Mercedes-AMG Project One Hybris auf vier Rädern

1000 PS Leistung und drei Millionen Euro Grundpreis: Project One ist das extremste Modell von Mercedes. Der Wagen steht exemplarisch für ein großes Problem des Herstellers.

Daimler

Aus Frankfurt berichtet


Als Daimler-Chef Dieter Zetsche am Montagabend auf der IAA in Frankfurt zum ersten Mal das neue Modell Mercedes-AMG Project One präsentierte, war dieses Auto schon nicht mehr zu haben. Die Serie ist auf 275 Exemplare limitiert und bereits ausverkauft. Angeblich gingen viermal so viele Anfragen ein. Und das, obwohl der Stückpreis drei Millionen Euro beträgt.

Für diese irrwitzige Summe bekommen die 275 Kunden den extremsten Mercedes der Markenhistorie. Mehr als 1000 PS stark, Höchstgeschwindigkeit 350 km/h. Bei der Show auf der IAA wurde der Wagen von Formel-1-Pilot Lewis Hamilton auf die Bühne gefahren. Das machte sogar Sinn, denn kaum ein anderer Mensch beherrscht die Wucht des V6-Motors, der im Project One verbaut ist, so gut wie der britische Rennfahrer. Schließlich steckt in seinem Formel-1-Auto das gleiche Aggregat.

"Wir machen einen kleinen Kreis von Enthusiasten selig und werden uns viele lange Gesichter anschauen müssen," sagte Dieter Zetsche und spielte damit eigentlich auf die enttäuschten Interessenten an, die keins der 275 Exemplare ergattern konnten.

Ob der Daimler-Boss merkte, dass er damit aber gleichzeitig auch einen kritischen Kommentar zu dem Millionprojekt abgab?

Denn einige lange Gesichter hatte er direkt vor sich - verdutzte Zuschauer, überrascht von der Hybris dieser Präsentation: Zum viel beschworenen Aufbruch ins Zeitalter von Elektromobilität und cleveren Mobilitätsdienstleistungen mag Project One so nämlich nicht so richtig passen.

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Mercedes-AMG Project One: Formel 1 für die Straße

Man kann an diesem Auto mal wieder gut ablesen, welchen Spagat ein Traditionshersteller wie Mercedes derzeit machen muss, und wie die Herausforderungen für die kommenden Jahre die Marke förmlich zu zerreißen drohen. Denn während auf dem Heckspoiler, der in etwa die Größe eines Snowboards hat, der AMG-Schriftzug prangt, sind unterhalb der hinteren Radkästen dezent die Buchstaben EQ versteckt. Unter diesem Label vermarktet Mercedes seine E-Mobile.

Zu Unrecht trägt der Wagen das EQ-Emblem natürlich nicht: Neben dem V6-Motor, der aus nur 1,6 Liter Hubraum 759 PS und 11.000 u/min holt, sind zusätzlich vier Elektromotoren verbaut: Zwei mit jeweils 120 kW Leistung an den Vorderrädern; einer mit ebenfalls 120 kW, der direkt mit der Kurbelwelle des Verbrennungsmotors verbunden ist; sowie einer mit 90 kW, mit bis zu 100.000 Umdrehungen den Turbo auf Touren bringt. Mit dem Hybridantrieb soll es sogar möglich sein, im Project One 25 Kilometer rein elektrisch zurückzulegen.

Raserei in Perfektion

Doch natürlich geht es bei diesem Hypercar nicht ansatzweise um Ökonomie, um mehr Effizienz oder weniger Emissionen, und schon gar nicht um lautlose Fortbewegung. Worum es in Wahrheit geht, ist allein die Perfektion der Raserei. Der Zweisitzer mit der markanten Hutze auf dem Dach schießt in weniger als sechs Sekunden von 0 auf 200 km/h und erreicht ein Spitzentempo von über 350 km/h, die Entwickler versprechen ein Maß an Querdynamik und Kurvengeschwindigkeiten, wie man es bei keinem anderen Mercedes erlebt hat.

