Forschungsauto Mercedes F 015 Vorwärts nimmer, rückwärts immer

Er sieht aus wie eine überdimensionierte Computermaus, drinnen wähnt man sich in einem Raumschiff. Der selbstfahrende Mercedes F 015 ist Mercedes' Vision der Zukunft. Die hat mit Autofahren nur noch wenig zu tun.

Daimler

Aus San Francisco berichtet


Es ist Montagmorgen, und auf dem Highway ins Silicon Valley ist mal wieder die Hölle los. Kein Grund für Verdruss, wenn man im autonom fahrenden Auto wie dem Mercedes F 015 sitzt. Denn der fährt selbstständig. Man kann sich dem Smartphone oder der Zeitung widmen oder, noch besser, den Sitz nach hinten drehen und mit den Mitfahrern plaudern. In diesem Auto sind Fahrtrichtung und Sitzposition irrelevant: der Wagen kümmert sich um die Fortbewegung, der Mensch um all das, was er gerade möchte.

Soweit die Vision der Mercedes-Entwickler.

Und um die schon möglichst real erscheinen zu lassen, lud der Stuttgarter Autobauer jetzt nach San Francisco ein, um dort das Forschungsauto F 015 in Aktion vorzuführen. Allerdings nicht im öffentlichen Straßenverkehr, sondern aus Sicherheitsgründen lediglich auf einem ehemaligen Flugplatz am Rande der Stadt.

Zeit ist das neue Luxusgut

"Wir geben dem Fahrer ein wertvolles Gut zurück: Zeit für andere Dinge", sagt Mercedes-Forscher Alexander Mankowsky über die Kernidee des autonomen Fahrens. Bis es so weit ist, wird es noch einige Jahre dauern, doch dass es so weit kommen wird, daran zweifelt niemand mehr in der Autoindustrie. Und das Forschungsauto F 015 von Mercedes ist einer der Vorboten dieser Entwicklung.

Daimler-Chef Dieter Zetsche formuliert es so: "Wer beim autonomen Fahren nur an die Technik denkt, hat noch nicht erkannt, wie es unsere Gesellschaft verändern wird. Das Auto wächst über seine Rolle als Transportmittel hinaus und wird endgültig zum mobilen Lebensraum." Werte wie Ruhe, Abgeschiedenheit, Privatsphäre und Freizeit werden in einer immer hektischeren Welt mit immer volleren Städten bald wichtiger sein als die Symbolik fetter Motoren.

Nun bewegt sich die auf der Elektronikmesse CES in Las Vegas enthüllte Studie zum ersten Mal tatsächlich. Das der riesige Silberfisch auf ein Kommando via Smartphone selbstständig aus dem Parkhaus rangieren und vorfahren kann, um die Insassen aufzunehmen, ist zwar verblüffend, aber längst nicht mehr spektakulär. Und auch der Zaubertrick, dass man im Wagen die Hände vom Lenkrad und die Füße von den Pedalen nehmen kann und das Auto sicher weiterfährt, wird von diversen Herstellern mittlerweile im Monatsrhythmus vorgeführt.

Das Lenkrad verschwindet, der Sitz wird drehbar

Doch im F 015 beginnt an genau diesem Punkt eine völlig neue Erfahrung: Kaum wechselt man in den "Conducted Mode", zieht sich das Lenkrad ins Armaturenbrett zurück, die Pedale ducken sich und die Elektronik gibt die Sitze in der ersten Reihe frei. Nun lassen sich die schlanken Schalen drehen, und Fahrer und Beifahrer können dem Straßenverkehr buchstäblich den Rücken kehren.

Trotz Testfahrtsituation und abgesperrtem Terrain ist das ein ziemlich seltsames Gefühl. Ständig ertappt man sich beim Schulterblick, fragt sich, ob wirklich alles gut geht oder man nicht doch in eine Mauer kracht. Doch mit jedem Kilometer wächst das Vertrauen und damit die Entspannung. Während der F 015 Tempo aufnimmt, entschleunigt der zum Passagier gewordene Fahrer.

Ablenkung gibt es reichlich, denn dieses Auto ist eine einzige Spielwiese für "Digital Natives". Es ist ständig online und scheint aus einem einzigen Touchscreen zu bestehen. Während die Scheiben stark verdunkelt werden, blickt man im Cockpit, an den Türen oder im Heck auf integrierte Bildschirme, auf denen Grafiken den Fluss der Bewegung simulieren oder allerlei Kommunikations- und Informationsfunktionen abgebildet werden. Möchte man eine dieser Funktionen nutzen, erscheint auch schon das entsprechende Bedienelement - Blick- und Gestensteuerung machen es möglich.

