Mercedes Bionic-Car Vorbild Kofferfisch

In tropischen Gewässern wurden die Mercedes-Ingenieure fündig. Dort, in Korallenriffen, Lagunen und Seegrasgebieten, tummelt sich der Kofferfisch, ein plump wirkender Geselle der aussieht – nun ja – wie ein gelber Koffer mit schwarzen Sprenkeln. Nach seinem Vorbild wurde nun ein Auto entwickelt.


Lotusblume, Delphinschnauze oder Haifischhaut - die Natur hält ungezählte Konstruktionspläne bereit, die von der noch jungen Forschungsdisziplin Bionik entschlüsselt und für technische Entwicklungen Nutzbar gemacht werden. Mit diesem Ansatz gingen auch die Ingenieure von Mercedes-Benz an ihr jüngstes Projekt: Sie suchten in der Natur ein Vorbild, das nicht nur in Details, sondern in seiner kompletten Form und Struktur den Vorstellungen von einem modernen Auto möglichst nahe kommt. Sie fanden den Kofferfisch und bauten die Studie Bionic-Car, die jetzt erstmals beim Daimler-Chrysler Innovationssymposium in Washington vorgestellt wurde.

Fotostrecke

8  Bilder
Vorbild Natur: Gelber Koffer mit schwarzen Sprenkeln

Warum ausgerechnet der Kofferfisch? Weil dieses Tier trotz seines quaderförmigen, klobigen Rumpfes extrem strömungsgünstig geformt ist. Ein originalgetreuer Modellnachbau des Kofferfisches erzielte im Windkanal den außergewöhnlich guten Luftwiderstandsbeiwert von 0,06. Ein Automodell im Maßstab eins zu vier, das die Entwickler daraufhin modellierten, und das der Grundform des Fisches entsprach, erreichte den bislang in der Automobiltechnik einzigartigen cW-Wert von 0,095. Und selbst der fertige, funktionstüchtige und fahrbereite Prototyp ist mit einem cW-Wert von 0,19 extrem windschnittig. Jedenfalls kommt kein anderes Auto dieser Klasse - das Bionic-Car ist ein viersitziger Kompaktwagen mit 4,24 Meter Länge, 1,82 Meter Breite und 1,59 Meter Höhe - auch nur annähernd auf diesen Wert.

Die Ingenieure guckten sich aber nicht nur die Form, sondern auch das Bauprinzip vom Kofferfisch ab. Seine Haut nämlich besteht aus sechseckigen Knochenplättchen, die so gewachsen sind, dass sie bei geringstem Gewicht ein Höchstmaß an Festigkeit bieten und das Tier wirksam vor Verletzungen schützen. Nach diesem Prinzip, Material nur dort einzusetzen, wo es notwendig und sinnvoll ist, konstruierten die Techniker auch das Gerüst des Bionic-Cars. Mit dem Ergebnis, dass die Karosserie bei gleichbleibender Stabilität, Steifigkeit und Crashsicherheit rund ein Drittel weniger Gewicht auf die Waage bringt.

Auch lässt sich durch intelligenten Leichtbau dieser Art Kraftstoff sparen. Der 140 PS (103 kW) starke 2-Liter-Dieselmotor des Bionic-Car verbrauchte im üblichen Testzyklus 4,3 Liter je 100 Kilometer. Die Höchstgeschwindigkeit des Versuchsfahrzeug liegt bei 190 km/h, der Spurt von 0 auf Tempo 100 gelingt in 8,2 Sekunden. Die Abgase des Aggregats werden von einem Russpartikelfilter gereinigt. Zusätzlich verfügt das Auto über einen Katalysator, der mit Hilfe einer "AdBlue" genannten Harnstofflösung rund 80 Prozent der Stickoxide (NOx) in unschädlichen Stickstoff und Wasserstoff umwandelt. Diese SRC-Technologie (Selective Catalytic Reduction) setzt Mercedes bereits bei Nutzfahrzeugen ein; künftig soll der Harnstoff-Kat auch in Diesel-Pkw die NOx-Emissionen deutlich verringern.

Das Bionic-Car bietet außer seiner ungewöhnlichen Form und Struktur noch einige weitere Besonderheiten. Zum Beispiel eine Panorama-Frontscheibe und eine weit ins Dach gezogene Heckscheibe, Prismen-Lichtleiter als vordere Blinker, Rückleuchten mit Leuchtdioden und Prismenstäben, Rückblick-Kameras anstelle von Außenspiegeln, Einzelsitze im Fond und ein sehr reduziertes, elegantes Interieur in einem geschmeidigen Design und mit einem prominenten, quer über die Armaturentafel laufenden Zierstreifen in Gelb: Kofferfisch-Gelb.



© SPIEGEL ONLINE 2005
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.