Meilenwerk Berlin Wunderland für Oldtimer-Liebhaber

Edle Oldtimer, verspielte Isettas und horrend teure Ferraris reihen sich im Meilenwerk Berlin aneinander: Das "Forum für Fahrkultur" bietet Sehenswertes für Autofans - und Raum für Händler, Werkstätten und Versicherungen.


Berlin - In Lewis Carrolls Märchen springt das Mädchen Alice in einen dunklen Kaninchenbau und gelangt so in ihr "Wunderland". Wer das Berliner Meilenwerk erreichen will, passiert Moabits Fabrikgebäude, laute Fuhrparks und hohe Betonmauern. Und dann taucht er in der Wiebestraße 36 plötzlich in eine edle, saubere, verspielte Atmosphäre ein - Martin Halders "Forum für Fahrkultur".

Ein glänzend schwarzer Jaguar XK 120 Roadster von 1954 residiert neben einem der zurzeit teuersten Neuwagen, dem Ferrari Enzo, von dem insgesamt nur 399 Stück weltweit gebaut wurden. Der kleine Messerschmitt Kabinenroller darf sich ein gläsernes Heim mit dem stolzen Porsche Speedster teilen. Und auch künstlerisch bemalte Trabis und restaurierte Vespas finden ihren Platz. Im Hintergrund röhrt in einer Werkstatt ein Auspuff, dröhnt eine Bassrolle.

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Meilenwerk: Augenschmaus für Nostalgiker

Als "Sinnlichkeit der Automobilwelt", die die "emotionalen Bedürfnisse" der Liebhaber befriedigt, bezeichnet Erfinder Martin Halder das Konzept seines Forums. Im schicken Anzug schlängelt er sich durch sein Meilenwerk und begrüßt seine Stammkunden überschwenglich. Ihnen will der 36-Jährige schließlich eine "kleine Flucht aus dem Alltag", eine "Kulisse des Glücks" bieten.

Von der Forschungsarbeit zum realen Projekt

Als Dozent an der European Business School in Wiesbaden hatte der Wirtschaftsingenieur seinen Studenten die Frage gestellt: Wie muss ein Gebäude aussehen, das die Wünsche und Bedürfnisse einer bestimmten Zielgruppe rational und emotional erfüllt? Was als wissenschaftliche Forschungsarbeit begann, mündete in einem ehrgeizigen Projekt, mit Stil und Liebe fürs Detail, das Oldtimer-Freunden mit hohem Einkommensniveau die Erfüllung bringen soll.

Schließlich sagt Halder, dass die Restaurierung eines Autos seine Studienzeit "nicht unwesentlich verändert" hat. "Deswegen verstehe ich meine Kunden wahrscheinlich ganz gut", vermutet Halder. Als Gebäude guckte sich der Immobilienökonom ein ehemaliges Straßenbahndepot aus, das um 1900 als Renommierobjekt des Kaisers mitten in Berlin errichtet wurde.

Rund elf Millionen Euro steckte Martin Halder in das Baudenkmal Wiebehallen, um das einsturzgefährdete Dach, große Holztore und die alte Struktur des Gebäudes zu erhalten. Ein freigelegter Warnhinweis mit der Aufschrift "Achtung, Gefahr, Torpfeiler" ist ein Relikt aus der Zeit, als Straßenbahnen auf Schienen aus dem Gebäude fuhren. Aber auch anderes findet sich an der Decke des Gebäudes: Notdürftig geflickte Bombenlöcher erinnern an die Angriffe während des Zweiten Weltkriegs.

"Lebendiges Museum"

Heute bieten die Wiebehallen auf 10.800 Quadratmetern Platz für 30 Werkstätten, Neuwagenhändler und Versicherungen sowie für 18 Oldtimer-Clubs und vor allem für 88 Edelgaragen. Hier können Privatleute ihre automobilen Schätze für 130 Euro im Monat in einem klimatisierten Glaskasten unterbringen. Bewundernde Blicke sind gesichert. Und für Spazierfahrten können sie ihr Auto zu jeder Tages- und Nachtzeit ausführen.

Halder nennt das Meilenwerk ein "lebendiges Museum", in dem Besucher gern gesehen sind, aber auch Mechaniker, Verkäufer und Versicherungsvertreter arbeiten. Für Konzept und Umsetzung aus alt und neu erhielt Erfinder Halder unter anderem den Bundespreis für Handwerk und Denkmalpflege sowie den Immobilien- und Marketing-Award 2005.

"Ich bin fasziniert, was aus der alten Halle geworden ist", schwärmt Michael Urban. Der Besucher war von 1975 bis 1995 Stadtrat des Bezirks. Einem Freund will er das restaurierte Depot zeigen, in dem schon sein Vater als Straßenbahnchef arbeitete. Insgesamt besichtigten im vergangenen Jahr mehr als 400.000 Oldtimerfans das "Meilenwerk". Der Eintritt ist frei.

Halder expandiert

Neben Autokunden, die stolz mit unterschriebenen Kaufverträgen aus der Maserati-Niederlassung schreiten, schlendern auch Autoliebhaber nur zum Schauen durch die Reihen der exklusiven Autos. Fasziniert steht Uwe Tutschapsky vor einem kleinen, roten Goggomobil. "So eins bin ich mal gefahren, als ich grade meinen Führerschein hatte", schwelgt der 55-Jährige in Erinnerungen. Seine Dienstreise nutzte der Frankfurter dazu, ungestört John Lennons Original-Mercedes oder andere Schätzchen zu bewundern. "Meine Frau würde das nicht interessieren", vermutet Tuschapsky, der schon seit Jahren mit dem Gedanken spielt, sich einen Oldtimer zuzulegen. "Aber das ist leider zu teuer."

Nach dem Erfolg mit dem Meilenwerk will Martin Halder seine Geschäftsidee ausbauen. Im September 2006 will er eine neue Filiale in Düsseldorf eröffnen. Dort finden die Oldtimer-Garagen in einem Ringlokschuppen aus den dreißiger Jahren Platz. Darüber hinaus hat der "Vater" des Projekts schon ein Auge auf Hamburg, München, Wien und Zürich geworfen. Auch dort gibt es wohl jede Menge solventer Oldtimer-Besitzer, die ihre Lieblinge gerne der Öffentlichkeit präsentieren würden.



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