Mercedes 600: Dahingleiten wie Breschnew

Von Oliver Bilger, Moskau

Das Finanzamt Potsdam versteigert ein Stück Sowjet-Geschichte: Am 1. Februar kommt eine Limousine unter den Hammer, die zum Fuhrpark von Generalsekretär Leonid Breschnew gehört haben soll. Wie der Mercedes 600 nach Deutschland zurückgelangte, ist ungeklärt.

Leonid Breschnew war ein Autonarr. In der Garage des KPdSU-Parteichefs standen, so ist es überliefert, Luxusmobile von Maserati, Cadillac und Rolls-Royce. Ein weiteres Fahrzeug im Fuhrpark des Sowjetführers: ein Mercedes W100, Kennern besser bekannt als 600er. Diese ehemalige Staatskarosse wird Anfang Februar einen neuen Besitzer finden. Dann endet eine Internet-Auktion des Finanzamts Potsdam, in deren Besitz sich die metallisch-schwarze Limousine (Baujahr 1966) derzeit befindet.

Die Geschichte des Oldtimers lässt sich heute nicht mehr vollständig rekonstruieren. 1966 meldete eine Verwaltungsabteilung der Sowjetadministration das Auto in Moskau als Regierungswagen an, so geht es aus dem technischen Fahrzeugpass hervor. Eine Übereinstimmung der Fahrgestellnummer mit den Fahrzeugpapieren ist notariell belegt. Die Umstände des Imports der Nobelkarosse in die UdSSR sind hingegen offiziell unklar.

Generell sei der Weg vom Werk zur Niederlassung und anschließend zum Kunden nur sehr schwer nachvollziehbar, erklärt Florijan Hadzic, Sprecher des Daimler-Konzerns. Gabriel Hesse aus dem brandenburgischen Finanzministerium kann nicht sagen, ob Breschnew das Auto wirklich persönlich gelenkt hat. Doch sei das Gefährt nur für die "oberste Klasse" bestimmt gewesen, der Gebrauch durch andere Beamte damit praktisch ausgeschlossen, so Hesse. Medienberichte von damals belegen zumindest, dass der Sowjetführer einen Mercedes 600 fuhr.

Die Ära Breschnew war gekennzeichnet durch den wirtschaftlichen Niedergang der Sowjetunion. Während Nahrungsmittel und Gebrauchsgüter aus den Regalen verschwanden, lebte das Staatsoberhaupt seine Leidenschaft für Luxus aus - im Verborgenen: Breschnew fuhr in der Öffentlichkeit nur sowjetische Repräsentationslimousinen wie Zil oder Tschajka.

Limousine von Willy Brandt

Seine Vorliebe für westliche Top-Fahrzeuge blieb dem Volk verborgen. Westliche Regierungschefs hingegen wussten um Breschnews Passion. Der damalige US-Präsident Richard Nixon und Bundeskanzler Willy Brandt schenkten ihm Limousinen. Nach Breschnews Tod wurde der Nobelschlitten noch bis zum Jahr 1987 in Moskau gewartet, ist im vorliegenden Fahrzeugpass zu lesen. Fahrleistungen sind dort bis 1990 quartalsweise belegt, das Auto war weiter in der russischen Hauptstadt zugelassen.

Im Juli 1991 tauchte die Edelkarosse in Deutschland auf, als sie von einer "russischen Privatperson" eingeführt wurde, erklärt der Oldtimersachverständige Reinhardt Miks, der ein Gutachten für das Finanzamt Potsdam erstellt hat. "Vor mehreren Jahren" sei der Wagen dann vom Finanzamt gepfändet worden, sagt Hesse. Näheres ist hierzu weder aus seinem Ministerium noch aus dem Finanzamt in Potsdam zu erfahren. Andernfalls seien Rückschlüsse auf die Pfändung möglich, erklärt Hesse.

Bieter aus der ganzen Welt konnten sich an der Pfandversteigerung im Internet (www.zoll-auktion.de) beteiligen. Gutachter Miks glaubt, dass vor allem Sammler an dem Oldtimer interessiert sind, oder auch Menschen mit einer Affinität für besondere Persönlichkeiten. Am ersten Januar begann die Auktion mit einem Mindestgebot von 52.500 Euro und endet genau einen Monat später. Zuletzt lag das Höchstgebot bei knapp über 80.000 Euro. Sprecher Hesse hatte eigentlich gehofft, dass ein Preis von 100.000 Euro erreicht wird, zumindest sollten "80 bis 90 Prozent des geschätzten Wertes" zusammenkommen.

Beliebt bei Mao und Elvis

Der beträgt Oldtimer-Kenner Miks zufolge 105.000 Euro. Zur Ausstattung des Viertürers mit V8-Motor und einem Kilometerstand von 90.082 gehören die Radioanlage "Becker Grand Prix", eine Trennscheibe zum Fond, ein Schiebedach hinten und eine durchgezogene Sitzbank mit grauem Lederpolster vorne. Zu den technischen Finessen von damals zählen die Luftfederung, Scheibenbremsen vorne und hinten und vor allem die Benzineinspritzung. Zudem besaß das Auto eine Klimaanlage und eine Fußbodenheizung. Zur Inneneinrichtung gehört außerdem eine Minibar mit Platz für Wodkaflaschen und Gläsern.

"Der Mercedes 600 war das beste Fahrzeug der Welt", behauptet Daimler-Sprecher Hadzic ganz unbescheiden. Nur 2677 Exemplare wurden von Daimler Benz in den Jahren 1963 bis 1981 in Handarbeit produziert. In den sechziger und siebziger Jahren war der "Sechshunderter" ein beliebtes Repräsentierfahrzeug. Staatsoberhäupter, Päpste und Kaiser gehörten zu den Lenkern des exklusiven Gefährts. John Lennon, Elvis Presley oder Mao Zedong hatten einen.

Im Moment ist der Mercedes abgemeldet, doch seien TÜV-Abnahme und eine neue Zulassung für den neuen Besitzer kein Problem. Fahren würde sich Wagen "weich wie eine Sahneschnitte", erinnert sich Ingenieur Miks an eine Probefahrt. "Ich hatte das Gefühl, etwas Großartiges zu erleben."

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