Massenkarambolage auf der A45: Machtlos im Schneetreiben

Von Christoph Stockburger

Massenkarambolage auf der A45: Viele Wracks, keine Toten Fotos
DPA

Hundert Fahrzeuge verkeilten sich auf der A45 in Hessen. Dass es keine Todesopfer gab, grenzt fast an ein Wunder. Solche Unfallserien passieren schneller, als man glaubt. Grund sind plötzliche Veränderungen des Wetters - und falsches Orientieren am Vordermann.

Hamburg - Bei einer Massenkarambolage auf der A45 sind am Dienstag Dutzende Menschen verletzt worden, einige von ihnen schwer. Es hätte viel schlimmer kommen können. Laut Polizeiangaben waren bis zu 100 Fahrzeuge an dem Unfall beteiligt, darunter auch mehrere Lastwagen. Wie kann es überhaupt zu einem Massenunfall solchen Ausmaßes kommen?

Laut Lars Hannawald, Leiter der Unfallforschung der TU Dresden, können vor allem plötzliche Veränderungen der Witterung zu Massenkarambolagen führen. "Wenn viele Autofahrer gleichzeitig überrascht werden, wird es gefährlich." Als Beispiele nennt er Blitzeis und plötzlich auftretenden Nebel. "Wir hatten auch schon mal den Fall, dass die tiefstehende Sonne auf einen Schlag viele Fahrer blendete und es zu einer Unfallserie kam", sagt Hannawald.

Bei der Massenkarambolage, die sich nun auf der A45 ereignete, herrschte starkes Schneetreiben. Die Sicht war wie bei Nebel eingeschränkt. Bei solchen Witterungsverhältnissen begehen viele Autofahrer einen schweren Fehler, sagt Siegfried Brockmann, Leiter der Unfallforschung der Versicherer (UDV). "Sie orientieren sich bei extrem schlechten Sichtverhältnissen am Vordermann. Dabei kopiert man aber automatisch dessen Fahrstil, vergisst dabei das eigene Sicherheitsverhalten und fährt zu schnell." Er rät dazu, sich die Geschwindigkeit lieber selbst vorzugeben, als zum Vordermann aufzuschließen.

Die Ursachen sind im Grunde jedoch die gleichen wie bei allen Unfällen, sagt Brockmann. "Der Bremsweg wird von vielen Autofahrern immer noch unterschätzt." Auf trockener Fahrbahn und bei einer Geschwindigkeit von 100 km/h braucht ein Wagen seinen Angaben nach 55 Meter, ehe er steht. "Und bei Nässe werden daraus rasch 90 Meter", so Brockmann. "Das machen sich die meisten Leute einfach nicht klar."

"Das sind die Gesetze der Physik"

Hinzu komme die Reaktionszeit. Bis ein Durchschnittsfahrer in die Bremsen steigt, erklärt er, hat er bei Tempo 100 bereits 28 Meter zurückgelegt. Je nach Straßenverhältnissen und Geschwindigkeit kann sich der Bremsweg dabei auf mehr als 200 Meter verlängern. "Das sind die Gesetze der Physik", sagt Brockmann, "dagegen ist man machtlos, auch wenn man sich für einen guten Fahrer hält."

Sein Ratschlag: genügend Abstand zum Vordermann halten. "Die Faustregel lautet 'Halber Tacho', also bei 100 km/h beispielsweise 50 Meter - aber das kann bei höherem Tempo und schlechten Witterungsbedingungen auf der Autobahn schon zu wenig sein."

Wenn es aber zu spät ist, und man in einen Crash auf der Autobahn verwickelt ist, gibt es laut Brockmann nur eine Vorgehensweise: "Falls möglich, nichts wie raus aus dem Wagen und hinter die Leitplanke. Eigensicherung geht vor Fremdsicherung." Häufig komme es vor, dass Menschen nach einem Unfall heil aus dem Wagen steigen - und anschließend auf der Straße überfahren werden, weil sie von nachfolgenden Fahrern zu spät erkannt werden.

Erst wenn man sich einen genauen Überblick über die Situation verschafft hat, kann man eingreifen. "Auf der Autobahn sollte dann etwa 200 Meter vor dem Unfallort das Warndreieck aufgestellt werden", sagt Andreas Hölzel vom ADAC. Anschließend müsse über 112 der Notruf alarmiert werden.

Auch wenn es leicht zu Unfällen kommen kann: Massenkarambolagen wie auf der A45 sind laut Brockmann eher selten. "Im Versicherungsdeutsch spricht man ab 50 beteiligten Fahrzeugen von einem Massenunfall", so der der UDV-Leiter, "davon gibt es pro Jahr in Deutschland weniger als zehn Fälle".

