Schwerer Manipulationsverdacht Das VW-Desaster in den USA - die Fakten

Volkswagen hat in den USA eine Software in seine Dieselmodelle installiert, die offizielle Abgasmessungen austrickst. Dem Konzern droht eine Strafe von bis zu 18 Milliarden Dollar. Die wichtigsten Fragen und Antworten im Überblick.

VW-Passat für die USA: Volkswagen soll Abgasmessung manipuliert haben
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VW-Passat für die USA: Volkswagen soll Abgasmessung manipuliert haben


Welche Vorwürfe erhebt die US-Umweltbehörde?

Volkswagen soll eine spezielle Software eingesetzt haben, um die offizielle Messung des Schadstoffausstoßes bei seinen Dieselautos zu manipulieren. Das teilte die Environmental Protection Agency (Epa) am Freitag in Washington mit.

Die betreffenden Vorschriften seien bewusst umgangen worden. "Solche Mittel zu benutzen, um die Klimaschutzstandards zu umgehen, ist illegal und eine Bedrohung für die öffentliche Gesundheit", sagte Epa-Vertreterin Cynthia Giles. Ihre Behörde werde die Untersuchungen in diesem "sehr ernsten" Fall fortsetzen. Auch eine weitere Behörde im Bundesstaat Kalifornien, die California Air Resources Board, habe in der Sache Untersuchungen eingeleitet.

Schon vor Jahren hatte die EPA andere Autohersteller wegen solcher Verstöße im Visier. Nach Angaben der Behörde aus dem Jahr 1998 endeten Ermittlungen gegen Honda und Ford mit Vergleichszahlungen von 267 Millionen und 7,8 Millionen Dollar.

Wie soll die Manipulation funktionieren?

"Einfach gesagt, diese Autos hatten ein Programm, das die Abgasbegrenzung beim normalen Fahren ausschaltet und bei Abgastests anschaltet", sagte Giles. Laut Epa erkennt eine "hochentwickelte Software" von Volkswagen, ob Autos behördlichen Tests unterzogen würden oder im Normalbetrieb unterwegs seien. Epa nennt sie "Defeat Device", Abschalteinrichtung.

Bei offiziellen Emissionstests, die das Programm an Parametern wie Steuerradwinkel und Geschwindigkeit erkennt, würde es das Abgaskontrollsystem aktivieren. Folge solcher Manipulationen sei, dass die Autos für den Umweltschutz festgesetzte Emissionslimits um das bis zu 40-Fache übertreffen könnten.

Welche Modelle sind betroffen?

Insgesamt geht es laut Epa um 482.000 Vier-Zylinder-Modelle von Volkswagen der Modelljahre 2009 bis 2014 - insbesondere um die VW-Modelle Jetta, Beetle und Golf sowie um das Audi-Modell A3. Außerdem um das VW-Modell Passat seit dem vergangenen Jahr.

Wie kam die Epa Volkswagen auf die Spur?

Die Epa hat die mutmaßlichen Manipulationen aufgrund eines Hinweises der West Virginia University untersucht. Die Universität arbeitete mit dem Forschungsinstitut International Council on Clean Transportation (ICCT) zusammen. Der ICCT Europa hat vor kurzem gemeinsam mit dem ADAC Testverfahren zur Messung von Stickoxiden in Dieselautos überprüft.

Wie reagiert der Konzern ?

Volkswagen hat die massive Abgasmanipulationen in den USA zugegeben. Konzernchef Martin Winterkorn kündigte am Sonntag eine externe Untersuchung der Vorgänge an. "Ich persönlich bedauere zutiefst, dass wir das Vertrauen unserer Kunden und der Öffentlichkeit enttäuscht haben", teilte er mit.

Wie "Bloomberg" berichtet, habe VW laut Epa die Manipulation schon eingestanden, als die US-Behörden signalisierten, dass sie die 2016er Modelle von VW nicht zulassen würden.

Was droht Volkswagen?

