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Londons Innenstadt: Spielwiese für Alternativ-Autos

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Der Dauerstau ist fünf Jahre nach Einführung der City-Maut nicht ganz abgeschafft - doch der Verkehr in London läuft ein bisschen flüssiger. Und etwas sauberer ist er obendrein. Denn alternative Antriebe stehen in London hoch im Kurs.

London wird zusehends zur Spielwiese für Fahrzeuge mit alternativen Antrieben. Denn seit die Verwaltung der britischen Hauptstadt eine Congestion Charge erhebt und werktags von 7 bis 18 Uhr für jedes Auto mit konventionellem Motor acht Pfund Eintritt verlangt, steigen immer mehr Briten auf Modelle um, die weniger CO2 ausstoßen und deshalb von der City-Gebühr befreit sind.

"Die Congestion Charge ist ein voller Erfolg", sagt John Mason, der Vizechef der städtischen Mautbehörde. "Wir haben heute jeden Tag 100.000 Autos weniger in der Stadt als vor Einführung der Gebühr." Das entspricht 25 Prozent, und sauberer geworden ist die Fahrzeugflotte obendrein. "Im Februar 2003 gab es in London lediglich 90 Elektroautos, im Juni 2008 waren es mehr als 1600", sagt Mason. Auch die Zahl der anderen Öko-Autos - etwa mit Hybrid- oder Gasantrieb - sei kräftig gestiegen: von 1000 Autos im Jahr 2003 auf mehr als 20.000 bei der letzten Zählung. "Die Briten kaufen etwa doppelt so viele Hybridautos wie die Deutschen, und die meisten davon fahren in London", erläutert Debbie Fox vom Marktbeobachter Jato Dynamics.

Die Maut bringt Fahrzeuge auf die Straßen, die sonst kaum jemand ernsthaft wahrnehmen würde. So ist das meistverkaufte Elektroauto in London der Reva G-Wiz, der aus Indien kommt und es in Deutschland auch mal unter dem Namen Greeny versucht hat. Kaum größer als ein Umzugskarton auf Rädern, ist er offiziell ein Viersitzer, der gerade einmal Tempo 80 schafft und nach etwa 70 Kilometern an die Steckdose muss. Das Wägelchen kostet je nach Design und Ausstattung stolze 10.000 Pfund - und hat es bereits zu einem gewissen Kult gebracht: In manchen Stadtteilen ist das hässliche Entlein angesagter als ein Mini oder ein Mercedes SLK.

Elektroautos aus aller Welt an der Themse

Ebenfalls von der Congestion Charge lebt die englische Firma Nice, eine Abkürzung von "no internal combustion engine" ("kein Verbrennungsmotor"), die weltweit Elektroautos ein- und sie dann in London wieder verkauft. "Allein im vergangenen Jahr haben wir 250 Fahrzeuge auf die Straße gebracht. In diesem Jahr sollen es deutlich mehr werden", sagt ein Firmensprecher. So holen die Briten mit dem "in Europa entwickelten und in China gebauten" Modell Ze-O den ersten bezahlbaren Fünftürer mit Elektroantrieb an die Themse. Er soll 13.995 Pfund kosten und in der Stadt eine Reichweite von mehr als 100 Kilometern bieten.

Außerdem ist ein Strom-Spaßauto unter dem Namen MyCar in Planung, das aussieht wie ein zu heiß gewaschener Gelände-Smart. Das Mobil schafft etwas mehr als Tempo 60, hat eine Reichweite von 90 Kilometern und soll knapp 9000 Pfund kosten. "Alles in allem also der coolste, billigste und bequemste Weg, um durch die Stadt zu kommen", wirbt Nice für den Wagen. Doch die Krönung stellte das Unternehmen im Juli auf der Motorshow in London vor: Den Prototyp eines Fiat 500 mit Elektroantrieb. Falls es ausreichend Kaufinteressenten gibt, soll der Kleinwagen bei einem Spezialisten in Italien auf Bestellung auf Stromantrieb umgerüstet werden.

Hundert Elektro-Smarts im Testbetrieb

Die Chancen stehen gut. "An Nachfrage mangelt es nicht", hat auch Tom Morrison-Johnes gelernt. Er leitet für Mercedes ein Pilotprojekt in London und hat in den vergangenen Monaten hundert auf Elektroantrieb umgerüstete Smarts an Behörden und Unternehmen verteilt. "Wir hätten problemlos mehr Autos auf die Straße bringen können", sagt er. Chris Rutherford, Verwaltungsangestellter im Islington Council berichtet: "In der Stadt macht so ein Auto richtig Spaß." Er stromert täglich im Elektro-Smart durch die City. Weil der Wagen beschleunigt wie ein Autoscooter, hängt er an der Ampel sogar manch einen Sportwagen ab. Und die Höchstgeschwindigkeit von mehr als 110 km/h ist allemal ausreichend. Nur mit der Reichweite hadert Rutherford; nach etwa 100 Kilometern muss der Smart an die Steckdose.

Völlig gleichgültig dagegen ist ihm der Preis des Dienstwagens. "Die Leasinggebühr ist etwa viermal so hoch wie für einen vergleichbaren Smart-Benziner", räumt Projektleiter Morrison-Johnes ein. "Doch wenn man täglich acht Pfund spart und den Wagen als Elektroauto oft auch noch kostenlos parken kann, hat man das Geld schnell wieder raus."

Europaweiter Versuch mit Hybrid-Lkw

Doch nicht nur das automobile Kleinvieh macht in London weniger Mist, sondern auch Lieferwagen und Trucks werden sauberer. Nachdem Mitsubishi Fuso in Japan bereits 300 Exemplare des Kleinlasters Canter mit Hybridantrieb ausgeliefert hat, geht der Laster nun auch in der britischen Hauptstadt ans Werk. Erst in diesen Tagen wurden zehn Exemplare des 7,5-Tonners an Speditionen, die Post und Kurierdienste übergeben, die im Rahmen des größten europäischen Flottentests für Hybridlastwagen durch die Stadt fahren sollen. Zielvorgabe: 15 Prozent weniger Verbrauch als mit einem Diesel-Lkw.

Nicky Gavron, bis Mai 2008 stellvertretende Bürgermeisterin von London, sieht sich durch diese Initiativen bestätigt, vermeidet aber jegliche Wertung einzelner Technologien. "Es gibt viele Möglichkeiten, wie die Menschen ihre durch Transport verursachten Emissionen reduzieren können", sagt die Politikerin. Ihr Rat an die Bürger: "Wenn Sie ihr nächstes Auto kaufen, nehmen Sie einfach das sparsamste, das sie kriegen können."

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