Marode Brücken in Deutschland "Staat muss Baufirmen auf die Finger schauen"

Die Katastrophe von Genua wirft Fragen zum Zustand der Brücken in Deutschland auf. Es gebe einen Investitionsstau, der durchaus Risiken berge, warnt Grünen-Verkehrsexperte Stephan Kühn.

Leverkusener Brücke auf der Autobahn A1
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Leverkusener Brücke auf der Autobahn A1

Ein Interview von


Zur Person
  • Stefan Kaminski / Buendnis 90 Die Gruenen im Bundestag
    Stephan Kühn, geboren 1979 in Dresden, ist seit 2009 Mitglied des Deutschen Bundestages und verkehrspolitischer Sprecher von Bündnis 90/Die Grünen. Auf seiner Homepage wirbt er für eine grundlegende Verkehrswende.

SPIEGEL ONLINE: Herr Kühn, sind Deutschlands Brücken sicher?

Stephan Kühn: Es gibt jährliche Sichtprüfungen und weitergehende, regelmäßige Untersuchungen durch die zuständigen Behörden. Diese werden sehr umfangreich dokumentiert. Die festgelegten Vorschriften sind per se in Ordnung.

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Brückeneinsturz in Genua: "Entsetzliche Tragödie"

SPIEGEL ONLINE: Viele Brücken gelten als chronisch überlastet, vor allem vom Lastwagenverkehr. Welche Folgen hat das?

Kühn: Ein Großteil der Bauwerke insbesondere im Westen Deutschlands stammt aus den Sechziger- und Siebzigerjahren. Damals haben die Planer nicht mit dieser Menge an Schwerlastverkehr gerechnet. Der Aufwand, sie in den kommenden Jahren zu sanieren oder zu ersetzen, ist immens. Es fehlt an qualifiziertem Personal für Sanierungs- und Bauprojekte.

SPIEGEL ONLINE: Es wurde jahrelang Personal abgebaut, wozu kann dieser Engpass führen?

Kühn: Vor allem Städte und Gemeinden werden absehbar mehr Brücken sperren und Tonnagebeschränkungen einführen, wenn nicht schnell Personal eingestellt und das nötige Geld investiert wird. Die Kommunen brauchen dafür finanzielle Unterstützung von Bund und Ländern, um den Sanierungsstau zu bewältigen.

SPIEGEL ONLINE: Leidet die Sicherheit der sanierten und erneuerten Brücken unter dem Personalmangel?

Kühn: Die Bauwirtschaft gerät wegen der guten Konjunktur an ihre Grenzen. Deshalb muss der Staat den Baufirmen auf die Finger schauen. Je besser die Behörden mit gut qualifiziertem Personal ausgestattet sind, desto geringer ist die Gefahr von Baumängeln.

SPIEGEL ONLINE: Ist die Bauwirtschaft überhaupt ausreichend vorbereitet auf die massenweise, erstmalige Erneuerung der Brücken?

Kühn: Bei bestimmten technischen Konstruktionen aus der Vergangenheit wird es sicher Überraschungen geben, meist negative. Die Bautechnik gerade in den Sechziger- und Siebzigerjahren hat sich nicht immer als nachhaltig erwiesen. So etwas wird bei einer vertieften Prüfung sichtbar.



