McLaren P1 im Test Das Astronauto

Der Führerschein genügt, um dieses Auto zu bewegen - begreifen lässt sich das nicht. Der McLaren P1 ist eher Rakete als Sportwagen - spektakulär, annähernd so schnell und fast so selten. Der millionenteure Plug-in-Hybrid-Extremist im Test.

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McLaren

Der erste Eindruck: Der Designer muss ein Batman-Fan sein. Der Supersportwagen McLaren P1 kann zwar ohne Aufpreis in jeder Farbe der Welt lackiert werden, doch der Testwagen trägt ein schillerndes Schwarz mit einem Hauch Lila darin. Das Ding sieht aus wie das neue Batmobil: böse, breit, brachial.

Das sagt der Hersteller: McLaren-Projektleiter Paul Mackenzie hält den P1 für den "besten Sportwagen der Welt". Meist spricht er sogar von einem "Hypercar", obwohl das Spitzentempo auf 350 km/h begrenzt wird. Seine Begründung geht so: "Die absolute Höchstgeschwindigkeit war uns nie so wichtig, sondern wir haben alles dafür getan, dass der P1 das schnellste Serienauto wurde, das je über eine Rennstrecke gefahren ist. Das sagt viel mehr über die Fähigkeiten eines Sportwagens aus."

Als Beleg könnte die Rundenzeit auf der Nordschleife des Nürburgrings dienen, die als Gradmesser für die Qualität eines Sportwagens gilt. Für den LaFerrari gibt es noch keinen solchen Wert; Porsche meldet für den 918 Spyder rekordverdächtige 6:57 Minuten - und Mackenzie lächelt höflich dazu. Die offizielle Sprachregelung für den McLaren P1 lautet bislang "unter sieben Minuten", und Mackenzie lässt sich dann noch ein "deutlich unter sieben Minuten" entlocken, mehr aber noch nicht.

Das ist uns aufgefallen: Mit Autofahren hat das Steuern eines P1 nichts mehr zu tun. Es fühlt sich eher an wie das Kommandieren einer Rakete. Mit ein paar Knopfdrücken lassen sich die Einstellungen für Handling und Performance verschärfen, und dann genügt ein Tritt des rechten Fußes, um eine Explosion auszulösen. So muss man es wohl nennen, wenn der V8-Hybrid-Treibsatz im Heck 916 PS entfesselt und man nur noch mitkriegt, dass sich die Welt draußen in ein Streifenmuster auflöst.

In 2,8 Sekunden von 0 auf 100, in 6,8 Sekunden auf 200 und in 16,5 Sekunden auf 300 km/h. Derart rasend schnell sind unter den Landfahrzeugen nur noch Formel-1-Rennwagen oder Rennmotorräder. Im P1 braucht man für dieses Gefühl jedoch keine Rennlizenz, sondern lediglich die sogenannte Launch-Control zu aktivieren. Das Beschleunigungsspektakel ist geradezu beängstigend. Ich bin nur ein Autofahrer - holt mich hier raus!

Mehr noch imponiert der McLaren allerdings, wenn Kurven dazukommen. Es ist geradezu gespenstisch, wie stabil und sauber der Wagen auf der Ideallinie haftet. Weil das Design komplett im Windkanal entworfen wurde, bei Tempo 300 allein der Heckflügel 600 Kilo Abtrieb produziert und sich das Fahrwerk im Race-Modus um fünf Zentimeter absenkt, saugt sich der Wagen geradezu auf der Fahrbahn fest.

Während andere Autos bei Fliehkräften von etwa 1 g ins Straucheln kommen, pariert der P1 mehr als 2 g und lässt sich durch nichts aus der Ruhe bringen, wenn man schneller und schneller um den Kurs jagt und gar nicht begreift, warum man immer noch nicht ins Kiesbett gekreiselt ist. Die Krönung des Irrwitzes ist dann dieser spezielle Knopf auf dem Lenkrad. Mit dem lässt sich der Heckflügel auf der Geraden in Sekundenbruchteilen einklappen, so dass das Auto geradezu einen Satz nach vorn macht, weil der Anpressdruck geringer und damit der Vorwärtsdrang umso ungehemmter wird.

