Autogramm Mercedes Citan: Stern? Schnuppe!
Ist das nicht ein...ach nee. Oder? So ähnlich geht es dem Betrachter beim Anblick des neuen Mercedes Citan. Der Kastenwagen ist das erste Kind aus der neuen Ehe mit Renault Nissan. Mercedes-typischen Prunk sucht man im Kangoo-Ableger vergeblich - er überzeugt mit anderen Qualitäten.
Der erste Eindruck: Ein Stern im Kühlergrill und am Heck, und drinnen auf dem Lenkrad auch noch einer - das muss ein Mercedes sein. Dabei sehen die Knubbelhaube, die Schiebetüren, der große Aufbau und die riesige Heckklappe verdächtig nach Renault Kangoo aus. Und tatsächlich: Das Modell Citan ist das erste Mercedes-Fahrzeug aus der Kooperation mit Renault-Nissan. Zum üblichen Prunk- und Protzgehabe von Mercedes oder auch von Mercedes-Kunden passt dieses Auto also nicht. Der Name soll übrigens eine Kurzform von "City-Titan" sein.
Das sagt der Hersteller: Den ersten Anlauf im Segment der Kleintransporter unternahm Mercedes mit dem von der damaligen A-Klasse abgeleiteten Modell Vaneo. Das Auto scheiterte kläglich. Nun endlich will Mercedes mit dem Citan am Boom der Kastenwagen teilhaben. Kein anderes Segment sei mittlerweile so wichtig wie die handlichen Stadtlieferwagen, sagt Transporter-Chef Mornhinweg. Er hat daher vor allem gewerbliche Kunden im Blick. Zudem deckt Mercedes dank des Citan nun das komplette Nutzfahrzeuggeschäft vom Kurierdienst bis zum spektakulären Schwertransport ab.
Quasi als Beifang beim Fischen nach gewerblichen Kunden nehmen die Mercedes-Leute jene Privatkunden mit, die nach einem praktischen Familienauto suchen. Will heißen: Den Citan gibt es auch als Kombi mit fünf Sitzen und großem Laderaum. Die Kombi-Variante mit Pkw-Zulassung und voll verkleidetem Innenleben ohne blanke Bleche ist durchaus als Alltagsauto eine Überlegung wert. 20.325 Euro kostet die billigste Kombi-Variante und ist damit etwa 6000 Euro billiger als die einfachste B-Klasse. Das Auto ist derzeit die günstigste Möglichkeit, einen neuen Mercedes zu fahren.
Das ist uns aufgefallen: Wie bequem man in der Großstadtkiste unterwegs ist. Man merkt, dass die Entwickler den Fahrersitz als Arbeitsplatz verstanden haben, auf dem die meisten Kunden acht oder mehr Stunden am Tag verbringen. Deshalb ist die Möblierung des Autos nicht so elegant und vornehm wie in einer B-Klasse, aber sie ist ergonomisch durchdacht, praktisch und robust. Das gesamte Cockpit zum Beispiel besteht aus kratzfestem Kunststoff und ist komplett abwaschbar. Hinten sitzen zwei Erwachsene oder drei Kinder recht kommod, und 700 Liter Kofferraumvolumen machen auch größere Transportaufgaben zu einer leichten Übung.
Und die in Pkw-Beschreibungen so oft zitierte Fahrdynamik? Die ist nicht nur Handel, Handwerk und Gewerbe egal, sondern wahrscheinlich auch den meisten Familienvätern, die für kleines Geld ein großes Auto suchen. "Er fährt eben", fasst den Eindruck von der ausgedehnten Testrunde mit dem 90-PS-Diesel wohl am besten zusammen.
In der Stadt bewegt sich der Citan durchaus zackig, auf der Autobahn etwas zäh. Der Motor ist immer gut zu hören und mit einem Normverbrauch von 4,3 Liter durchaus sparsam. Dafür überrascht das von Mercedes neu abgestimmte Fahrwerk: Der Citan lässt sich in der Stadt handlich und agil dirigieren; auf Landstraßen bügelt der Wagen nur so über den Asphalt und lenkt so präzise, dass in flotten Kurven sogar ein bisschen Fahrfreude aufkommt.
Das muss man wissen: Der Verkauf zu Preisen ab 17.445 Euro (Nutzfahrzeugvariante) beginnt mit der Publikumspremiere Mitte September auf der IAA Nutzfahrzeuge in Hannover. Es gibt den Citan, wie den Renault Kangoo, in drei Längen und mit drei Aufbauvarianten als reinen Kastenwagen, als fünfsitzigen Mixto mit mehr Glas als Blech und eben als den hier vorgestellten Kombi namens Crewbus, der auch als ganz normaler Van durchgehen würde. Die Preise sind laut Mercedes so kalkuliert, dass der Citan zwar etwas teurer ist als der Kangoo, aber stets billiger als der VW Caddy.
Die Serienausstattung der gewerblichen Varianten ist klassentypisch mager - mehr als ABS, ESP und einen Airbag gibt es nicht. Privatkunden erhalten im Crewbus sechs Airbags und natürlich eine Reihe von Extras wie Sitzheizung oder Klimaanlage. Moderne Assistenzsysteme wie eine Abstandsregelung oder einen Spurwechselhelfer gibt es aber genau so wenig wie ein integriertes Navigationssystem oder gar einen mobilen Online-Zugang.
Das werden wir nicht vergessen: Das komische Gefühl, wenn man in einem Mercedes sitzt, der eigentlich ein Renault ist, und die gewohnte Noblesse einer praktischen Nüchternheit weicht.
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| Hersteller: | Mercedes |
|---|---|
| Typ: | Citan Crewbus |
| Karosserie: | Van/Kleinbus/Großraumlimousine |
| Motor: | Vierzylinder-Turbodiesel |
| Getriebe: | Fünfgang-Schaltgetriebe |
| Antrieb: | Front |
| Hubraum: | 1.461 ccm |
| Leistung: | 90 PS (66 kW) |
| Drehmoment: | 200 Nm |
| Von 0 auf 100: | 13,3 s |
| Höchstgeschw.: | 160 km/h |
| Verbrauch (ECE): | 4,3 Liter |
| CO2-Ausstoß: | 112 g/km |
| Kofferraum: | 700 Liter |
| umgebaut: | 3.100 Liter |
| Gewicht: | 1.340 kg |
| Maße: | 4321 / 1829 / 1816 |
| Preis: | 21.039 EUR |
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