        Das spartanische Cockpit des Project One
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Das spartanische Cockpit des Project One

Mit dem Project One, so Zetsche, "pulverisieren wir alle Performance-Grenzen bei AMG und Mercedes". Pulverisiert wird dabei aber auch ein bisschen die Glaubwürdigkeit, wenn es um das Hervorheben eines grünen und verantwortungsbewussten Images geht. Diesen Anspruch versucht Mercedes auf der mit IAA mit Messepremieren wie der elektrischen A-Klasse und einem Robotertaxi von Smart zu bedienen - beides Konzepte für die Zukunft. Hinzu kommt noch das serienreife Brennstoffzellenauto GLC F-Cell. "Das eine tun, ohne das andere zu lassen": Mit diesen Worten rechtfertigte Zetsche den Spagat zwischen dem 1000 PS und den vielen Versprechungen.

Ein Publikumsmagnet

Bei all den kritischen Anmerkungen zu dem Wagen muss man aber auch anerkennen: Die Nachfrage nach dem Drei-Millionen-Auto spricht für sich. Und auf den von Zetsche beschriebenen "kleinen Kreis von Enthusiasten", den man durch den Kauf "selig" mache, kommen zusätzlich Tausende Autofans, die sich auf der IAA vor diesem Publikumsmagneten drängeln werden. So ein Auto - und auch die Komplexität seines Antriebs - bringt immer noch Augen zum Leuchten.

"So oder so", sagte Zetsche, "dieses Auto weckt Emotionen." Da kann man ihm nicht widersprechen. Deshalb hat es auch etwas Gutes, wenn Mercedes so einen Wagen gerade auf der IAA auf die Bühne rollen lässt. Denn emotionslose Autos - mit und ohne Elektroantrieb - gibt es dort schon mehr als genug.


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keine-#-ahnung 12.09.2017
1. Was genau versteht ...
... der Autor nicht an der Funktionsweise eines Marktes? Wenn ein Produkt nachgefragt ist, wird es produziert und verkauft. Mercedes-Benz muss auch keinen "Spagat" machen, es reicht, neben der Entwicklung alternativer Antriebe weiter vernünftige Kfz. mit Verbrennern und eben Hybride zu bauen. Die deutschen Autobauer setzen auch aus guten Gründen weiter auf die Dieseltechnologie und lassen sich nicht von ein paar wildgewordenen "Aktivisten" hysteriegeplagt vor sich hertreiben. Allein die Tatsache, das mit einem 1,6-Liter-Serienmotor fast 800PS generiert werden, spricht für den Technologiestandort Deutschland. Ob man das braucht? Ich brauche das nicht ... andere offenbar schon, und die zahlen dafür einen angemessen Preis. Das heisst dann halt Markt!
Alfons Emsig 12.09.2017
2. Warum nicht?
Auf diese Weise spuckt Daimler ein wenig dem VW-Konzern in die Suppe (Chiron), kann endlich mit Toyota gleichziehen und nach 18 Jahren den Hybridantrieb ebenfalls beherrschen sowie sich einen Teil der Entwicklungskosten vom Stammkunden, der wohl schon seit Jahrzehnten um ein Hypercar aus diesem Hause bettelt, wieder reinholen. Alles richtig gemacht, Herr Zetsche!
hegoat 12.09.2017
3.
Lasst den Autofreaks doch ihre Spielzeuge. Wenn Mercedes solche Luxusartikel baut (und um nichts anderes handelt es sich) und Kunden diese Luxusartikel kaufen, sollen Sie doch glücklich sein. Wenn Samsung einen 120-Zoll-Fernseher herausbringt oder Rolex ein neues Modell, gibt es dafür auch Käufer und solche, die e gerne wären, es sich aber bitte leisten könnten. Nur wird um Fernseher und Uhren nicht so ein Bohei in der Presse gemacht.
artifex-2 12.09.2017
4. 50 Jahre AMG
und zum 60zigsten Todestag von der authentischen Nobelwagen Schmiede Spohn-Maybach, hat M.B auch preislich das Nonplusultra gesetzt !
JerryKraut 12.09.2017
5. Schwachsinn
auf 4 Rädern. Ist wohl wie mit den Dinos. Die wurden auch immer größer und stärker bis es krachte. Und dem Kommentator, der nach eigener Namensgebung keine Ahnung hat, folgendes: Heroin und Kinderpornos werden auch nachgefragt.
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