Neue Mercedes G-Klasse Wie G und je

Jurassic Park in Detroit: In einem verfallenen Theater hat Mercedes die nächste Generation der G-Klasse präsentiert. Die Karosserie sieht zwar noch fast genauso aus wie früher, doch darunter hat sich das Auto neu erfunden.

Daimler

Aus Detroit berichtet


In den Fünfzigerjahren traten im Michigan Theatre in Detroit noch die die ganz großen Stars auf. Doch seit vielen Jahren bröckeln die Stuckdecken, der rote Vorhang hängt in Fetzen vor einer unverputzten Wand. Der einst berühmteste Saal von Detroit ist nur noch ein schäbiges Parkhaus kurz vor dem Einsturz. Doch an diesem Sonntag strahlt das Theater noch einmal wie bei den Konzerten von Duke Ellington oder Frank Sinatra, und die Reihen im Publikum sind wieder voll. Denn auf der Bühne steht ein Star: Die Mercedes G-Klasse. Die neue Mercedes G-Klasse.

Die sogenannte G-Klasse ist eine Automobilikone. Einst für die Bundeswehr entwickelt und in ihrer Geländegängigkeit sagenumwoben, wurde sie beinahe 40 Jahren äußerlich weitgehend unverändert gebaut. Als dienstälteste Mercedes-Baureihe stemmte sich der Geländewagen beharrlich gegen Zeitgeist und Kritik. Im letzten Jahr wuchsen die Verkäufe im zweistelligen Prozentbereich. Dabei war schon das Jahr zuvor das bislang beste in der Geschichte. Und das davor auch.

Am Absatz liegt es also nicht, dass Mercedes jetzt in Detroit eine Neuauflage von Arnold Schwarzenegger auf die Bühne fahren lässt. Es sind vor allem Crash- und Schadstoffnormen, die Mercedes zum Handeln gezwungen und eine von Grund auf neue G-Klasse erfordert haben.

Schock: Es gibt ein neues Fahrwerk

Die größte Änderung gibt es bei der Aufhängung. Sie wird in G-Klasse-Kreisen so heiß diskutiert wie der Turbo für alle Porsche-Modelle oder der Frontantrieb bei BMW. Künftig fährt Mercedes' kantige Wühlmaus vorne mit einer Einzelradaufhängung statt einer Starrachse und bekommt dazu sogar noch eine adaptive Verstellfederung. Die Puristen fürchten, dass das neue Fahrwerk zu Abstrichen bei der Geländegängigkeit führen - und das Fahrzeug insgesamt zu soft werde.

Baureihenchef Gunnar Güthenke räumt auch bereitwillig ein, dass er den bislang eher mäßigen Komfort des alten Modells auf der Straße verbessern wollte. Doch gleichzeitig seien auch die Geländeeigenschaften noch einmal optimiert worden. Weil an den drei Grundfesten des Konzepts, nämlich Leiterrahmen, Getriebeuntersetzung und drei hundertprozentige Sperren, nicht gerüttelt wurde, und weil die Entwickler um jeden Millimeter gerungen haben, kommt die neue G-Klasse deshalb im Gelände sogar weiter als die alte, verspricht Güthenke: "Wattiefe, Böschungswinkel, Bodenfreiheit - alle relevanten Werte haben wir noch einmal verbessert."

Bei der Motorisierung hingegen haben die Schwaben keinen Quantensprung vollzogen. Der vorerst einzig neue Motor ist ein alter Bekannter - der 4,0 Liter große V8 aus dem G 4x4x2 vom vorletzten Jahr. Dass die G-Klasse trotzdem deutlich schneller und sparsamer sein soll als bisher, verdankt sie ein wenig Feinschliff und vor allem den 170 Kilo, die der trotzdem noch mehr als zwei Tonnen schwere Brocken abgespeckt hat.

