Mercedes 540 K lang Paradewagen mit Politikproblem

Während Kinobesucher von "Mein Führer" die Frage diskutieren, ob man über Hitler lachen darf, haben betuchte Oldtimer-Sammler ein anderes Problem: Darf man Hitlers Auto fahren? Ein solcher Wagen steht jetzt zum Verkauf. SPIEGEL ONLINE hat ihn sich angesehen.

Von Jürgen Pander und


5,4 Liter Hubraum, acht Zylinder in Reihe, Kompressor, sechs Meter Länge und ein Gewicht von drei Tonnen. Das sind einige Daten des Mercedes 540 K lang – auch als W 24 bekannt. Es handelt sich um eine Spezialausführung des Modells 540 K, die als "Paradewagen" für die oberen Kader der NS-Regierung und des Militärs Mitte der dreißiger Jahre entwickelt wurde. Im Frühjahr 1936 wurde das Propaganda-Cabriolet auf der Internationalen Automobilausstellung in Berlin präsentiert. Doch kurz darauf entschlossen sich die Schwaben zur Entwicklung eines Fahrzeugs auf Basis des Mercedes 770, auch bekannt als "Großer Mercedes".

Die Entscheidung bedeutete das Aus für die Weiterentwicklung des W 24. Die sechs Modelle – andere Quellen sprechen von drei Fahrzeugen –, die bereits gebaut waren, wurden an die Reichsregierung ausgeliefert. Ein Listenpreis für den Repräsentationswagen ist nicht bekannt, aber er dürfte teurer gewesen sein als der damalige Traumwagen "Special Roadster", und der kostete 28.000 Reichsmark.

In den Autos mit dem riesigen Fond ließen sich die Nazi-Granden gern chauffieren – die Paradewagen galten als Nonplusultra unter den Staatskarossen. Nach dem Krieg allerdings verliert sich die Spur der W 24-Exemplare, vermutlich wurden sie von den Alliierten nach Amerika und Russland gebracht. Jetzt ist ein Exemplar wieder aufgetaucht und steht in vollem Glanz im Hamburger Autohaus Mirbach zum Verkauf.

Was man von der Herkunft des Wagens weiß? Offenbar wurde er 1982 in Prag von einem Geschäftsmann aus Österreich gekauft. Das Verdeck war beschädigt und auch die Karosserie nicht mehr taufrisch. In der Nähe von Graz wurde der Oldtimer restauriert, und nun will ihn der Besitzer verkaufen. Offenbar ist das Auto der einzige noch vorhandene W 24. Seine Echtheit ist von Mercedes zertifiziert, allein dies kostete den Besitzer rund 10.000 Euro.

Verhandlungsbasis 1,25 Millionen Euro

Das ist viel Geld, doch angesichts des Preises von 1,25 Millionen Euro, die der Herr aus Österreich für das ganze Auto verlangt, dann doch nur ein Klacks. Und wer weiß, ob der Wert nicht noch sehr viel höher steigt. Thomas Rupf, Geschäftsführer des Oldie-Spezialisten Mirbach Nord, vergleicht den Markt mit den Wellenbewegungen bei Aktienkursen und sieht gute Investitionsmöglichkeiten: "In zehn Jahren könnten für den W 24 zwei Millionen Euro erzielt werden."

Das Geschäft mit den fahrbaren Antiquitäten ist so gewinnbringend, dass immer wieder gefälschte Fahrzeuge angeboten werden. Durch aufwendige metallurgische Untersuchungen kann die Echtheit eines Fahrzeuges überprüft werden. Aber der W 24 ist nicht nur für Geldanleger interessant. Auch vermögende Geschäftsleute mit Nazi-Affinität sind an Fahrzeugen interessiert, in denen NS-Funktionäre fuhren oder auf Paraden chauffiert wurden. So wollte ein Interessent aus Taiwan den W 24 für sein Privatmuseum kaufen und neben eine Puppe von Adolf Hitler stellen. Das Geschäft scheiterte jedoch nach Angaben von Rupf "auf Grund von Zollproblemen".

Oldie-Orchidee mit Reihen-Achtzylinder

Unabhängig von den ehemaligen Fahrgästen ist der Mercedes W 24 ein interessantes, weil seltenes Auto. Der Hersteller bezeichnete ihn als Versuchswagen. Der Rahmen des Stahlkollosses und die starre Vorderachse wurden aus dem Modell "Nürburg" übernommen, während man sich bei der Hinterachse für das De-Dion-Prinzip entschied. Um den Giganten vorwärts zu treiben, setzte der schwäbische Autobauer ein Achzylinderaggregat mit 5,4 Liter Hubraum ein Der Motor bietet eine Dauerleistung von 115 PS. Wird der Kompressor eingesetzt, werden es kurzzeitig sogar 180 Pferdestärken. Damit können 140 km/h erreicht werden. Allerdings wird der Benzinverbrauch mit 30 Liter auf 100 Kilometer angegeben.

Doch nicht nur die technischen Daten des 540 K lang sind beeindruckend. Opulent ist auch die Optik: Viel Chrom an der Karosserie, Perlmutt an den Armaturen, riesige Scheinwerfer, exorbitante Trittbretter. Und natürlich üppig aufgepolsterte Ledersitze im Fond – auf denen mutmaßlich auch Hitler gesessen hat. Darf man so ein Auto fahren? Das Feuilleton bitte.



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