Das muss man wissen: Der P1 ist auch technisch in vielerlei Hinsicht das Maß der Dinge. Die Struktur der Fahrgastzelle zum Beispiel besteht aus Karbon und wiegt nur 90 Kilogramm. Die Karbon-Keramik-Bremsen hat McLarens Formel-1-Partner Akebono entwickelt und dabei Material verwendet, das bislang nur in den Ariane-Raketen zum Einsatz kam. Das macht die Stopper im Gegensatz zu einer reinen Rennbremse feinfühlig dosierbar und komfortabel zu benutzen. Hier der Merksatz fürs Benzingespräch: Aus Tempo 300 bringt die Bremsanlage den P1 nach 6,2 Sekunden zum Stehen. Das entspricht 246 Meter Bremsweg - so viel wie normale Autos aus Tempo 160 brauchen.

Der Plug-in-Hybridantrieb des Autos setzt sich aus einem 3,8 Liter großen V8-Biturbo-Motor (737 PS) und einer E-Maschine (179 PS) zusammen; letztere dient vor allem dazu, Leistung zu liefern, bis die Turbolader auf Touren sind.

Anders als Porsche beim 918 versucht sich McLaren gar nicht erst in der Grünfärberei des irren Rasers, sondern setzt bei der E-Maschine allein auf Performance. Die rein elektrische Reichweite liegt bei etwa zehn Kilometern, auf Rekuperation haben die Briten zugunsten eines unverfälschten Bremsgefühls verzichtet. Der Lithium-Ionen-Akku ist im Zentrum des Wagens platziert und kann binnen zwei Stunden an der Steckdose geladen werden.

Weil das Ladegerät jedoch Extragewicht bedeutet, lässt es sich herausnehmen; um den Stromspeicher zu füllen, kann man den V8-Motor auch zwei Minuten lang im Stand mit Vollgas laufen lassen oder eine maßvolle Runde auf der Rennstrecke hinlegen. Der Normverbrauch des P1 ist natürlich ein Lacher, 8,3 Liter sollen in der Theorie für 100 Kilometer reichen. Im echten Autoleben dürfte es kaum unter dem Doppelten gehen.

Zerknirscht sind die McLaren-Mannen, dass sie lediglich 375 P1-Exemplare angekündigt haben. Denn mittlerweile, die ersten Auslieferungen begannen vor einigen Wochen, ist die Flotte - zu Stückpreisen ab 1.067.000 Euro - restlos verkauft. Es gibt sogar schon eine Nachrückerliste mit 50 Namen.

Das werden wir nicht vergessen: Das irre Gefühl, wenn man den Boost-Modus aktiviert und selbst entscheiden kann, wann sich die E-Maschine zuschaltet. Zwar muss man bis dahin mit den 737 PS des V8-Benziners, nun ja, auskommen, doch auf Tastendruck katapultiert einen das "Instant Power Assist System" - "instant" ist wörtlich zu verstehen! - in eine andere Dimension. Nicht nur für zwei oder drei, sondern für bis zu dreißig Sekunden fühlt man sich fast wie ein Astronaut. Schneller hat sich Beschleunigung in einem Auto noch nie angefühlt.

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insgesamt 89 Beiträge
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Seite 1
stalkingwolf 29.01.2014
1. Farbe
In Orange schaut er imo besser aus. Sie haben übrigens das verlinken des Bestellformulares vergessen.
dont_think 29.01.2014
2. Grundsätzlich..
.. reichen auch 10 - 20 cm Bremsweg aus, dafür braucht niemand "Ariane-5" oder "-4" Bremsmaterialien. Doch das halten weder Fahrer noch Fahrzeug aus - hier besteht noch deutlicher Verbesserungbedarf.
roger3000 29.01.2014
3. Tragisch
Leider bin ich nur auf der nachrückliste.
Stefan_G 29.01.2014
4. Reichlich Rechenfehler
Von 300 km/h auf 0 in 6,2 sec entspricht einer Verzögerung von ~13,4 m/s2, äußerst achtbar für ein Fahrzeug mit Gummireife. Der Bremsweg beträgt dann 258 m. Von 160 km/h auf 0 unter der Annahme einer Bremsverzögerung von 9 m/s2 (schafft ein Alltagsauto mit routiniertem Fahrer) dauert ~4,9 s und das Auto steht nach ~108 m, nicht nach 248 m.
TheTruth 29.01.2014
5. Nur 375 Stück?
Dabei gibt es doch mehr Milliardäre und Multi Millionäre. Und wenn die nicht so auf Autos stehen, dann zumindest die Kinder, 40 Jahre jüngeres Frauchen oder Geliebte. Ganz schöne Marktlücke
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