Lotus Evora Der Adler ist gelandet

Kein Autohersteller lässt sich mit Neuheiten so viel Zeit wie Lotus - aber nach 13 Jahren ist es wieder soweit: Die Briten stellen einen neuen Sportwagen vor. Anders als der puristische Elise bietet der Evora allerlei Annehmlichkeiten - wie Klimaanlage und Becherhalter.

Aus London berichtet


Auto-Premieren sind für Lotus-Chef Michael Kimberley eine Seltenheit - 13 Jahre ist es her, dass die Briten mit der Elise ihre letzte Neuheit präsentieren konnten. Egal ob Exige, Europa oder 2-Eleven – alles was danach kam, waren nur noch mehr oder mindert tiefgreifende Variationen des puristischen Sportlers, der jedes Quäntchen Komfort dem Leichtbau geopfert hat. Als Sportgerät ist und bleibt die Elise mitsamt ihren Geschwistern in vielen Disziplinen das Maß aller Dinge. Doch als Alltagsautos taugen die giftigen Schwestern allenfalls für die Lebensgefährten von Chiropraktikern Physiotherapeuten und anderen Heilkundlern. Und für Eltern sind die britischen Windsbräute ohnehin tabu.

Nun hat Lotus ein Einsehen mit Kunden, die Familie, Wohlstandsbauch oder Rückenleiden haben - oder schlichtweg nicht auf ein Mindestmaß an Komfort verzichten wollen. Sie lockt die britische Sportwagenmarke nun mit dem ersten Viersitzer in der jüngeren Firmengeschichte und zugleich dem ersten Auto, das ab Werk eine funktionierende Klimaanlage, ein Navigationssystem und sogar Becherhalter bekommt.

Obwohl die Briten sich damit ein wenig den Konventionen des Alltags beugen, bleibt der Evora ansonsten erfrischend unkonventionell: "Ein Auto wie dieses gibt es nicht noch einmal", schwärmt Kimberley und verweist auf den Motor, der wie bei jedem Lotus in Mittellage, also vor der Hinterachse montiert ist. Rein technisch fällt der Vergleich mit anderen Sportwagen tatsächlich schwer. Doch bei einem Grundpreis von etwa 70.000 Euro ist die Positionierung des Evora offensichtlich: Er passt perfekt in die Lücke zwischen Porsche Cayman und 911, und in den USA wird er auch mit der Corvette konkurrieren.

Obwohl die Mittelmotor-Bauweise bei einem zumindest in der Theorie viersitzigen Fahrzeug nicht unbedingt die platzsparendste ist, bleibt der Evora überraschend kompakt: Er ist bei einem Radstand von 2,58 Metern gerade einmal 4,34 Meter lang und reicht dem Fahrer bei einer Höhe von 1,22 Metern allenfalls bis an die Gürtelschnalle. Dennoch soll der Evora so konstruiert sein, dass man anders als etwa beim Europa ohne Schlangengymnastik ein- und aussteigen kann. Und was dem Wagen wohl an Kofferraum fehlt, soll bald eine zweite Variante wettmachen: "Im Lauf des Modellzyklus gibt es auch einen Zweisitzer mit Gepäckpritsche hinter den Sitzen und eine offene Version", kündigt ein Lotus-Sprecher an.

Als Quell der Kraft setzen die Briten wie schon bei Elise & Co. auf einen Motor von Toyota, der in Hethel kräftig überarbeitet wird. Diesmal allerdings gibt es sechs statt vier Zylinder, der Hubraum erreicht 3,5 LIter und die Leistung gibt Lotus mit 280 PS an. Den Sprint von 0 auf 100 soll der Evora damit in weniger als fünf Sekunden schaffen, und als Höchstgeschwindigkeit werden etwa 250 km/h in Aussicht gestellt.

Unterstützung aus Malaysia

Dass sich Lotus den Evora überhaupt leisten kann, verdanken die Briten ihrer Konzernmutter Proton aus Malaysia, die offensichtlich genügend Zutrauen in Kimberley und seine Kollegen hat. "Wir haben für die Entwicklung neuer Modelle eine ordentliche Finanzspritze bekommen und das Vertrauen nicht enttäuscht", sagt ein Lotus-Sprecher. "Immerhin haben wir im letzten Jahr zum ersten mal seit langer Zeit wieder einen Gewinn erwirtschaftet".

Mit dem Geld aus dem fernen Osten hat Lotus aber nicht nur den Evora entwickelt. Sondern auf dem sonst so leeren Premierenplan steht bereits die nächste Neuheit: "In zwei Jahren zeigen wir den Nachfolger des Esprit", sagt Kimberley. Die meisten Menschen kennen den Sportwagenklassiker als unterwassertaugliches Dienstauto von James Bond aus "Der Spion der mich liebte". Mit dem zwei Liter großen Vierzylinder von einst ist es beim neuen Modell allerdings nicht mehr getan: Ein V8 mit 350 bis 400 PS soll die flinke Flunder antreiben, hört man in Unternehmenskreisen. Und als wäre das noch nicht genug, entwickeln die Briten auch schon am Nachfolger der Elise, mit dem weitere zwei Jahre später zu rechnen sein soll.

Dass es den reinen Sportwagenhersteller in Zeiten von Rohölknappheit und Klimakrise bis dahin vielleicht gar nicht mehr geben wird, befürchtet der Chef nicht. Ähnlich wie das große Vorbild Porsche verdiene Lotus sein Geld nur zum Teil mit den eigenen Autos. Daneben gebe es noch die Entwicklungsschmiede Lotus Engineering, die Auftragsarbeiten für die gesamte Autobranche übernimmt. Unter den 367 Projekten im vergangenen Jahr "waren fünf Elektroautos, fünf Hybridfahrzeuge und drei Modelle für Bio-Sprit – warum sollte ich mir angesichts dieser Lage Sorgen um die Zukunft machen?"



© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.