Hamburg - Bei einer Massenkarambolage auf der A45 sind am Dienstag Dutzende Menschen verletzt worden, einige von ihnen schwer. Es hätte viel schlimmer kommen können. Laut Polizeiangaben waren bis zu 100 Fahrzeuge an dem Unfall beteiligt, darunter auch mehrere Lastwagen. Wie kann es überhaupt zu einem Massenunfall solchen Ausmaßes kommen?
Laut Lars Hannawald, Leiter der Unfallforschung der TU Dresden, können vor allem plötzliche Veränderungen der Witterung zu Massenkarambolagen führen. "Wenn viele Autofahrer gleichzeitig überrascht werden, wird es gefährlich." Als Beispiele nennt er Blitzeis und plötzlich auftretenden Nebel. "Wir hatten auch schon mal den Fall, dass die tiefstehende Sonne auf einen Schlag viele Fahrer blendete und es zu einer Unfallserie kam", sagt Hannawald.
Bei der Massenkarambolage, die sich nun auf der A45 ereignete, herrschte starkes Schneetreiben. Die Sicht war wie bei Nebel eingeschränkt. Bei solchen Witterungsverhältnissen begehen viele Autofahrer einen schweren Fehler, sagt Siegfried Brockmann, Leiter der Unfallforschung der Versicherer (UDV). "Sie orientieren sich bei extrem schlechten Sichtverhältnissen am Vordermann. Dabei kopiert man aber automatisch dessen Fahrstil, vergisst dabei das eigene Sicherheitsverhalten und fährt zu schnell." Er rät dazu, sich die Geschwindigkeit lieber selbst vorzugeben, als zum Vordermann aufzuschließen.
Die Ursachen sind im Grunde jedoch die gleichen wie bei allen Unfällen, sagt Brockmann. "Der Bremsweg wird von vielen Autofahrern immer noch unterschätzt." Auf trockener Fahrbahn und bei einer Geschwindigkeit von 100 km/h braucht ein Wagen seinen Angaben nach 55 Meter, ehe er steht. "Und bei Nässe werden daraus rasch 90 Meter", so Brockmann. "Das machen sich die meisten Leute einfach nicht klar."
"Das sind die Gesetze der Physik"
Hinzu komme die Reaktionszeit. Bis ein Durchschnittsfahrer in die Bremsen steigt, erklärt er, hat er bei Tempo 100 bereits 28 Meter zurückgelegt. Je nach Straßenverhältnissen und Geschwindigkeit kann sich der Bremsweg dabei auf mehr als 200 Meter verlängern. "Das sind die Gesetze der Physik", sagt Brockmann, "dagegen ist man machtlos, auch wenn man sich für einen guten Fahrer hält."
Sein Ratschlag: genügend Abstand zum Vordermann halten. "Die Faustregel lautet 'Halber Tacho', also bei 100 km/h beispielsweise 50 Meter - aber das kann bei höherem Tempo und schlechten Witterungsbedingungen auf der Autobahn schon zu wenig sein."
Wenn es aber zu spät ist, und man in einen Crash auf der Autobahn verwickelt ist, gibt es laut Brockmann nur eine Vorgehensweise: "Falls möglich, nichts wie raus aus dem Wagen und hinter die Leitplanke. Eigensicherung geht vor Fremdsicherung." Häufig komme es vor, dass Menschen nach einem Unfall heil aus dem Wagen steigen - und anschließend auf der Straße überfahren werden, weil sie von nachfolgenden Fahrern zu spät erkannt werden.
Erst wenn man sich einen genauen Überblick über die Situation verschafft hat, kann man eingreifen. "Auf der Autobahn sollte dann etwa 200 Meter vor dem Unfallort das Warndreieck aufgestellt werden", sagt Andreas Hölzel vom ADAC. Anschließend müsse über 112 der Notruf alarmiert werden.
Auch wenn es leicht zu Unfällen kommen kann: Massenkarambolagen wie auf der A45 sind laut Brockmann eher selten. "Im Versicherungsdeutsch spricht man ab 50 beteiligten Fahrzeugen von einem Massenunfall", so der der UDV-Leiter, "davon gibt es pro Jahr in Deutschland weniger als zehn Fälle".
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