Los Angeles Autoshow Der Kater nach der Krise

Nach der Krise des vergangenen Jahres ging es der Branche zuletzt besser. Und anscheinend haben manche aus den Fehlern gelernt. Bei der Autoshow in Los Angeles deutet vieles auf eine neue Nüchternheit der Hersteller hin. Doch es gibt auch rasante Modelle zu sehen - zum Beispiel von Porsche.

Tom Grünweg

Aus Los Angeles berichtet


"Wir waren ziemlich lange im Bunker", sagt Ralph Gilles, Chef der Chrysler-Marke Dodge. "Jetzt fühlt es sich gut an, wieder herauszukommen und zu zeigen, woran wir arbeiten." Die Gelegenheit dazu bietet jetzt die Los Angeles Autoshow, die letzte große Pkw-Messe des Jahres 2010, die bei bestem Cabriowetter beginnt. Und viele Automanager sind überrascht ob der Entwicklung in den vergangenen zwei Jahren. Spyker-Chef Victor Muller, der neue Besitzer von Saab, bringt es auf den Punkt: "Früher hielt es niemand für möglich, dass die Autoindustrie in so eine Krise rutschen könnte. Und als wir drin waren, hat keiner geglaubt, dass es so schnell auch wieder hinaus geht."

Die Autoshow in Los Angeles ist durchaus ein Indikator für die Stimmung in der Branche. Im vergangenen Jahr fehlten an einigen Messeständen - vor allem jenen der US-Hersteller - sowohl die Auslegeware als auch eine ausreichende Beleuchtung. Das ist heute völlig anders. Die US-Marken, allen voran General Motors, bieten ein aufgeräumt-seriöses Bild, und die Mitarbeiter wirken wieder locker und zuversichtlich. Beflügelt wird die Stimmungslage speziell bei GM natürlich auch von der fulminanten Rückkehr an die Börse.

Eine entspannte Normalität also prägt in diesem Jahr die Autoshow, und die Pkw-Premieren verstärken diesen Grundton noch. Nach der von Elektrofahrzeugen und zahlreichen wegweisenden Studien geprägten Messe in Paris vor zwei Monaten präsentiert die Industrie in Los Angeles Neuheiten, die zum sonnigen, unverbindlichen Lebensstil an der Pazifikküste passen: Vor allem Cabrios und Sportwagen werden hier enthüllt. Durchweg Autos also, von denen nicht gleich das Wohl und Wehe einer ganzen Marke abhängt, die aber prima dazu taugen, wieder so etwas wie Spaß und Lässigkeit zu vermitteln.

Offene Autos für Fahrgenuss auf dem Highway No. 1

Das Angebot zum Offenfahren reicht vom uramerikanischen Musclecar Camaro, der jetzt mit Faltdach angeboten wird, über den lediglich aufgefrischten VW Eos, der von Heidi Klum präsentiert wurde, bis hin zum offenen Nissan Murano. "Wenn man auffallen will, muss man etwas dafür tun", sagt Nissan-Stratege François Bancon. In Kalifornien weiß man das zu würdigen, eine gute Show kommt immer an - und die bietet ein Geländewagen mit abnehmbaren Dach zweifellos. Das trifft auch auf zwei neue Sportwagen aus Deutschland zu, den Mercedes CLS 63 AMG und den Porsche Cayman R.

Neben derartigen Eyecatchern für die Sonnenstunden des Autofahrerlebens steht in Los Angeles natürlich auch blecherne Durchschnittsware. Dazu zählen Autos wie der renovierte Toyota Corolla, der neue Hyundai Elantra oder die Premieren der Heimmarken, etwa das Großraummodell Chrysler Voyager oder der Dodge Durango. Wirkliche Innovationen oder zumindest eine neue Designlinie sind zwar nicht zu erkennen, doch signalisieren die zahlreichen neuen Autos den Neustart nach der Finanz- und Absatzkrise. "Wir sind wieder am Start, und die Kunden sind wieder gespannt auf neue Autos", hat Ford-Marketing-Chef Joel Ewanick beobachtet.

Autos mit alternativen Antrieben gehören schon zum Establishment

Was kaum mehr ins Gewicht fällt auf der Messe in Los Angeles, sind alternative Antriebe und Öko-Konzepte. Die grüne Welle verebbt allmählich, und zwar deshalb, weil die sauberen Modelle inzwischen den Status des Außergewöhnlichen verloren haben. Gerade in Kalifornien, dem US-Staat mit den schärfsten Abgasgesetzen, gehören Öko-Typen zur Normalität. In diesen Wochen beginnt an der US-Westküste beispielsweise die Auslieferung des Elektroautos Nissan Leaf und des Hybridmodells Chevrolet Volt. Auf der Autoshow gezeigt werden ein für die USA etwas aufgeblasener Mitsubishi i-MiEV sowie mit den Modellen Kia Optima und Hyundai Sonata die ersten Fahrzeuge mit Hybridantrieb aus Korea.

Also alles bestens in der Autowelt? So ganz will sich dieser Eindruck nicht einstellen, was daran liegt, dass das Protzig-Auftrumpfende früherer Jahre einer eher nüchternen Grundstimmung gewichen ist. Eine Art Kater nach der Krise. "Es geht der Autobranche wieder besser. Aber es ist nichts mehr, wie es einmal war", versucht Spyker-Chef Muller eine Deutung. Dazu passt übrigens auch der Wetterbericht für Los Angeles: Nach eitel Sonnenschein ist für die nächsten Tage nämlich stürmisches Wetter gemeldet.



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