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08. Februar 2013, 16:28 Uhr

Mercedes E-Klasse im Test

Extrem erneuert

Von Tom Grünweg

E wie Erfolg? In Deutschland galt das für Mercedes zuletzt nicht mehr, die E-Klasse fährt hinter BMW 5er und Audi A6 her. Jetzt wurde der Wagen so grundlegend überarbeitet, dass Mercedes ihn als neues Auto verkauft - mit zwei Gesichtern.

Der erste Eindruck: Das soll ein Facelift sein? Während normalerweise zur sogenannten Modellpflege lediglich Scheinwerfer oder Schürzen verändert werden, hat Mercedes der E-Klasse zur Hälfte der Laufzeit eine komplett neue Frontpartie verpasst - und das gleich doppelt. Es gibt nämlich eine protzig-dynamische Variante mit bratpfannengroßem Stern in der Kühlermaske namens "Avantgarde", die wirklich frisch und anders aussieht. Und es gibt die klassische "Elegance"-Version mit stehendem Stern auf der Haube, wie schon bei Opas Benz.

Das sagt der Hersteller: Mercedes feiert sich als Erfinder der gehobenen Geschäftslimousine, und hat seit der Premiere des W120 in den Fünfzigern rund 13 Millionen Autos in diesem Segment verkauft. Die Schwaben finden, dass die E-Klasse schon eine große Nummer war, als man an einen Audi oder BMW in dieser Klasse noch nicht einmal zu denken wagte. Inzwischen fährt eher die E-Klasse hinterher.

Die Modellpflege soll deswegen dafür sorgen, dass der Wagen "auch weiterhin die Spitzenposition in diesem anspruchsvollen Segment einnimmt", sagt Vertriebschef Joachim Schmidt.

Das ist uns aufgefallen: Die neue E-Klasse ist dem Wesen nach ganz die alte geblieben. "Willkommen zu Hause" - an diesem Gefühl ändert das neue Frontdesign ebenso wenig wie die (fast zu) vielen Untermenüs, die mittlerweile auf dem Bildschirm des Bordcomputers erscheinen. Die sind scheinbar nötig, um die Schar der Assistenzsysteme zu kommandieren. Der Innenraum wirkt ebenfalls bekannt - und ein bisschen konservativ. Was manche als altbacken kritisieren, loben die anderen als vertraut.

Bemerkenswert ist auch die angenehm unaufdringliche Art, mit der die Assistenzsysteme ihrer Arbeit nachgehen. Das bedeutet zugleich einen weiteren Schritt in Richtung automatisiertes Fahren, doch das knappe Dutzend neuer oder gründlich modernisierter Helfer, die Mercedes nun in der E-Klasse einbaut, entmündigt den Fahrer keineswegs.

Gewiss, es piept und blinkt jetzt noch ein bisschen öfter, die Lenkung entwickelt in immer mehr Krisenfällen eine gewisse Eigendynamik und die automatische Notbremse erkennt nun noch mehr brenzlige Situationen. Aber man fühlt sich nicht bevormundet, sondern allenfalls freundlich ermahnt.

Während Mercedes im Innenraum die Nähe zur S-Klasse betont, leisten die Ingenieure unter der Haube Basisarbeit. Denn neben einem neuen V6-Benziner mit Doppelturbo wurden zwei neue Vierzylinder-Benziner aufgelegt, die der E-Klasse als erster Limousine des Segments das Effizienzlabel A sichern. Um das zu erreichen, setzen die Ingenieure auf "geschichteten Magerbetrieb mit strahlgeführter Direkteinspritzung".

Dabei arbeitet der Motor mit deutlichem Luftüberschuss, weil der Kraftstoff erst während der Kompressionsphase in die bereits verdichtete Luft eingespritzt wird. Damit er optimal zündet, wird der Sprit in winzigen Portionen genau so in die Brennkammern geschleudert, dass direkt um die Zündkerze eine brennfähige Wolke (Schicht) entsteht und sich die Flamme dann entlang des Kraftstoffstrahls ausbreitet.