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whitewisent 14.08.2018
1.
Kühn: Die Bauwirtschaft gerät wegen der guten Konjunktur an ihre Grenzen. Deshalb muss der Staat den Baufirmen auf die Finger schauen. Je besser die Behörden mit gut qualifiziertes Personal ausgestattet sind, desto geringer ist die Gefahr von Baumängeln. Ähm, ist das wirklich ein Bauexperte? Was hat eine gute Konjunktur mit Baumängeln an 50 Jahre alten Bauwerken zu tun? Hier ist der Staat, und ja, auch die verantwortlichen Parteien, dem auf die Finger geschaut werden muss, ob er noch die Daseinsfürsorge für den Bürger sichert. Denn es geht nicht darum, gut qualifizierte Kontrolleure für Baufirmen zu haben, sondern bei dem Bauvolumen geht es wieder darum, staatseigene Baukapazitäten vorzuhalten, welche für die kommenden Jahrzehnte den Bestand sichern. Und das ohne in den Markt einzugreifen, denn Neubau und planmäßige Wartungsintervalle sind schon jetzt am Markt nur schwer an Firmen zu vergeben. Genauso geht es leider auch darum, qualifiziertes Personal in der Verwaltung zu haben, was rechtssicher Ausschreibungen durchführt, und Planungen koordiniert. Das ist nicht Aufgaben von Firmen, also auch deren Mängel nicht diesen anzulasten. Peinlich
nwz86 14.08.2018
2. Grüne sog. Verkehrsexperten
Wieso wird hier wieder ein "grüner Verkehrs'experte'" im Artikel erwähnt, ausgerechnet ein Vertreter dieser autofeindlichen Partei, die jede Strasse, jede Autobahn, jede Brücke mit Protesten überzieht. Wird von SPON wirklich jede Möglichkeit genutzt, diese Partei ins Gespräch zu bringen, auch wenn es zum Thema so überhaupt nicht passt?
ge2003mi 14.08.2018
3. SInd die Baufirmen wieder die Bösen?????
Eine reißerische Überschrift und jede Menge durcheinander zeichnen diesen Artikel aus. In den Verwaltungen wurde über Jahre versäumt Fachkräfte nachzuführen. Viele Brückenbauwerke haben in Deutschland ihr geplantes Ende der Lebensdauer erreicht. Die Verwaltungen sind nicht in der Lage die notwendigen Ausschreibungen an den Markt zu bringen. Aber bitte was hat das mit Bauaufsicht und Baumängeln zu tun??
naive is beautiful 14.08.2018
4. Mehr Wettbewerb bringt deutsche Baufirmen auf Trab
Die Auflösung des massiven Renovierungsstaus bei Autobahnen und Brücken ist kein Finanzierungs- sondern ein Kapazitätsproblem. Wenn deutsche und europäische Baufirmen keine ausreichenden Kapazitäten anbieten können oder wollen, helfen notfalls chinesische Unternehmen bestimmt gern und zügig weiter. Übrigens auch hinreichend qualifiziert und in jeder geforderten Qualitätsstufe. Komme mir bloß keiner mit angeblichen Sicherheitsbedenken - dafür gibt es hinreichende real existierende Qualitätsnachweise mit Großprojekten auf allen Kontinenten.
marcaurel1957 14.08.2018
5.
Zitat von whitewisentKühn: Die Bauwirtschaft gerät wegen der guten Konjunktur an ihre Grenzen. Deshalb muss der Staat den Baufirmen auf die Finger schauen. Je besser die Behörden mit gut qualifiziertes Personal ausgestattet sind, desto geringer ist die Gefahr von Baumängeln. Ähm, ist das wirklich ein Bauexperte? Was hat eine gute Konjunktur mit Baumängeln an 50 Jahre alten Bauwerken zu tun? Hier ist der Staat, und ja, auch die verantwortlichen Parteien, dem auf die Finger geschaut werden muss, ob er noch die Daseinsfürsorge für den Bürger sichert. Denn es geht nicht darum, gut qualifizierte Kontrolleure für Baufirmen zu haben, sondern bei dem Bauvolumen geht es wieder darum, staatseigene Baukapazitäten vorzuhalten, welche für die kommenden Jahrzehnte den Bestand sichern. Und das ohne in den Markt einzugreifen, denn Neubau und planmäßige Wartungsintervalle sind schon jetzt am Markt nur schwer an Firmen zu vergeben. Genauso geht es leider auch darum, qualifiziertes Personal in der Verwaltung zu haben, was rechtssicher Ausschreibungen durchführt, und Planungen koordiniert. Das ist nicht Aufgaben von Firmen, also auch deren Mängel nicht diesen anzulasten. Peinlich
Der Staat soll „Baukapazitäten“ vorhalten? Das ist absurd, mehr als Planungs und Komtrollkapazitäten braucht der Staat sicher nicht. Alles andere ist Sache des privaten Sektors
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