Die Epa hat bisher noch keinen Rückruf befohlen und noch keine Strafe verhängt. Volkswagen könnten allerdings Strafen von bis zu 37.500 Dollar (gut 33.000 Euro) pro Wagen drohen, also insgesamt mehr als 18 Milliarden Dollar. Allerdings ist unklar, ob dieses theoretische Höchstmaß ausgeschöpft würde.

Stefan Bratzel von der Fachhochschule der Wirtschaft in Bergisch Gladbach hält die Milliardensumme für einen sehr theoretischen Wert: Da VW ja bereits zugesagt habe, mit den Behörden zu kooperieren, werde das Strafmaß ohnehin gesenkt. Vermutlich drohten daher Strafzahlungen von mehreren hundert Millionen Dollar oder ein Betrag im knappen Milliardenbereich, schätzt der Professor.

Eine eventuelle Nachrüstung der betroffenen Autos könnte teuer werden - wenn sie überhaupt möglich ist. Die Installation eines neuen Abgaskontrollsystem sei zu schwierig, berichtet "Bloomberg". Um die Grenzwerte bei den betroffenen Autos zu erreichen, müsse Volkswagen möglicherweise die Motorleistung drosseln und den Kraftstoffverbrauch erhöhen. Vorerst müssen die Fahrzeuge jedoch nicht in die Werkstätten zurückgerufen werden, betonte die EPA.

Was heißt das für VW-Autos in Deutschland?

Der Fall wirft die Frage auf, ob es Ähnliches auch in anderen Ländern gegeben haben könnte. "Aufgrund der sehr unterschiedlichen Gesetzgebungen kommen in den einzelnen Märkten jeweils Motorkonzepte mit unterschiedlichen Technologien zum Einsatz", sagte ein VW-Sprecher dazu. "Der Fall lässt sich nicht direkt auf andere Regionen übertragen. Unsere Fahrzeuge in Europa erfüllen die jeweils zum Zeitpunkt der Zulassung geltenden Abgasgrenznormen."

Die Deutsche Umwelthilfe (DUH) ist anderer Ansicht und will nun vor Gericht ein Fahrverbot für Diesel-Pkw in Deutschland erstreiten. Das Problem bestehe nicht nur in den USA, sondern in noch deutlich stärkerem Umfang in Europa, vor allem bei den deutschen Herstellern, teilte die Organisation mit. Die Organisation wirft Autoherstellern seit Längerem vor, die Abgasbelastung durch Dieselantriebe zu schönen.

Hat Volkswagen in den USA überhaupt noch eine Chance?

Die Ermittlungen der Umweltbehörde stellen für Volkswagen einen großen Rückschlag dar. Diesel-Fahrzeuge gehören in den USA zu den wenigen Verkaufsschlagern von VW, der Konzern kämpft auf dem US-Markt schon länger mit schwachen Absatzzahlen. Nach einem kurzen Aufwärtstrend musste er zuletzt für den Monat August bei seiner Kernmarke VW in den USA ein sattes Minus melden. Die Zahl der verkauften Autos schrumpfte im Jahresvergleich um 8,1 Prozent auf rund 32.300.

Mit einer groß angelegten Marketing-Kampagne für die "Clean Diesel"-Autos sollten die US-Verbraucher von der Umweltfreundlichkeit der dort als Traktor-Antrieb verpönten Fahrzeuge überzeugt werden. Inzwischen sind vom offiziellen YouTube-Kanal von VW alle Werbeclips hierzu gelöscht worden. Dem US-Autoblog "Jalopnik", der am Freitag zuerst auf die verschwundenen Werbevideos hinwies, konnte VW zunächst keine Erklärung dafür liefern. Ein Sprecher sagte lediglich, man werde sich mit der Sache befassen.

Was sollte Volkswagen nun tun?