Kritik vom Terminator

Testimonial Schwarzenegger stammt wie die G-Klasse aus Graz (Der Allradler wird bei Magna Steyr produziert). Für den früheren Action-Helden, der von Dieter Zetsche vermutlich auch deshalb eingekauft wurde, war das allerdings kein Grund zur Freude. Die Zeiten, in denen er im Hummer vorfuhr, sind längst vorbei. Als grüner Vordenker bei den US-Republikanern setzt er sich für nachhaltige Mobilität ein und fährt in einer zum Elektroauto umgerüsteten G-Klasse durch Los Angeles. Dieter Zetsche rang er offenkundig das Versprechen ab, dass auch die G-Klasse in absehbarer Zeit elektrifiziert wird. Nur ob es um einen Mild-Hybriden, einen Plug-in oder ein reines E-Mobil geht und wann der kommt, das hat der sich nicht entlocken lassen.

Unter dem Blech ist also fast alles neu. Bei der Karosserie hätten sich die Entwickler während der Erprobung die Tarnfolie für das Design eigentlich sparen können. Zumindest auf den ersten Blick sieht die neue G-Klasse genauso aus wie die alte. Und das mit voller Absicht, sagt Daimler-Chef Dieter Zetsche. "Normalerweise beginnt eine Neuentwicklung mit einer Liste, was man alles ändern muss. Aber wir haben erst einmal aufgeschrieben, was an der G-Klasse alles bleiben soll, wie es war", so Zetsche.

Das war offenbar eine ganze Menge, selbst wenn es am Ende nur drei Bauteile des Vorgängers unverändert ins neue Modell geschafft haben. Man muss deshalb schon sehr genau hinschauen und zum Beispiel die Hand an die erstmals ganz leicht gebogene Frontscheibe legen, um die neue G-Klasse von der alten zu unterscheiden: Die Knopfaugen, die aufgesetzten Blinker auf der Motorhaube, die rustikalen Türgriffe, das außen montierte Reserverad an der seitlich angeschlagenen Hecktür - was den Vierkant aus Graz wirklich ausmacht, das findet man auch beim neuen Modell sofort wieder. Und selbst die Türschlösser klingen weiterhin wie Springmesser und nicht wie eine Fahrradpumpe, der die Luft ausgegangen ist.

Endlich mal Platz in der Hütte

Innen sieht das dagegen ein bisschen anders aus. Denn die G-Klasse bietet dank fünf Zentimetern mehr Breite und guten zehn Zentimetern mehr Länge endlich so viel Platz, dass man vorne nicht mehr auf Tuchfühlung geht. Hinten können jetzt sogar mal zwei, zur Not sogar drei Erwachsene sitzen. Vor allem aber hat Designchef Gorden Wagener die neue G-Klasse mit einem neuen Cockpit aus der Steinzeit in die Smartphone-Ära katapultiert.

Gusseiserne G-Freunde werden über die große Bildschirmlandschaft fluchen, die sich nun wie in der E- oder S-Klasse hinter dem Lenkrad ausbreitet, sie werden darüber lachen, dass die Lautsprecher jetzt - wie draußen die Blinker - aus dem Armaturenbrett wachsen, und sie werden den Kopf schütteln über die viel zu geschwungen Schalter für die elektrische Sitzverstellung, die offenbar die Controller durchgedrückt haben, weil die Übernahme aus anderen Modellen ein paar Cent spart. Und wahrscheinlich werden sie weder der traditionelle Haltebügel vor dem Beifahrer noch die drei typischen Tasten für die Sperren wirklich trösten.

Alle anderen Kunden jedoch und vor allem die jüngeren werden das neue Cockpit goutieren und sich an einem neuen Look-and-feel, an reichlich neuer Ausstattung und einem neuen Infotainment freuen. Und genau das muss das Ziel einer solchen Überarbeitung sein, sagt Automobilwirtschaftler Stefan Bratzel: "Die klassischen Geländewagen müssen sich neu erfinden, um nicht Opfer ihres eigenen Erfolgs zu werden", ist der Professor überzeugt. Nur so könnten Mercedes und Co. auch genügend neue Kunden für die 'Klassiker" begeistern und solche Autos am Markt halten. Nur mit Traditionalisten werde das nicht gelingen, glaubt Bratzel.



