Aus Genf berichtet Jürgen Pander
Mit Superlativen soll man vorsichtig sein, doch jetzt ist nicht die Zeit für Bescheidenheit. "Dieses Auto ist der ultimative Gentlemen's Grand Tourer", sagt Torsten Müller-Ötvös, Chef der zur BMW gehörenden Marke Rolls-Royce. Die Briten sprechen vom neuen Modell Wraith als dem "stärksten Rolls-Royce aller Zeiten". V12-Motor, 632 PS, von 0 auf Tempo 100 in 4,6 Sekunden - die Eckdaten des Zweitürers klingen nach Supersportwagen, doch diese Einschätzung weist Müller-Ötvös umgehend zurück. "Sportlich ist nicht der richtige Begriff für Rolls-Royce, dieses Auto bietet vielmehr eine außergewöhnliche Dynamik."
Was es noch bietet ist eine Canadel-Vertäfelung, also Edelholz-Applikationen aus dem gleichnamigen Küstenort in Frankreich. Außerdem eine Zweifarblackierung, dank der die Fastback-Karosserie erst richtig zur Geltung kommt sowie ein durch Satelliten-Daten unterstütztes Achtgang-Automatikgetriebe, das die Gänge je nach Topografie oder Straßenverlauf vorausschauend wählt.
Müller-Ötvös sagt, all diese Ingredenzien ergäben kombiniert das Gefühl, als sei man auf einem fliegenden Teppich unterwegs. Selbstverständlich auf einem in den Farben des Union Jack. "Britishness ist ein substanzieller Wert für Rolls-Royce. Am Beispiel Wraith ist es natürlich der Einsatz der Materialien: das Leder, die Hölzer, die Lammfellteppiche. Und es ist auch der Geruch. Fast könnte man von einem olfaktorischen Erlebnis sprechen, das durch die eingesetzten Materialien entsteht."
Tradition ist das eine, Zukunftsperspektive ist das andere. 3575 Autos lieferte Rolls-Royce im vergangenen Jahr aus, Verkaufs-Hotspots waren Peking, Abu Dhabi und Shanghai. Vor allem auf diesen Märkten soll auch das neue Coupé die Kassen klingeln lassen. Der Wagen soll eher jüngere Kunden ansprechen, Millionäre, die Spaß am Autofahren haben und das Image weg von der Chauffeurs-, hin zur Selbstfahrermarke trimmen.
245.000 Euro netto kostet der Wraith, die ersten Modelle werden im Oktober ausgeliefert. Noch während des Premierentrubels unmittelbar nach der Enthüllung des Wagens gingen die ersten Bestellungen für das gedrungen-bullige Auto ein. "Unsere Klientel eint Wohlstand", sagt Müller-Ötvös.
Der Markt für Luxusautos ist "potenziell unbeschränkt"
Ein zweites Merkmal der potenziellen Rolls-Royce-Kundschaft ist dies: Sie wächst. Die Gruppe der High-Net-Worth-Individuals (HNWI) und Ultra-High-Net-Individuals (UHNWI) - also jener Menschen, die über mehr als eine Million oder mehr als 30 Millionen freies Anlagevermögen verfügen - wird global auf rund elf Millionen Menschen geschätzt. "Der potenzielle Markt ist also fast unbeschränkt", sagt Christoph Stürmer, Analyst beim Beratungsunternehmen IHS Automotive.
Rabiaten Wettbewerb wie im Kompakt- oder Mittelklassesegment gibt es in diesen Sphären des Autobaus nicht. Müller-Ötvös: "Kunden in diesem Segment wählen nicht zwischen zwei Automarken, sie kaufen im Zweifel jedes Fahrzeug, das sie besitzen möchten."
Es könnte also passieren, dass ein solcher Kunde von einem Ausflug auf den diesjährigen Autosalon in Genf gleich vier neue Fahrzeuge mitbringt. Neben dem Rolls-Royce Wraith zum Beispiel noch einen Bentley Flying Spur und einen LaFerrari, denn auch diese Fabrikate zählen zu den oberexklusiven Novitäten dieser Messe. Und dann vielleicht noch den McLaren P1, der exakt 1,06 Millionen Euro netto kosten wird, über einen Hybridantrieb mit insgesamt 916 PS verfügt und in 17 Sekunden aus dem Stand auf Tempo 300 fetzt.
Ein McLaren-Sprecher trägt die technischen Details des Autos vor wie eine Hightech-Litanei. Nachdem alles Wesentliche aufgezählt ist, lächelt er und sagt: "Und jetzt kommt die eigentliche Pointe: Kaum ein Käufer wird das Auto auch nur annähernd adäquat fahren. Dieser Wagen wird vor allem an Sammler gehen, die ihn behandeln wie ein Kunstwerk."
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