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insgesamt 168 Beiträge
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1.
gandalf_guevara 12.03.2013
Zitat von sysop100 Fahrzeuge verkeilten sich auf der A 45 in Hessen. Dass es keine Todesopfer gab, grenzt fast an ein Wunder. Solche Unfallserien passieren schneller, als man glaubt. Grund sind plötzliche Veränderungen des Wetters - und falsches Orientieren am Vordermann.
§4 StVo : Der Abstand von einem vorausfahrenden Fahrzeug muß in der Regel so groß sein, daß auch dann hinter ihm gehalten werden kann, wenn es plötzlich gebremst wird.... Bei einer Wetterlage wie der eingetretenen sind 100 Meter wohl durchaus angemessen. Sollte einer der "Betroffenen" weniger Lücke gehalten haben - dann darf er sich getrost vor dem Spiegel selbst ohrfeigen. Formel Anhalteweg berechnen (http://www.fahrschule-123.de/formeln/anhalteweg/) - und diese Formel ist noch nicht mal auf Schnee und Eis ausgelegt.... !
2. Bei "Blitzeis"
immernachdenklicher 12.03.2013
Zitat von gandalf_guevara§4 StVo : Der Abstand von einem vorausfahrenden Fahrzeug muß in der Regel so groß sein, daß auch dann hinter ihm gehalten werden kann, wenn es plötzlich gebremst wird.... Bei einer Wetterlage wie der eingetretenen sind 100 Meter wohl durchaus angemessen. Sollte einer der "Betroffenen" weniger Lücke gehalten haben - dann darf er sich getrost vor dem Spiegel selbst ohrfeigen. Formel Anhalteweg berechnen (http://www.fahrschule-123.de/formeln/anhalteweg/) - und diese Formel ist noch nicht mal auf Schnee und Eis ausgelegt.... !
Dürften selbst 100 Meter nicht reichen. Je nach Geschwindigkeit versteht sich.
3.
Schalke 12.03.2013
Wenn ich im Winter immer wieder sehe, dass bei einsetzendem heftigen Schneefall die Fahrbahn anfängt weiß zu werden, und dann immer noch gerast wird auf Teufel komm raus, dann wundern mich solche Unfälle nicht. Gerade die LKW-Fahrer sind die "Experten", die unvermindert mit 90 km/h und 40 Tonnen im Nacken weiter rasen. Aber auch PKW findet man unter den Kandidaten. Gerade gestern waren den "Königen der Landstraße" 60 km/h im dichten Schneetreiben noch zu wenig. Elefantenrennen auf der Mittelspur und Links. Scheiß drauf, ich sitz ja hoch und sicher, wenn ich mit 90 das Stauende zusammenschiebe, nicht wahr? Ich will ja schnell auf den Hof und Feierabend machen. Was interessieren mich da so ein paar Weicheier in ihren Autos, die nur 50 oder 60 auf der Autobahn fahren, weil die Witterung nicht mehr zuläßt!? Dann kommt das raus, was hier im Bericht steht. So was kommt von so was.
4. Beknackte Tipps
KAP 12.03.2013
Natürlich orientiert sich der erfahrene Autofahrer nicht wie ein Lemming am Vordermann - sondern fährt etwas versetzt und hat im Blick, was sich vier oder fünf Autos vor ihm abspielt. Dann muss er auch nicht idiotischer Weise pro 100 Meter fünfmal bremsen, weil er permanent überrascht wird, sondern kann für einen viel ruhigeren Verkehrsfluss sorgen - trotz hurtiger Fortbewegung. Das ist übrigens auch der Punkt, an dem diese beknackte Mindestabstandsregelung krankt, die sich in der Praxis überhaupt nicht umsetzen lässt - es sei denn, ich finde es toll, dass sich jeder 40-Tonner freudig zum Überholen in die Lücke quetscht.
5.
erlachma 12.03.2013
Zitat von gandalf_guevara§4 StVo : Der Abstand von einem vorausfahrenden Fahrzeug muß in der Regel so groß sein, daß auch dann hinter ihm gehalten werden kann, wenn es plötzlich gebremst wird.... Bei einer Wetterlage wie der eingetretenen sind 100 Meter wohl durchaus angemessen. Sollte einer der "Betroffenen" weniger Lücke gehalten haben - dann darf er sich getrost vor dem Spiegel selbst ohrfeigen. Formel Anhalteweg berechnen (http://www.fahrschule-123.de/formeln/anhalteweg/) - und diese Formel ist noch nicht mal auf Schnee und Eis ausgelegt.... !
Es ist halt immer die Frage der Umstände. Zum Vordermann kann man ja Abstand halten, aber was machen Sie mit den Nebenleuten? Kommt da einer ins Schleudern, nützt Ihnen der ganze Abstand zum Vordermann nichts mehr. Im Grunde gibts zwei goldene Regeln: extrem vorsichtig fahren, das beinhaltet auch den Abstand, und zum anderen keinerlei plötzliche Manöver durchführen. Das ist nämlich die Hauptunfallursache: jemand erschrickt (Sonne, Nebel, auch Sandsturm hatten wir schon in Deutschland...) und steigt zu stark auf die Bremse. Das bekommt im besten Fall nur der Hintermann ab (der ja genug Abstand halten kann), aber gerade bei Eis und Nässe verliert der Fahrer bei solchen Manövern auch mal die Kontrolle über das eigene Auto, und dann ist der Crash mit dem Nebenmann vorprogrammiert. Gerne auch als Kette: Nebenmann weicht aus, und dessen Nebenmann kriegts ab.
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