Mercedes Advanced Design: S-Klasse war gestern

Aus Yokohama berichtet

Für Mercedes-Stammkunden war bereits der Smart ein Sakrileg. Doch was sich die Mitarbeiter der Abteilung Advanced Design derzeit ausdenken, ist noch viel absonderlicher. Ohne mutige Mobilitätskonzepte, glaubt Chefvisionär Steffen Köhl, habe die Marke keine Zukunft.

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Mercedes Design-Visionen: Blick in die Glaskugel
Limousinen, Geländewagen, Roadster - diese Kategorien zählen womöglich bald nicht mehr in der Autowelt. Denn wenn in einigen Jahrzehnten zwei Drittel der Weltbevölkerung in Städten leben, ist für das Auto, wie wir es kennen, darin vermutlich kein Platz mehr. Um trotzdem weiter Fahrzeuge verkaufen zu können, entwickeln alle großen Hersteller inzwischen Mobile für die Megastädte von morgen. General Motors etwa tüftelt an elektrisch betriebenen Fahr-Eiern, Honda entwickelt Hightech-Einräder und Nissan konstruiert eine Art flügellosen Segelflieger. Selbst Daimler, fest in der Tradition verwurzelt und nicht unbedingt in Avantgarde-Verdacht, ist auf den Zug gesprungen.

"Wir müssen uns rüsten für eine Zeit, in der man Autos nicht mehr durch Komfort und Fahrspaß im hergebrachten Sinne definiert", sagt Steffen Köhl, der das sogenannte Advanced Design von Mercedes leitet. Er ist eine Art Pfadfinder für die Zukunft der schwäbischen Marke. "Wenn wir auch in den neuen Megacitys noch Fahrzeuge verkaufen wollen, dann müssen die andere Qualitäten bieten", sagt er. Welche das sein und wie sie aussehen könnten, darüber grübeln die knapp 20 Mitarbeiter des Advanced Design Centers in Yokohama vor den Toren Tokios. 1993 eröffnete Mercedes dieses Kreativbüro in einem ehemaligen Opel-Autohaus.

Der Standort eignet sich gut zum Nachdenken über den Individualverkehr der Zukunft. Schließlich ist Tokio eine jener Städte, in denen man schon heute erahnen kann, wie es in den Metropolen von morgen zugehen wird: Man steht ständig im Stau, wohnt mehr in seinem Auto, als man darin fährt und legt viele Wege besser mit anderen Verkehrsmitteln zurück.

Bei Stau weicht der Aqua-Spider aufs Wasser aus

Wie aber sollen Autohersteller auf derartige Verhältnisse reagieren? Vielleicht mit einem Elektroroller, wie die Marke Smart ihn kürzlich auf der Automesse in Paris vorstellte? Holger Hutzenlaub, der das Studio in Yokohama leitet, zeigt das Modell eines Kleinstwagens, der deutlich kompakter sein soll als die aktuelle A-Klasse. Das Megastadt-Vehicle nimmt derzeit als Tonmodell Gestalt an. Abwegig ist die Idee nicht, das Auto könnte wahlweise als Mercedes oder Smart auf einer technischen Plattform des Kooperationspartners Renault-Nissan entstehen.

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Mercedes im Überblick: Vom Silberpfeil bis zur blauen Null
Die Designer in Tokio entwerfen allerdings auch Mobile, die mit Autos nicht einmal entfernt zu tun haben. An den Studiowänden hängen Skizzen von einem Aqua-Spider, einem Amphibienfahrzeug, das bei Stau aufs Wasser ausweichen kann. Es gibt Zeichnungen eines Maybach-Modells, das so transparent ist wie ein japanisches Teehaus und so auf kleiner Grundfläche ein großzügiges Raumgefühl erzeugt. Und es gibt ein seltsames Zwitter-Gefährt aus Motorrad und Düsenjet, bei dem der Passagier unter einer Haube und der Fahrer - wie eine Mischung aus Captain Future und Evel Knievel - rittlings obendrauf sitzt.

Eine elektrisch angetriebene Rikscha mit Luxus-Passagierkabine

Der verblüffendste Entwurf jedoch ist eine elektrisch angetriebene Maybach-Rikscha, die das Studio für die Los Angeles Design Challenge, den Kreativwettbewerb der Autoshow, entworfen und auch als dreidimensionales Modell gebaut hat. Das Fahrzeug überträgt die Balance-Technik der Segway-Stehroller auf ein Gebilde aus zwei mannshohen Rädern, zwischen denen eine Passagierkabine hängt.

