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06. Juli 2004, 16:58 Uhr

Matra Bagheera und Murena

Knallgelbes Plastikmobil

Regelmäßig faulte ihm das Stahlgerippe unter der Kunststoffhaut weg, wichtige mechanische Teile verließen ihren Arbeitsplatz: Der Matra Bagheera mit seiner kantig-flotten Karosse war in den Siebzigern rekordverdächtiger Sieger der "Silberne Zitrone".

Matra Bagheera: Die Frontpartie überzeugt durch die Klappscheinwerfer
GMS

Matra Bagheera: Die Frontpartie überzeugt durch die Klappscheinwerfer

Paris - Im Normalfall dürfte es für einen Konstrukteur kein Problem sein, ein Auto mit mehr als zwei Sitzen zu entwerfen. Knifflig wird die Sache allerdings, wenn die Bosse vorgeschrieben haben, den Platz, den üblicherweise die Rücksitzbank einnimmt, dem Motor zu überlassen. Dass sich aber auch eine solche Situation noch retten lässt, zeigen der Matra-Simca Bagheera und sein Nachfolger Murena. Doch die Findigkeit der Erbauer bei der Sitzplatzsuche ist nur eine der vielen Besonderheiten dieser französischen Sportwagen.

Matra - der Name steht für eine vergleichsweise junge, aber recht wechselvolle Geschichte in Sachen Automobilbau. Gegründet wurde "Mécanique Aviation Traction" (Matra) im Jahr 1945. Hauptaugenmerk waren zunächst der fliegerische Rüstungsbereich und später die Kunststoffverarbeitung. Nachdem Matra den Betrieb des Autobauers René Bonnet - für den man Karosserien baute - übernommen hatte, erschien 1967 der erste Matra-Sportwagen mit der Bezeichnung 530. Er verkaufte sich aber schlecht, und nach wenigen Jahren musste ein Nachfolger her.

Kreatives Sitzen im Matra Bagheera: Zu dritt in der ersten Reihe
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Kreatives Sitzen im Matra Bagheera: Zu dritt in der ersten Reihe

Für diesen wurde dem Konstrukteur Phillipe Guédon die bereits erwähnte Aufgabe ins Lastenheft geschrieben. Guédon löste die Aufgabe, einen Mittelmotorsportwagen für mehr als zwei Personen zu bauen, auf ungewohnte Weise: Der nur 1,17 Meter hohe Zweitürer überraschte bei seiner Präsentation 1973 mit zwei weiteren Sesseln neben dem Fahrersitz. Weil Matra eine Kooperation mit dem Hersteller Simca eingegangen war, der zu dieser Zeit zum Chrysler-Konzern gehörte, trug der Wagen die Herstellerbezeichnung Matra-Simca. Bei der Namensgebung zeigten die Verantwortlichen diesmal Phantasie: der Sportwagen hieß Bagheera nach dem Panther aus dem "Dschungelbuch".

Auf die eine oder andere Art sehr gefährlich

Der Matra-Simca machte seinem Namen alle Ehre - er war schön und auf die eine oder andere Art auch gefährlich. Seine Schönheit zeigte er vor allem beim Anblick der Frontpartie: ein echter Sportwagen mit kantig-flotter Karosse und Klappscheinwerfern. Von hinten sah die Sache weniger überzeugend aus. Die breiteren Hinterräder hatten auch einen größeren Umfang als die vorderen und ließen das Heck etwas aufgebockt wirken. Als Antrieb kam ein wenig aufregender Motor aus dem Hause Simca mit 84 PS zum Einsatz. Das vor der Hinterachse montierte Aggregat beschleunigte den Bagheera laut der in Mainz erscheinenden Zeitschrift "Oldtimer-Markt" immerhin auf Tempo 185.