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2cv 15.01.2018
1. G-Klasse: Anachronismus
Zumindest aus deutscher Sicht ist die G-Klasse mit hohem Anteil ausschließlich ein Poser-Fahrzeug. Er kommt im Flottengeschäft nahezu nicht vor, weil Unternehmen auf Kombi und Limousine setzen, aber Off-Road Bedarf entweder mit aussergewöhnlich hoher Zuzahlung bzw "Strafzoll" ausrüsten. Die Möglichkeit, Off-Road im Alltag zu nutzen, geht in Deutschland gegen Null - die berühmten Pferde-Hänger-Fahrten oder "echte" Waldarbeiten werden mit "richtigen Arbeitspferden" geleistet, nicht aber mit Edelleder-Interieur: da würde jede Schlammhose umgehend ihre Spuren hinterlassen. Das "Elektro-Feigenblatt" ist meiner unmaßgeblichen Meinung nach eh eine Lobby-Glanzleistung der dt. Automobilindustrie - auf unserer Urlaubsrückfahrt haben uns etliche deutsche Oberklasse Fabrikate mit "E-Kennzeichen" jenseits der 150km/h überholt, die rein elektrischen Reichweiten sind fast allesamt noch nicht mal in dreistelliger Kilometerzahl, ermöglichen den Posern aber kostenlose Parkplätze in den Innenstädten - Ladekabel in die Box und dann ausgiebig shoppen, egal wie voll die Batterie wirklich ist. Insofern muss man klar konstatieren: die G-Klasse ist für den arabischen Markt ideal, hier spielt sie ihre Vorzüge aus, der deutsche Imageträger par excellence, hier gehört sie hin. Hierzulande wird sie nur müde belächelt; der "Großstadtjungle" verzeiht offenbar seine Eskapaden...
ruhepuls 15.01.2018
2. Großstadt?
Zitat von 2cvZumindest aus deutscher Sicht ist die G-Klasse mit hohem Anteil ausschließlich ein Poser-Fahrzeug. Er kommt im Flottengeschäft nahezu nicht vor, weil Unternehmen auf Kombi und Limousine setzen, aber Off-Road Bedarf entweder mit aussergewöhnlich hoher Zuzahlung bzw "Strafzoll" ausrüsten. Die Möglichkeit, Off-Road im Alltag zu nutzen, geht in Deutschland gegen Null - die berühmten Pferde-Hänger-Fahrten oder "echte" Waldarbeiten werden mit "richtigen Arbeitspferden" geleistet, nicht aber mit Edelleder-Interieur: da würde jede Schlammhose umgehend ihre Spuren hinterlassen. Das "Elektro-Feigenblatt" ist meiner unmaßgeblichen Meinung nach eh eine Lobby-Glanzleistung der dt. Automobilindustrie - auf unserer Urlaubsrückfahrt haben uns etliche deutsche Oberklasse Fabrikate mit "E-Kennzeichen" jenseits der 150km/h überholt, die rein elektrischen Reichweiten sind fast allesamt noch nicht mal in dreistelliger Kilometerzahl, ermöglichen den Posern aber kostenlose Parkplätze in den Innenstädten - Ladekabel in die Box und dann ausgiebig shoppen, egal wie voll die Batterie wirklich ist. Insofern muss man klar konstatieren: die G-Klasse ist für den arabischen Markt ideal, hier spielt sie ihre Vorzüge aus, der deutsche Imageträger par excellence, hier gehört sie hin. Hierzulande wird sie nur müde belächelt; der "Großstadtjungle" verzeiht offenbar seine Eskapaden...
Ich weiß, wenn man in der Stadt lebt, dann vergisst man, dass es tatsächlich in Deutschland auch Menschen gibt, die nicht in einer Großstadt leben. Und das sind gar nicht so wenige. Bei uns hier "auf dem Land" sieht mich G-Klasse recht häufig. (Nein, ich fahre keine..). Jäger, Winzer, Landwirte, Waldbesitzer und andere, die beruflich "outdoormäßig" unterwegs sind, fahren den Wagen gerne. Ist sicher ein bisschen Angabe mit dabei, aber man spart sich so den Zweitmercedes zum notwenigen geländegängigen Mobil.
