Mercedes A-Klasse ...und es hat Boom gemacht

Splitter überall, Kühlwasser tropft aus dem Motorraum, am abgerissenen Außenspiegel zuckt nur noch das Blinklicht. "Rückhaltesystem defekt, zur Werkstatt fahren", befiehlt das Display im Cockpit der neuen A-Klasse. Doch hier fährt keiner mehr, das Auto ist Schrott.

Von Jürgen Pander


S-Klasse gegen A-Klasse: Ohrenbetäubender Knall, die beiden Mercedes sind schrottreif

S-Klasse gegen A-Klasse: Ohrenbetäubender Knall, die beiden Mercedes sind schrottreif

Das Ende eines Crashtests. Sekunden vorher standen die beiden Mercedes-Versuchsfahrzeuge - eine neue A-Klasse und eine S-Klasse - noch rund 50 Meter voneinander entfernt im gut abgeschirmten Safety Center von Mercedes in Sindelfingen. 42 Scheinwerfer leuchteten die Stelle aus, an der die ungleichen Kontrahenten, von einer Hydraulik-Seilzuganlage auf jeweils 50 km/h beschleunigt, aufeinander prallen würden. Als es so weit ist, gibt es einen ohrenbetäubenden Knall - und danach sind beide Autos schrottreif.

Rodolfo Schöneburg, Leiter der Mercedes-Sicherheitsentwicklung, lächelt zufrieden. Er weiß schon jetzt, dass die Messwerte der insgesamt vier beteiligten Dummies allesamt im grünen Bereich liegen werden. Insgesamt 110 A-Klasse-Exemplare wurden während der Entwicklung des neuen Modells gecrasht, mehr als 1000 virtuelle Karambolagen durchgerechnet. Übrigens von einem mit mehr als 1000 Prozessoren derzeit größten Linux-Cluster für Crashsimulationen weltweit. "Hausintern erreichen wir fünf Sterne im Euro-NCAP-Crashtest", sagt Schöneburg.

Gecrashte A-Klasse: Im Falle eines Unfalls mit einem größeren Auto sollen die Insassen nicht benachteiligt sein

Gecrashte A-Klasse: Im Falle eines Unfalls mit einem größeren Auto sollen die Insassen nicht benachteiligt sein

Doch in diesem Fall ging es nicht um Sterne, sondern um Kompatibilität. Normalerweise haben die Insassen eines kleinen Fahrzeugs, wenn es gegen ein sehr viel größeres Fahrzeug prallt, schlechte Karten. Der Große quetscht den Kleinen einfach zusammen, das Verletzungsrisiko im leichteren Auto ist sehr viel höher. Mercedes sagt, man habe die relativ kleine A-Klasse so konstruiert, dass ihre Insassen im Falle eines Unfalls mit einem größeren Auto nicht benachteiligt werden. Um das zu beweisen knallte im Crashtest eine S-Klasse-Limousine die gut zwei Tonnen wiegt auf eine rund 1400 Kilogramm schwere A-Klasse.

Maßgeblichen Anteil an der Crashverträglichkeit des Mercedes-Einstiegsmodells hat die so genannte Sandwich-Bauweise. Die Patente dazu tragen umständliche Titel wie "Kraftwagen mit einem in einem spitzen Winkel gegen die Horizontale geneigten Antriebsmotor" und "Stirnwandaufbau für einen Kraftwagen mit vorn angeordneter Antriebseinheit". Anders ausgedrückt: Motor und Getriebe der A-Klasse sind schräg ins Auto eingebaut, und auch die Stahlwand zwischen Motor- und Passagierraum ist geneigt. Im Falle eines Frontalaufpralls dringt die starre Antriebseinheit nicht in den Innenraum ein, sondern gleitet schräg nach unten ab. So lassen sich kompakte Fahrzeugabmessungen und hoher Insassenschutz vereinbaren.

Sandwich-Bauweise in der A-Klasse: Die starre Antriebseinheit gleitet bei einem Crash schräg nach unten ab

Sandwich-Bauweise in der A-Klasse: Die starre Antriebseinheit gleitet bei einem Crash schräg nach unten ab

Die Sandwich-Bauweise bedingt auch eine leicht erhöhte Sitzposition der Passagiere, was wiederum ein Vorteil ist bei einem Seitenaufprall. Die Mercedes-Sicherheitsingenieure verweisen darauf, dass eine gleichmäßige Sicherheit der Insassen von großen und kleinen Fahrzeugen nur dann gewährleistet ist, wenn die geometrischen Verhältnisse der Energie aufnehmenden Bauteile kompatibel sind und der Grad der Steifigkeit der einzelnen Bauteile beider Fahrzeuge aufeinander abgestimmt ist.

Bei der neuen A-Klasse, die im September als drei- oder fünftürige Variante bei den Händlern stehen soll, hat Mercedes die Sicherheitsausstattung mit Blick auf die Crash-Kompatibilität weiter verbessert. So werden beim neuen Modell festere Stahllegierungen verwendet, die Steifigkeit der Türen wurde verbessert, die Knautschzone am Heck wurde vergrößert, an den Vordersitzen kommen aktive Kopfstützen zum Einsatz und es sind serienmäßig neue Kopf-Seiten-Airbags installiert.



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