Zudem soll eine externe Hochdruck-Rückführung ein schnelles Ansprechen des Turboladers garantieren, so dass kein Turboloch mehr spürbar ist und dazu der Verbrauch weiter sinkt. Das funktioniert offenbar, denn der Verbrauch liegt bei 5,8 Liter - und zwar ohne, dass der Fahrspaß auf der Strecke bleibt. Der 211 PS starke E 250 zum Beispiel klingt zwar beim Anlassen etwas rau und ungehobelt, doch nach ein paar Minuten hat man den Motor fast vergessen und ist umso überraschter, wie er auf den ersten Fußtritt reagiert. 350 Newtonmeter greifen dann an und wuchten die Fuhre so flott voran.

Das muss man wissen: Die Auswahl ist enorm. Je fünf Diesel- und Benzinmotoren von 2,0 bis 4,6 Liter Hubraum, mit vier, sechs oder acht Zylindern und einer Leistung von 136 bis 408 PS stehen zur Wahl, dazu der einzige Diesel-Hybridantrieb in dieser Klasse; Schalt- oder Automatikgetriebe, Heck- oder Allradantrieb, Kombi oder Limousine - das ergibt fast 80 Varianten. Coupé und Cabrio sowie die AMG-Versionen (siehe Kasten links) noch gar nicht mitgezählt.

Auch bei den Assistenzsystemen gibt es mehr Auswahl denn je. Mit Hilfe einer neuen Stereo-Kamera etwa kann das Auto quasi räumlich sehen, Verkehrssituationen dadurch noch besser einschätzen und zahlreiche Zusatzdienste anbieten. So verhindert die Elektronik nun erstmals Kollisionen mit querenden Fahrzeugen oder mit Fußgängern. Der Spurhalteassistent reagiert auch auf entgegenkommende Fahrzeuge: Driftet der unaufmerksame Fahrer über die Linie in den Gegenverkehr, bremst die Elektronik einzelne Räder so ab, dass die E-Klasse von selbst auf die korrekte Spur zurückfindet.

Außerdem kann die E-Klasse durch die neue Technik im Stau dem Vordermann auch durch Kurven und beim Spurwechsel folgen. Die Sensorik regelt nämlich nicht einfach nur den Abstand, sondern das System greift auch in die Lenkung ein und hält den Wagen stets in der Mitte der Fahrspur. Dank Stereo-Kamera funktioniert das bei mäßigem Tempo auch dann, wenn es gar keine Fahrbahnmarkierungen gibt, weil sie die E-Klasse am Vorausfahrenden orientiert. Künftig soll das auch beim Spurwechsel möglich sein.

Eine Einladung, die Hände in den Schoß zu legen, ist das freilich nicht. Denn falls die Sensoren am Lenkrad keinerlei Widerstand mehr registrieren, schlägt das System Alarm. Dann wird der Assistent mit dem Hinweis "Bitte Steuer übernehmen" ausgeschaltet. Auch für die anderen Verkehrsteilnehmer wird es etwas sicherer. Die neuen LED-Scheinwerfer mit dem optionalen Dioden-Fernlicht feuern fast immer mit voller Leistung, ohne den Gegenverkehr zu blenden.

Die Preise für die E-Klasse beginnen bei 40.430 Euro für die E 200 CDI Limousine und steigen um rund 3200 Euro für die Kombi-Variante. Das V8-Modell E 500 mit Allradantrieb und 408 PS kostet ab 73.393 Euro. Und das ist noch nicht alles, denn die Ausstattungsliste bietet derart viele Extras und Optionen, dass man den Preis fast beliebig in die Höhe treiben kann.

Allein für das komplette Sicherheitspaket zahlt man weit über 5000 Euro, für LED-Licht (knapp 1500 Euro) wird ebenso zur Kasse gebeten wie für die Kindersitzerkennung auf der Beifahrerseite (60 Euro). Hier ein Kreuzchen, da ein Haken - ruckzuck ist der Preis auf dem Niveau der S-Klasse.

Das werden wir nicht vergessen: Wie ungewohnt das Fahrgefühl in einer Mercedes-Limousine ist, wenn der Blick über die Haube ins Leere geht. Und wie vertraut, wenn man aus der "Avantgarde"-Variante zurück in die "Elegance"-Ausstattung wechselt und dann wieder einen Stern vor Augen hat.

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