Matra Bagheera mit Pril-Blümchen:  Sportwagen-Stil der siebziger Jahre
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Matra Bagheera mit Pril-Blümchen: Sportwagen-Stil der siebziger Jahre

Die Gefährlichkeit eines Panthers zeigte der Bagheera nicht in Form von kritischem Fahrverhalten oder ähnlichen Macken - da gab es kaum etwas zu meckern. Das Auto hatte ganz andere Dinge auf Lager. So fürchtete mancher Beobachter beim Blick in den Innenraum um sein Augenlicht, schaute er doch anfangs auf Polster in giftigem Gelb und Schwarz. Die plüschige Oberfläche der Sitzbezüge könnte Sportwagen-Puristen ebenfalls Unwohlsein verursacht haben. Hinzu kam ein etwas exzentrisch gestaltetes Cockpit, das damals als modern durchging - aber nicht durchweg als schön empfunden wurde.

Wirklich gefährlich war mancher Bagheera aber vor allem für das Nervenkostüm des Besitzers - wofür besonders seine ungewöhnliche Grundkonstruktion verantwortlich zu machen ist, in Verbindung mit einer eher lockeren Arbeitshaltung der Autobauer. Die Karosserie selbst bestand komplett aus Kunststoff und war mit einem Stahlgerippe verklebt. Das hört sich innovativ an und war es durchaus auch, blieb aber eben nicht ohne unangenehme Folgen.

Bagheera-Version des Modeschöpfers  Courrège (1974): Ganz in Weiß und mit Kofferset für Autofahrerinnen
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Bagheera-Version des Modeschöpfers Courrège (1974): Ganz in Weiß und mit Kofferset für Autofahrerinnen

Die Konstruktion machte den Bagheera in Deutschland berüchtigt. Alsbald erhielt der französische Sportler die damals regelmäßig vom ADAC vergebene "Silberne Zitrone" für Autos mit rekordverdächtig vielen Mängeln. Die Klagen reichten von mit Wasser vollgesogenen Sitzen nach Regenfahrten als Folge einer undichten Karosserie bis hin zu wichtigen mechanischen Teilen, die ihren Arbeitsplatz für immer verließen. Es ist verständlich, dass diese traurige Berühmtheit den Bagheera in Deutschland nicht zum Bestseller machte. Auf dem Gebrauchtwagenmarkt sollte er aber nicht nur deswegen selten bleiben: Die meisten Bagheera faulten unter der Plastikhaut rapide dahin.

Spezielles Kofferset für Käuferinnnen

Gebaut wurde das Auto aber doch noch einige Jahre. Und Matra hatte immer neue Ideen, den Verkauf anzukurbeln. So folgte 1974 die Modellvariante Courrège, die vor allem weibliche Käufer ködern sollte. Der Modeschöpfer André Courrège verpasste dem Bagheera weißen Lack, weiße Ledersitze, stopfte noch ein spezielles Kofferset hinein und erhöhte den Preis merklich. Interessanter dürfte der 1975 eingeführte Bagheera S mit 90 PS gewesen sein. 1977 gab es dann ein Facelift, zu dem neben optischen Retuschen eine Verlängerung um 15 Zentimeter gehörte. Schließlich folgte die Nobelversion "X". Als Chrysler Simca an Peugeot verkaufte, bekam der "Panther" einen neuen Namen: Talbot Matra Bagheera. Nach knapp 50.000 Exemplaren wurde die Produktion schließlich 1980 eingestellt.

Matra Murena: Der Bagheera-Nachfolger erhielt verzinkte Blechteile
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Matra Murena: Der Bagheera-Nachfolger erhielt verzinkte Blechteile

Der 1981 vorgestellte Nachfolger ließ manchen Fehler des älteren Sportlers vergessen ließ. Sein Name wurde ihm aber nicht gerecht: Denn der Murena - zu Deutsch: Muräne - brauchte optisch keinen Vergleich mit den schicksten Sportwagen zu scheuen. Dazu bot er neben den drei Sitzen eine ordentliche Motorleistung mit bis zu 115 PS.

Viel Glück war dem Murena nicht vergönnt. 1984 begann eine Zusammenarbeit zwischen Matra und Renault. Dort wurde der Wagen als Konkurrenz zu den eigenen Alpine-Sportwagen angesehen, was dessen Ende bedeutete. Matra-Knowhow wurde fortan beim Bau der Modelle Espace und Avantime genutzt. Heute gehört Matras Automobilsparte zur italienischen Karosserieschmiede Pininfarina.

Von Heiko Haupt, gms

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