Für Fußgänger wird ein virtueller Zebrastreifen ausgerollt

Während man drinnen in der digitalen Welt versinkt, spielen sich draußen erstaunliche Szenen ab. Denn der F 015 erregt nicht nur wegen seiner Größe und Form Aufsehen, sondern auch mit einem eigenwilligen Beleuchtungskonzept. Damit die anderen Verkehrsteilnehmer dem autonomen Fremdkörper vertrauen, wechseln im Automatikmodus die Scheinwerfer von Weiß auf Blau, und der LED-Kühlergrill vollführt eine Art virtuelles Minenspiel - das Auto tritt per Laserprojektion auf dem Asphalt in einen optischen Dialog mit den Passanten. Das geht so weit, dass der Wagen Fußgängern sogar einen Zebrastreifen vor die Füße projiziert, damit sie unbesorgt die Straßenseite wechseln können.

Irgendwann stoppt der elektronische Erlebniskokon. Die Demonstration der Autozukunft ist zu Ende, und man weiß nicht so recht, ob man jetzt gefahren oder geflogen ist oder vielleicht doch gebeamt wurde. Mit Autofahren im üblichen Sinn hatte es jedenfalls überhaupt nichts mehr zu tun.

Deshalb ist es eigentlich auch egal, welcher Antrieb den F 015 bewegt. In Zukunft soll er einen Brennstoffzellenantrieb erhalten. Das aktuelle Forschungsauto ist mit Elektromotoren jedoch nur knapp über 50 km/h schnell - eine Vorsichtsmaßnahme für das millionenschwere Einzelstück. Auch das Testfahrtszenario mindert den Eindruck nicht - wie auch nicht die Erkenntnis, dass Motortechnik, Fahrleistungen und all die Werte, die das Koordinatensystem der PS-Welt bislang definieren, nichts mehr bedeuten werden, wenn die Autos erst wirklich autonom fahren.

Seht her, das können wir auch!

Dass Daimler die Demonstrationsfahrt ausgerechnet hier in San Francisco inszenierte, hat drei Gründe. Zum einen gilt das benachbarte Silicon Valley vielen als das neue Sindelfingen, weil auch automobile Innovationen künftig vor allem elektronischer Natur sein werden. Zum anderen haben die Schwaben in ihrem dortigen Forschungs- und Entwicklungszentrum Sunnyvale das Gros der Arbeit am F 015 erledigt. Und schließlich ist das Silicon Valley die Heimat von Apple und Google, von denen es heißt, sie würden bald Autos bauen und zu Konkurrenten der etablierten Hersteller werden.

Da ist so eine Aktion geradezu Balsam für Image und Selbstbewusstsein der alten Autowelt. Wobei der Computerriese aus Cupertino längst auch vom Mercedes F 015 Besitz ergriffen hat: Allein für das aufwendige Anzeige- und Bediensystem der Studie sind ein Dutzend Macs von Apple verbaut.



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insgesamt 68 Beiträge
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Seite 1
Wolf Wagner 26.03.2015
1. Herrlich!!! *.*
...so einen hätte ich gerne!!! Hoffentlich erlebe ich die Serienreife noch!!!
henson999 26.03.2015
2. Traumhaft
Auch wenn viele Leute meinen, man müsste unbedingt selber fahren und man hätte Angst, wenn das Auto alles automatisch macht: Ich werde einer der ersten sein, die sich so ein Auto kaufen. Es gibt nichts langweiligeres als Auto fahren. Wenn man in der Zeit was anderes machen kann, ist das doch genial. Und selbst wenn es Unfälle geben wird: Nach kurzer Zeit werden es weniger Unfälle sein, als mit menschlichen Fahrern. Er Mensch ist meistens das Problem, wie man gerade heute ja wieder deutlich vor Augen geführt bekommen hat.
merapi22 26.03.2015
3. Knappe Lebenszeit = Luxusgut!
Na endlich kommt man auf den Stein der Weisen! Warum sollen wir unsere knappe Lebenszeit mit den Erwerb von Geld beschäftigen, um damit unnütze Dinge zu kaufen ohne die wir besser leben? Warum nicht ab 2020 auch in Deutschland, überall zu jeder Zeit einen PKW ordern, nur das Ziel eingeben und da sucht sich der Wagen selbständig den nächsten Nutzer. Also kein lästiges Parkplatzsuchen mehr. Warum sich nicht mal diesen Mercedes gönnen für eine Fahrt, wie viel billiger kommt das, als ständig ein Auto besitzen zu müssen! Vielleicht müssen wir nur lernen, was echter Luxus ist.
werners53 26.03.2015
4. Die Neuerfindung
der Straßenbahn.
cor 26.03.2015
5.
Ändert aber leider nix dran, dass nach heute gültigem Recht autonome Fahrzeuge im Deutschen Straßenverkehr nicht zugelassen sind. Das Problem ist nicht die Technik, denn die ist schon da. Das wahre Problem ist die Haftungsfrage und bis die gelöst ist wird es noch eine ganze Weile dauern. Immerhin hat MB schon heute begriffen, dass der Kunde kein vollständig autonomes Fahrzeug möchte, sondern eben eines, dass er immer noch selbst steuern kann bei Bedarf. Die Studie geht also in die richtige Richtung.
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