahrer nur einmalig drei Monate lang ihre Zettel sammeln. Anschließend nutzen die Behörden die jeweils die aus diesem Zeitraum berechneten Durchschnittswerte.

Komplizierte Abrechnung

Rauhöft kritisiert vor allem, dass die Fahrer fortan von ihrem Aufwand auch den Wert von Raststätten- und Autohof-Bons abziehen müssten. In den Standgebühren, die von den Truckern dort bei Übernachtungen verlangt werde, seien oft Essengutscheine enthalten, erklärt Andreas Mossyrsch, Vorstand beim Transportverband Camion Pro in der "SZ". Dafür gebe es jedoch eigene steuerliche Pauschalen, weshalb die Gutscheine von den Finanzämtern nicht anerkannt würden.

Die Folge für die Fernfahrer: Weil viele Speditionen die Kosten nicht erstatten, blieben sie darauf sitzen. Verhindern ließe sich das laut Steuerexperte Rauhöft nur, wenn die Trucker auch noch über diese Aufwendungen genau Buch führten.

Die zusätzliche Zettelwirtschaft erschwert die Arbeitsbedingungen weiter und kommt für die Branche zur Unzeit: Denn viele Speditionen haben mittlerweile Schwierigkeiten, Fahrer für ihre Lastwagen zu finden. Schuld ist die schlechte Bezahlung des Jobs, das negative Image bei anderen Verkehrsteilnehmern - und zusätzliche Gängelungen wie der geforderte Nachweis von Toilettenbesuchen.

cst

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