Iggy Rock 15.01.2018
3.
Zitat von ruhepulsIch weiß, wenn man in der Stadt lebt, dann vergisst man, dass es tatsächlich in Deutschland auch Menschen gibt, die nicht in einer Großstadt leben. Und das sind gar nicht so wenige. Bei uns hier "auf dem Land" sieht mich G-Klasse recht häufig. (Nein, ich fahre keine..). Jäger, Winzer, Landwirte, Waldbesitzer und andere, die beruflich "outdoormäßig" unterwegs sind, fahren den Wagen gerne. Ist sicher ein bisschen Angabe mit dabei, aber man spart sich so den Zweitmercedes zum notwenigen geländegängigen Mobil.
Merkwürdig, ich sehe auf dem Land Bauern und Jäger mit Allradcombis, Marke ist prinzipiell egal, herumfahren, Waldarbeiter oft mit Ladas. Es sind lediglich wenige gutbetuchte Jäger die zur G-Klasse greifen. Hier gibt es allerdings auch keinen Adel der Wald oder Felder besitzt, in deren Gebieten mag es anders aussehen. Outdoorbereiche wo es in unmittelbarer Nähe keine geschotterten Wege gibt, die sich eigentlich auch für jeden normalen PKW eignen, sind in Deutschland sehr rar. Nur wenn man direkt in die nasse Pampa muss, kommt man um Geländewagen nicht herum und das müssen die Wenigsten. Landwirte nehmen dafür dann ihre Trecker oder auch neuerdings ein Quad.
newline 15.01.2018
4. Ich habe
die G-Klasse bei der Bundeswehr gefahren, es ist beeindruckend, was der Wagen kann. Jemand, der das Potenzial des Wagens nutzt, hatte auch keinen Achtzylinder-Benziner oder Lederpolster geordert.
mikko11 15.01.2018
5.
Zitat von 2cvZumindest aus deutscher Sicht ist die G-Klasse mit hohem Anteil ausschließlich ein Poser-Fahrzeug. Er kommt im Flottengeschäft nahezu nicht vor, weil Unternehmen auf Kombi und Limousine setzen, aber Off-Road Bedarf entweder mit aussergewöhnlich hoher Zuzahlung bzw "Strafzoll" ausrüsten. Die Möglichkeit, Off-Road im Alltag zu nutzen, geht in Deutschland gegen Null - die berühmten Pferde-Hänger-Fahrten oder "echte" Waldarbeiten werden mit "richtigen Arbeitspferden" geleistet, nicht aber mit Edelleder-Interieur: da würde jede Schlammhose umgehend ihre Spuren hinterlassen. Das "Elektro-Feigenblatt" ist meiner unmaßgeblichen Meinung nach eh eine Lobby-Glanzleistung der dt. Automobilindustrie - auf unserer Urlaubsrückfahrt haben uns etliche deutsche Oberklasse Fabrikate mit "E-Kennzeichen" jenseits der 150km/h überholt, die rein elektrischen Reichweiten sind fast allesamt noch nicht mal in dreistelliger Kilometerzahl, ermöglichen den Posern aber kostenlose Parkplätze in den Innenstädten - Ladekabel in die Box und dann ausgiebig shoppen, egal wie voll die Batterie wirklich ist. Insofern muss man klar konstatieren: die G-Klasse ist für den arabischen Markt ideal, hier spielt sie ihre Vorzüge aus, der deutsche Imageträger par excellence, hier gehört sie hin. Hierzulande wird sie nur müde belächelt; der "Großstadtjungle" verzeiht offenbar seine Eskapaden...
Das Mercedes G-Modell ist aber nun wirklich kein "Poser-Fahrzeug".
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