Autogramm Maserati Ghibli Die Nagelprobe

Ein Maserati mit Dieselmotor? Für viele Fans der Marke eine Todsünde. Das neue Management der Fiat-Tocher hofft durch die ungewöhnliche Kombination auf explosionsartiges Wachstum. Den sonst so betörenden Sound versucht im neuen Ghibli ein Synthesizer zu erzeugen - mit verwirrendem Ergebnis.

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Maserati

Der erste Eindruck: Wow! Endlich mal ein neuer Look im Einerlei der Geschäftslimousinen. Firmenparkplätze werden in der Regel von deutschen Fabrikaten dominiert, aber an der Optik der Konkurrenten wie der Mercedes E-Klasse, dem 5er-BMW oder Audi A6 hat man sich einfach sattgesehen.

Das sagt der Hersteller: Firmenchef Harald Wester sieht den Ghibli als zentrale Weiche in Richtung 50.000 Neuzulassungen pro Jahr, die der Manager für Maserati bis 2015 anpeilt. Stand die noble Fiat-Tochter aus Modena bislang vor allem für luxuriöse Sportwagen und sportliche Luxuslimousinen, wagen sich die Italiener nun in die rationaler geprägte Klasse der Firmenlimousinen.

Der Ghibli ist vor allem auf den europäischen Markt zugeschnitten und soll dort richtig Masse machen. Maserati kalkuliert mit deutlich mehr als 20.000 Verkäufen pro Jahr - mehr als von allen anderen Modellen zusammen. Dafür springt die Firma mit dem Dreizack im Logo gleich zweimal über ihren Schatten. So ist der Ghibli die erste Baureihe der jüngeren Firmengeschichte, die es nur mit V6-Motoren gibt. Und der erste Maserati seit fast 100 Jahren, der auf Wunsch mit einem Dieselmotor ausgeliefert wird.

Das ist uns aufgefallen: Wie sehr man sich daran gewöhnen muss, dass der rote Bereich des Drehzahlmessers schon bei etwa 5000 Touren beginnt - da laufen sich Benziner aus Italien normalerweise erst warm. Aber wenn bis zu 600 Nm Drehmoment antreten und die Achtgang-Automatik die Gänge so flott wechselt, dass man immer auf dem Gipfel der Drehmomentkurve tanzt, stellt sich beim Beschleunigen mit dem Dieselmotor der vertraute Druck am Rücken ein: von 0 auf 100 in 6,3 Sekunden - das geht für einen Maserati in Ordnung. Die Höchstgeschwindigkeit ist auf 250 km/h begrenzt, Maserati verzichtet darauf, sich beim Tempo von der Konkurrenz abzuheben.

Das Aggregat kommt vom italienischen Zulieferer VM, dessen Motoren sich bislang zwar nicht mit Hightech oder Laufkultur hervortaten, doch dafür bietet das Triebwerk ordentlich Wumms. Mit 275 PS rühmt Maserati den am Stammsitz in Modena gründlich überarbeiteten Drei-Liter-Motor als stärksten Single-Turbo im Segment. Nur Triebwerke mit zwei oder drei Ladern sind stärker und kommen bei Audi auf 313 oder bei BMW gar auf 381 PS.

Maserati geht es allerdings nicht nur um Fahrvergnügen, sondern auch um Vernunft. Deshalb gibt es für den Ghibli auf Knopfdruck ein besonders sparsames Schaltprogramm und erstmals bei Maserati auch eine Start-Stopp-Automatik. So kommt der Wagen auf 5,9 Liter Normverbrauch und liegt damit nur wenig über den deutschen Modellen dieser Machart. Auch wenn die 5,9 Liter ein weiterer Fabelwert im Märchenbuch der Normwerte sind und man im realen Betrieb zwei oder drei Liter mehr einkalkulieren sollte, ist Auto der sparsamste Maserati bislang.

Was noch auffällt, ist die wieder entdeckte Handlichkeit. Während der Quattroporte mit Blick auf die Kunden in den USA und China geradezu aus dem Leim gegangen ist, wurde der Ghibli deutlich schlanker positioniert. Das Auto wiegt zwar stattliche 1835 Kilo, doch das Format wurde verkleinert. Der Ghibli ist 29 Zentimeter kürzer als der Quattroporte und hat einen um 17 Zentimeter geringeren Radstand.

Das muss man wissen: Bestellen kann man den Ghibli schon jetzt, ausgeliefert wird das Modell ab September. Er kostet als Diesel mindestens 64.980 Euro und ist damit mehr als 40.000 Euro billiger als ein Quattroporte. Zudem gibt es einen ebenfalls drei Liter großen V6-Benziner, der mit 330 PS oder 410 PS und in der stärkeren Version auch mit Allradantrieb angeboten wird. Dann klettert der Preis auf 82.470 Euro.

Eine Lederausstattung ist Standard, aber es gibt auch Lücken auf der Ausstattungsliste. Denn außer einem mobilen W-Lan-Hot-Spot hat der Ghibli kaum Infotainment-Technik zu bieten. Sinnvolle Vielfahrer-Assistenzsysteme wie eine Abstandsregelung oder eine Spurführungshilfe werden nicht angeboten.

Zwar ist das aus dem Baukasten des Quattroporte abgeleitete Auto komplett neu und fährt in einem für Maserati neuen Segment. Doch der Name hat eine große Tradition bei Maserati. Einen Ghibli gab es schon von 1966 bis 1973 und von 1992 bis 1997 - beide waren schnittige Coupés.

Das werden wir nicht vergessen: Den eigenwilligen Klang des Dieselmotors. Weil der Sound so etwas wie die Seele von Maserati ist und ein nagelndes Geräusch nicht in Frage kam, haben die Ingenieure eine Art Synthesizer eingebaut und komponieren mit Lautsprechern im Heck des Wagens einen ganz eigenen Motorsound. Den kann man per Tastendruck sogar variieren. Zu hören kriegt man eine Mischung aus Hafenschlepper und amerikanischem V8-Oldtimer, was ungewohnt und immer ein bisschen künstlich klingt. Irgendwie passt die Melodie trotzdem -wer ein leises und exquisites Auto in dieser Klasse fahren möchte, muss eben Lexus fahren.

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insgesamt 76 Beiträge
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Seite 1
bonowe 22.06.2013
1. Maserati Ghibli
Anlassen (Innenaufnahme ) .Klingt wie eine Mischung aus VW Käfer und Rasenmäher .Bevor man ein Auto so klingen lässt , sollte man es lieber so leise wie möglich machen . bonowe
chiefseattle 22.06.2013
2. dann lieber
... den Ghibli von 1972, der fuhr 280km/h, wenn man viel, viel Mut hatte!
rechnernetzstecker 22.06.2013
3. Lächerlich und kindisch
Ich würde kein Auto mit künstlichem Motorensound kaufen. Was soll das? Bei Kinderspielzeug ist das ja für die Kleinen ganz nett, und für die Großen nervig. Aber bei einem echten Auto? Das Design ist übrigens ziemlich nah am Tesla Model S. Ein Lob an Tesla also für das Design des neuen Spielzeug-Maserati *g*
huettenfreak 22.06.2013
4. Für den Preis
Na, das ist doch mal was! Sicher eine gute Alternative mit Stil im Vergleich zur Massenware E-Klasse, 5er und Co..
lex1976 22.06.2013
5. No Name
Ein Maserati mit Diesel... warum nicht. Auch Porsche hat diese einst undenkbare Schwelle überschritten. Aber der Name! Klar, er hat Tradition, aber im deutschsprachigen Raum kommt der nicht an.
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