E-Moped Meijs Motorman Und es hat Zoom gemacht

Wer Motorman fährt, darf sich über plötzlich gezückte Kameras nicht wundern. Denn das elektrische Moped fällt auf der Straße extrem auf, weil es so unauffällig ist.

Lisa Meinen

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Jetzt fragt er mich, ob er ein Foto machen darf. Der Unbekannte, dem ich beim Verlassen des Parkhauses begegne, zückt seine Handykamera, geht ein wenig in die Knie und legt seinen Finger auf den Auslöser. "Ist das nicht unvorteilhaft für die Figur?", frage ich verlegen und schaue prüfend an mir herab. "Sie sind gar nicht drauf", sagt der Mann und drückt ab.

Zack, Lektion gelernt. Wer Motorman fährt, kann sich vor Blicken kaum retten. Doch die Beobachter interessiert nur das Fahrzeug und weniger, wer drauf sitzt.

Rechtlich ist der Motorman ein elektrisch betriebenes Kleinkraftrad, quasi ein Mofa, mit einem Preis von 5950 Euro sogar ein sehr teures. Trotzdem fällt er in die gleiche Kategorie wie E-Bikes, die es dank Batterie auf Tempo 45 schaffen. Fahrrad oder Mofa? Was nun?

Auf jeden Fall ist der Motorman ein Asket unter den Zweirädern. Er fällt besonders auf - durch seine Unauffälligkeit: Er lärmt nicht beim Fahren. Er produziert keine stinkenden Abgase. Und er glänzt nicht mit technischen Extras, die keiner braucht.

"Alles weglassen, was nicht nötig ist"

Während Zweiräder in dieser Klasse normalerweise aussehen, als wären sie mit viel Plastik für die Requisite eines Science-Fiction-Films konstruiert, besteht der Motorman aus nur vier Stahlrohren mit jeweils einem Knick. Als Rahmen verbunden, bilden sie eine Raute. Dazu übernimmt er Stilelemente von Cruiser-Fahrrädern und Harleys: dicke Reifen, eine große Frontleuchte und einen gefederten Ledersitz.

Meijs Motorman
Lisa Meinen

Meijs Motorman

"Alles weglassen, was nicht nötig ist", beschreibt Ronald Meijs seine Design-Philosophie. Der Mann aus Maastricht ist der Erfinder des Motormans und ziemlich konsequent: Sein Baby besitzt weder Blinker noch einen Sozius-Sitz, Federung oder eine Satteltasche fürs Gepäck. Als einziges Accessoire bietet Meijs einen Gepäckträger an.

Meijs, studierter Industriedesigner, hat in der Vergangenheit im Auftrag für verschiedene Firmen Fahrräder oder Kinderwagen entworfen, erzählt er. Auf die Idee, ein elektrisches Zweirad zu bauen, sei er durch seine Fahrten ins Büro gekommen. "Auf meinem Fahrrad habe ich mich über den Verkehr geärgert, über die Verschmutzung der Luft durch Mofas und Motorräder - das ist doch nicht gesund", regt sich Meijs auf.

Kein kerniges "Potatopotatopotato"

Der Motorman besitzt deshalb keinen Verbrennungsmotor, sondern einen Lithium-Ionen-Akku mit Elektromotor im Hinterrad. Weil die Batterie womöglich der Benzinbehälter der Zukunft ist, schenkte Meijs ihr einen Platz im Tank - so erhält er nebenbei die Erinnerung an alte Öl-Tage. Das passt zum Retrodesign der prototypischen Knatterkiste. Fehlt nur noch der Sound vergangener Tage wie ein kerniges "Potatopotatopotato" - wie es die Fachzeitschrift "Motorrad" einmal über den Harley-Sound schrieb.

Doch stattdessen bleibt der Motorman nach Drehen des Zündschlüssels stumm. Das leise Wunder gehört zum zeitgemäßen Fahrgefühl.

Zündschlüssel des Meijs Motormans
Lisa Meinen

Zündschlüssel des Meijs Motormans

Im Tacho schlägt die Nadel flink nach rechts aus, ein Batteriesymbol zeigt den Ladezustand des Akkus an. Doch wohin nun mit dem Motorman?