Wirtschaftsprofessor Stefan Bratzel fordert strukturelle Änderungen beim Wolfsburger Konzern. "Da ist etwas fundamental schiefgegangen bei VW." Es sei sehr verwunderlich, dass die mutmaßlichen Machenschaften der amerikanischen US-Tochter nicht längst an Wolfsburg gemeldet worden seien, was ein Durchgreifen der Konzernspitze nach sich gezogen hätte, sagt der Experte.

"Das muss jetzt ein Weckruf zur Einhaltung der Compliance-Regeln sein", sagt Bratzel. Compliance-Regeln legen fest, wie sich Konzerne verhalten müssen, damit ihre Geschäfte im Einklang mit geltendem Recht stehen. Bratzel vermutet, die VW-Tochter in den USA sei mit ihren dortigen Geschäftspraktiken gewissermaßen aus dem Ruder gelaufen. "In Wolfsburg ist man sich doch im Klaren, dass man Regeln nicht einfach aushebeln darf."

Was bedeutet der Fall für die deutsche Autoindustrie?

Experten fürchten nicht nur einen Imageschaden für Volkswagen, sondern für die gesamte deutsche Autoindustrie. "Das ist ein Bärendienst für die ganze deutsche Dieseltechnologie", sagt Wirtschaftsprofessor Bratzel. Hierdurch würde das Image von Dieselautos - in den USA ohnehin eine Nische - schwer beschädigt.

Auch BMW und Daimler seien dadurch indirekt betroffen. "Man versucht seit Jahren, die Dieseltechnologie in den USA zu etablieren - und jetzt das", sagt Bratzel. "Der Fall kommt zur Unzeit für die Strategie deutscher Autobauer, Dieselfahrzeuge als saubere Technologie in den USA zu etablieren."

Der Chef des Konkurrenten Daimler, Dieter Zetsche, sagte, er gehe davon aus, dass sein Unternehmen die Gesetze "sowohl dem Buchstaben nach als auch dem Sinne nach" eingehalten habe. Er bedauere natürlich, was Volkswagen in den USA gerade erlebe, sagte der Daimler-Chef. "Ich habe eine grobe Vorstellung, worum es geht und dass das auf uns nicht zutrifft, nicht übertragbar ist." Allerdings sei es viel zu früh, um eine finale Aussage zu machen.

abl/dpa/Reuters



Forum - Diskussion über diesen Artikel
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ulrich-lr. 20.09.2015
1. Abreibung
VW braucht Weckrufe. Und jetzt noch eine kräftige Abreibung für die unprofessionell ruckelnde DSG-Schaltung. Horror: Auf nasser Straße ein Passat mit Automatik beim Anfahren an der Kreuzung! Da ist mal so eine richtige Sammelklage all derer angebracht, die beim Anfahren ihre Zahnplomben und Inlays verloren. Sonst merken die VW nie was und tricksen weiter.
spon-1290982200348 20.09.2015
2. Das nenne
ich mal "Deutsches Topmanagement". Klasse...
wo_st 20.09.2015
3. Und was nun
Und keiner wird dafür zur Rechenschaft gezogen, wohl weil das Problem nicht nur den US Markt betrifft. Wird einer rausgeworfen ist der dann ein Kronzeuge. Wann kommen die Anderen Hersteller dran?
gandhiforever 20.09.2015
4. Kriminell
Was VW da gemacht hat, ist kriminell. Die Konsequenzen sollten entsprechend sein. VW hat nicht nur die EPA hinters Licht gefuehrt, wofuer eine saftige Strafe droht, sondern auch Kunden betrogen. Meiner Meinung nach muesste der Konzern gezwungen werden, saemtliche manipulierte Autos zum Neupreis zurueckzukaufen. Ein class action law suit der Betrogenen wird es auf jeden Fall geben.
mcpoel 20.09.2015
5. Zuviel Elektronik
Weniger Elektronik würde das alles transparenter machen. Abgasgutachten sollten zudem für jeden erschwinglich sein- nicht nur für Großkonzerne!
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