All diesen Konzepten und Modellen ist gemein, dass sie noch sehr weit entfernt von einer Realisierung oder gar Serienproduktion sind. "Das ist keine Spielerei", beharrt jedoch Designer Köhl. "Das meinen wir ernst, sehr ernst sogar." Grundsätzlich nämlich seien Konzepte wie die Rikscha oder andere Minimobile aus Yokohama technisch machbar. "Da hilft der Elektroantrieb und Freiheit, die das Design dadurch erhält", sagt Hutzenlaub.

Die Mercedes-Ingenieure sind herabgestiegen vom hohen Ross

Außerdem habe ein Umdenken stattgefunden. Was dem Konzern an Technologie fehlt, wird heute einfach zugekauft. Früher wollten, so berichten die Kreativen, die Ingenieure alles selbst machen. Das habe entsprechend lange gedauert oder wurde viel zu teuer. Von diesem hohen Ross sei man endlich herabgestiegen, sagt Hutzenlaub. Neben der Allianz mit Renault-Nissan und der Kooperation mit dem chinesischen Hersteller BYD, gibt es zahlreiche weitere Unternehmen, mit denen Daimler über eine Zusammenarbeit verhandelt oder bereits eine Übereinkunft erzielt hat. Dabei geht es um Leichtbau-Technik, Karbon, Karosserieelemente oder Batterien.

Für die Traditionalisten unter den Mercedes-Kunden könnte das künftig noch einige Schocks bedeuten. Hutzenlaub: "Wenn wir jetzt nicht anfangen, neue Sachen auszuprobieren, fehlt uns ein wichtiger Schritt in der Kulturrevolution, die uns bevorsteht."

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insgesamt 28 Beiträge
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1. .
virtualtom 20.11.2010
Wie fahren wir übermorgen? Ohne Öl. Und zwar nicht nur als Treibstoff, sondern auch in der Konstruktion, denn sind die Erdölvorräte erst einmal verbraucht, hat es sich ausgekunststofft.
2. Das mit dem Wasser...
rolandpriebe 20.11.2010
Das mit dem Ausweichen auf das Wasser ist ja wohl ein Witz. Nutzbar in zwei Städten... - und selbst in Venedig wird wohl kaum einer in einen Stau geraten und genau da, wo er es braucht einen einfachen Zugang zum Wasser finden. Davon abgesehen, dass eine Anpassung an Wassertauglichkeit das gesamte Fahrzeug an anderer Stelle schwerer, komplexer oder einfach für den "normalen" Betrieb ungeeigneter macht. Nette Spielerei, mehr nicht. Es wird damit kein einziges wirkliches Problem gelöst.
3.
FoxhoundBM 20.11.2010
Zitat von virtualtomWie fahren wir übermorgen? Ohne Öl. Und zwar nicht nur als Treibstoff, sondern auch in der Konstruktion, denn sind die Erdölvorräte erst einmal verbraucht, hat es sich ausgekunststofft.
Ich glaube kaum, das die so schnell ausgehen. Außerdem besteht bei einigen Erdöl-Feldern offenbar die Möglichkeit,sich selbst zu regenerieren. In Kuwait gibt es z.B. ein Ölfeld das einfach nicht leer wird. Die Ölkonzerne nutzen die Mähr vom ausgehenden Öl nur gern, um die Preise oben zu halten. Das ganze übrige Erdinnere ist nicht im Entferntesten angetastet.
4. Der kleine Roller....
Realo 20.11.2010
..der macht Sinn. Gefällt mir, völlig ohne Schnörkel. Jetzt noch ein Dach und alles ist gut..... Produziert, gekauft, fertig. ;-)
5. Menschlich
wakaba 20.11.2010
Zitat von FoxhoundBMIch glaube kaum, das die so schnell ausgehen. Außerdem besteht bei einigen Erdöl-Feldern offenbar die Möglichkeit,sich selbst zu regenerieren. In Kuwait gibt es z.B. ein Ölfeld das einfach nicht leer wird. Die Ölkonzerne nutzen die Mähr vom ausgehenden Öl nur gern, um die Preise oben zu halten. Das ganze übrige Erdinnere ist nicht im Entferntesten angetastet.
Oel wächst nach? Verdrängung? Würd man die irren Zulassungsvorschriften die nur zum Schutz von Grossherstellern dienen abschaffen und ein Tempolimit einführen gäbs auch wieder innovative und leichte Mobilprodukte die auch aus Holz und Karton bestehen könnten und in der Region viele Arbeitsplätze schaffen dürften. Trotzdem würden weniger Leute sterben und Fahrzeuge könnten aus nachwachsenden Rohstoffen gebaut und betrieben werden. Den Deutschen tät die Entschleunigung auch gut...
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