Melkus RS 1000 Sozialistischer Flachmann

Autos aus der DDR? Klar, da waren Trabant und Wartburg. Modelle also, die kein Fahrer mit sportlicher Neigung je freiwillig gekauft hätte. Aber da war auch der Rennwagen Melkus RS 1000. Gerade mal ein Meter hoch, mit eleganten Flügeltüren versehen, wurde der rare Traumwagen nur Sportfahrern zugeteilt.


Mit Tempo 170 auf der Piste: Für den Einsatz im Rennen wurde die Motorleistung des Melkus RS 1000 auf 90 PS gesteigert
GMS

Mit Tempo 170 auf der Piste: Für den Einsatz im Rennen wurde die Motorleistung des Melkus RS 1000 auf 90 PS gesteigert

Dresden - Parken und Fahren sind für Autos bekanntlich zwei völlig unterschiedliche Dinge. Beim Melkus RS 1000 fällt der Wechsel zwischen den beiden Betriebszuständen allerdings besonders auf: Geparkt am Straßenrand, zieht er die Blick auf sich und könnte glatt als historisches Produkt bekannter italienischer Autohersteller durchgehen. Doch sobald der Fahrer einsteigt, den Zündschlüssel umdreht und Gas gibt, verpufft diese Illusion augenblicklich. Statt sonoren Gebrabbels eines vielzylindrigen Viertaktaggregats ist hier gänzlich anderes zu vernehmen: ein helles "Räng-täng-täng", begleitet von einem schüchtern wabernden blauen Auspuffwölkchen. Denn der Melkus RS 1000 ist nicht mehr und nicht weniger als der einzige echte Sportwagen aus der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik.

Als Autos aus der DDR sind vor allem Trabant und Wartburg bekannt. Doch hinter den Kulissen gab es aber auch im Arbeiter- und Bauernstaat die Lust am Motorsport. Einer, der es in diesem Bereich über die Jahre zum Status einer Legende gebracht hat, ist Heinz Melkus aus Dresden. Er raste auf den Rennstrecken von Erfolg zu Erfolg. Noch wichtiger aber war, dass Melkus auch Formel-Autos für andere Rennsportenthusiasten baute.

Schicker Einstieg: Beim Melkus RS 1000 öffneten sich Flügeltüren
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Schicker Einstieg: Beim Melkus RS 1000 öffneten sich Flügeltüren

Ende 1968 begann Melkus mit den Arbeiten an einem Sportwagen, der normal auf den Straßen gefahren werden konnte, aber auch in Rennen einzusetzen war. Dies durchzusetzen, war nicht ganz einfach: Es musste eine Begründung her, die die Idee als eine Arbeit zum Wohle des Staates darstellte. Laut der in Mainz erscheinenden Zeitschrift "Oldtimer Markt" beantragte daher die Kommission Automobilrennsport im November 1968 bei der Zentralen Sportkommission einen Beschluss: Man wollte einen komplett in der DDR gebauten Sportwagen auf die Räder stellen, und zwar "zu Ehren des 20. Jahrestages der DDR".

In diesem Zusammenhang verpflichtete sich die Kommission, bis zum April 1969 drei Prototypen zu bauen. Vier weitere Rennsportwagen (RS) sollten bis Oktober folgen. Danach solle jährlich ein Plansoll von 25 Exemplaren gebaut werden. So viel Engagement zum Wohle der Republik machte Eindruck - Melkus durfte bauen. Allerdings hieß "vollständig in der DDR gebaut" eben auch nichts anderes als vollständig in der DDR gebaut. Das Einzige, das nicht unter dieser Vorgabe zu leiden hatte, war wohl die Form der Karosserie: Äußerlich entsprach der Melkus RS 1000 den Idealen seiner Zeit - auch denen, die im Westen galten.

Bodengruppe mit brettharter Federung: Die Basis des Melkus RS 1000 bildeten das Fahrwerk und der Motor der Wartburg-Limousine
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Bodengruppe mit brettharter Federung: Die Basis des Melkus RS 1000 bildeten das Fahrwerk und der Motor der Wartburg-Limousine

Gerade einen Meter hoch duckt sich die elegante Erscheinung auf der Straße. Die lange Haube mit den fein geschwungenen Kotflügeln verleiht dem Dresdner Sportler schon im Stand einen Eindruck von Schnelligkeit, der Einstieg erfolgt durch schicke Flügeltüren. Doch darunter verbirgt sich Hausmannskost. Die Basis bildet das Fahrwerk eines Wartburgs. Auch der Motor kam normalerweise in der Ost-Limousine zum Einsatz. Der Dreizylinder-Zweitakter durfte allerdings im RS 1000 zeigen, was wirklich in ihm steckte: 70 PS entlockten ihm die Techniker, was in Verbindung mit einem Gesamtgewicht von nur 680 Kilogramm für doch recht eindrucksvolle Fahrleistungen sorgte. Für den Renneinsatz wurden dem Aggregat sogar bis zu 90 PS entlockt. Das reichte dann für 170 Kilometer pro Stunde.

Diese Basis ist allerdings das Einzige, das alle Melkus RS 1000 vereint. Von den gebauten Exemplaren gleicht kaum eines dem anderen. Vielmehr waren die Erbauer darauf angewiesen, zu nehmen, was sie kriegen konnten. So wurde der "komplett in der DDR gefertigte" Wagen auch mal mit Teilen von Autos aus sozialistischen Brüderstaaten komplettiert. Und manchmal musste ganz auf ein Notprogramm umgeschaltet werden - als Halter für die aufgeklappte Fronthaube sollen sogar Ketten von Badewannenstöpseln zum Einsatz gekommen sein.

Gern gesehener Gast bei Oldtimer-Rallyes: Die meisten der 101 gebauten Exemplare des Melkus RS 1000 existieren noch heute
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Gern gesehener Gast bei Oldtimer-Rallyes: Die meisten der 101 gebauten Exemplare des Melkus RS 1000 existieren noch heute

Dennoch war der Melkus RS 1000 ein Traumwagen, bei dessen Verkauf aber auch die Behörden ein Wörtchen mitzureden hatten. Zuerst einmal musste der Interessent versichern, dass er den Rennsportwagen seinem Namen entsprechend einsetzt, ihn also gegen Konkurrenten zur Freude des Publikums über die Rennstrecken jagt. Das bedeutete aber nicht, dass jedem Rennfahrer ein Melkus quasi vor die Tür gestellt wurde. Schließlich gab es in der DDR auch Menschen von Rang und Namen, die keinerlei Interesse an Autorennen hatten, dafür aber reichlich Einfluss. Die bekamen dann eines der raren Exemplare, während mancher enthusiastische Rennfahrer zu Hause saß und Däumchen drehte.

Allen Problemen bei der Produktion und Verteilung zum Trotz hielt Melkus mit seinem Auto lange durch. Immerhin bis 1980 wurde der RS 1000 gebaut. Der überwiegende Teil der 101 gebauten Exemplare existiert heute noch. Und während die meisten Trabants und Wartburgs längst die Schrottplätze angesteuert haben, ist der "Flachmann" aus Dresden zu einer gehegten und gepflegten Rarität geworden.

Von Heiko Haupt, gms



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