Wer in die Seele des Motorman hineinhorcht, den zieht es auf den Fahrradweg. Keine Emissionen, kein Lärm, stattdessen Luft um Nase und Schultern. Doch wo sind die Pedale? Wer nach Optik geht, findet sein Glück auf der Straße. Eine Maschine, die auf Motorrad macht und dann Kleinkindern auf dem Puky begegnet? Geht doch nicht. Vor allem: Für den Radweg ist der Motorman zu schwer und zu schnell, das merkt man schon nach der ersten Beinahe-Kollision mit einem unbedacht auf den Radweg ausweichenden Fußgänger.

Der Motorman ist gemacht für die City

Nach dem Gesetz gehört der Motorman auf die Straße, sagt auch der Hersteller. Und nach einem Ruck, sagt es selbst das Fahrerherz. Auch, weil die Straße und nicht der Bürgersteig der Laufsteg der Deutschen ist. Statt ihr Geld in Stoff zu investieren, verbrennen sie es in Alu und Stahl. Jemandem den Anblick des Motormans vorzuenthalten, wäre unfair. Denn er ist viel zu schön, um als Gebrauchsgegenstand tituliert zu werden. Vielmehr ist er ein rollendes Möbel.

Trotz Helmpflicht hört man den Sound der Stadt viel deutlicher als in einem Auto und oftmals auch lauter als gewünscht. Wenn Meijs jetzt noch den Ausschalter für die Geräusche der vorbeifahrenden Autos erfinden würde - das Glück wäre perfekt.

Obwohl es der Motorman mit seinem zwei Kilowatt starken E-Motor an jeder Ampel mit nebenstehenden Autos aufnehmen kann, reicht seine Leistung nicht aus, um der Stadt zu entfliehen. Mit einer angegebenen Höchstgeschwindigkeit von 45 km/h, die bergab und in voller Fahrt auch deutlich mehr als 50 Sachen betragen kann, ist der Motorman wie gemacht für das Mitschwimmen in der City. Aber Ausflüge ins Grüne?

Es soll sie ja geben, die Langsamfahrgenießer, die es nicht stört, mit 45 km/h über die Landstraße zu zuckeln. Die haben aber womöglich ein anderes Problem - jenes, das die E-Mobilität derzeit noch für viele Menschen unattraktiv macht: die Reichweite. Mit Strom für 50 bis 65 Kilometer rollt der Motorman womöglich noch in das nächste Ausflugcafé aus - aber zurück?

Nette Gespräche gibt es serienmäßig

So viele Kuchen kann kein Mensch essen, bis der Akku wieder aufgeladen ist. Vier bis sechs Stunden dauert das an der Steckdose. Doch vielleicht verkürzt ein nettes Gespräch die Wartezeit.

Denn das gibt es beim Motorman serienmäßig. Wer ihn fährt, kommt immer mit Passanten ins Gespräch - und sei es vor der Parkgarage.

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insgesamt 99 Beiträge
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Seite 1
Zappa_forever 30.05.2016
1. Wie?
...Anleihen beim Harley-Design? Wohl eher hat da jemand in die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts geschaut. Das Ding hätte mit dem Look – unabhängig vom Hersteller – locker in den 20ern bis 40ern rumfahren können. Retro,retro,retro! ...is ja auch schick! Ich würd´s nehmen.
lawlord 30.05.2016
2. Elektromobilität
sollte genau hier gefördert werden und nicht bei teuren und die Klimabilanz verschlechternden E-Zweit-PKW - Mein Vorschlag: laute und stinkende "Knatterkisten" (Benzin-Mofas) nicht mehr zulassen (Verbot für neue, die alten können Bestandsschutz haben) und einen Zuschuss jedem geben, der ein E-Bike/Mofa kauft. Das wäre vernünftig und hilft nicht nur dem Klima, sondern auch dem Lärmschutz.
tomkey 30.05.2016
3. Leider
Schickes Teil, aber für den Preis nur für Auserwählte.
einervondenen 30.05.2016
4. Steckdose
Nicht vergessen: Strom kommt zwar aus der Steckdose, muss jedoch irgendwo hergestellt werden. Je nach Mix fallen die Aufwendungen dann im Atomkraftwerk in Tschechien, Kohlekraftwerk in Hamburg oder im besten Fall am Windrad an der Ems an. Aber wir sind auf dem Weg …
brotherandrew 30.05.2016
5. Das Teil ...
... ist überteuert, unpraktisch und hat eine zu geringe Reichweite. Es ist nur eine nette Spielerei für Leute, die genug Kohle haben.
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