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Abgasskandal: C-Klasse von Mercedes unter Verdacht

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Abgastest der DUH in Bern auf einem Rollenprüfstand Zur Großansicht
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Abgastest der DUH in Bern auf einem Rollenprüfstand

Kontrolleure des niederländischen Prüfinstituts TNO haben sehr hohe Stickoxid-Konzentrationen an einer Mercedes C-Klasse gemessen. Umweltschützer beantragen jetzt die Aberkennung der Typengenehmigung in Deutschland - und fordern ein Fahrverbot in Innenstädten.

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Hier die ehrbaren Konstrukteure deutscher Qualitätsmarken, dort das schwarze Schaf VW - so klang das in der Rede von Matthias Wissmann, Präsident des deutschen Automobilverbandes VDA, beim Neujahrsempfang am vergangenen Mittwoch in Berlin. Er scheute sich auch nicht, Matthias Müller beim Namen zu nennen, den VW-Boss, der mit leerem Blick in der Menge der Zuhörer stand.

Doch das Bild von dem Einzeltäter aus Wolfsburg bekommt Risse. Die Indizien häufen sich, dass es auch die selbsternannten Premiummarken des Landes nicht so genau genommen haben mit den Stickoxid-Emissionen ihrer Wagen. Aktuelles Beispiel könnte derMercedes C 220 CDi BlueTec sein, ausgerechnet in seiner modernsten Version mit der strengen Abgasnorm Euro 6.

Das technische Überwachungsinstitut TNO, so etwas wie der TÜV der Niederlande, hatte im Auftrag des niederländischen Umweltministeriums im Rahmen von Messungen auf der Straße bei Stadtgeschwindigkeiten Spitzenwerte von bis zu 2000 Milligramm Stickoxid (NOx/km) pro Kilometer gemessen. Das ist ein bis zu 40-fach höherer Ausstoß als auf dem Prüfstand. "Die Messergebnisse wurden von Vertretern der Daimler AG mit der TNO diskutiert und von den dortigen Experten als plausibel eingestuft", heißt es dazu in einer Stellungnahme von Daimler. Doch der Konzern wehrt sich gegen "Fehlinterpretationen des TNO-Berichts".

Es gehe um den Schutz des Motors

Auf dem Teststand gehörte das Modell nämlich zu den saubersten seiner Klasse. Wie ist dieser Widerspruch zu erklären?

Mercedes-Benz gab, ähnlich wie Opel bei den Unregelmäßigkeiten beim Opel Zafira, selbst einen entscheidenden Hinweis. Der Hersteller gab an, dass die Abweichungen durch Messungen bei Temperaturen unter zehn Grad Celsius entstanden seien. Der Hersteller bezeichnete die Temperatur in einer E-Mail an das niederländische Fernsehen, das über den Fall berichtete, als "bemerkenswert niedrig".

Es gebe, so Mercedes-Benz, an Bord der Diesel-C-Klasse, eine Vorrichtung in der Motorsteuerung, die unter diesen und anderen Bedingungen die Stickoxid-Reinigung reguliert. Das diene dem Schutz des Motors und sei damit erlaubt, so die Erläuterung des Stuttgarter Autobauers. "Spekulationen oder Interpretationen, dass mögliche Abweichungen zwischen Messwerten auf dem Prüfstand im Vergleich zum realen Fahrbetrieb nur durch Manipulationen erklärbar seien, weisen wir mit Entschiedenheit zurück. Ein Defeat Device, sprich eine Funktion, die die Wirksamkeit der Abgasnachbehandlung unzulässig einschränkt, kommt bei Mercedes-Benz nicht zum Einsatz", heißt es dazu in einer Stellungnahme, die der Autobauer gegenüber der Deutschen Umwelthilfe (DUH) abgab.

Fahrverbot für die C-Klasse in belasteten Städten?

Seit Wochen gehen DUH-Geschäftsführer Jürgen Resch und dessen Sachverständiger Axel Friedrich den Autokonzernen mit Straßenmessungen ihrer Autos auf die Nerven. An diesem Dienstag stellen sie beim Kraftfahrt-Bundesamt (KBA) Antrag auf Entzug der Typengenehmigung für die C-Klasse von Mercedes. Ihre Begründung: "Auch bei Temperaturen von zehn Grad Celsius und weniger muss das Auto die entsprechenden Emissionsgrenzwerte einhalten", sagt Resch.

"Es ist für uns nicht nachvollziehbar, dass Daimler eine Außentemperatur von 7 - 10 Grad Celsius als 'bemerkenswert niedrig' bezeichnet", heißt es dazu in dem Schreiben der Deutschen Umwelthilfe an das Kraftfahrtbundesamt.

Die DUH geht deshalb noch einen Schritt weiter. Sie beantragt in jenen Städten, in denen in Deutschland immer wieder zu hohe Stickoxid-Konzentrationen gemessen werden, ein Einfahrverbot für die C-Klasse, wenn die Temperatur weniger als zehn Grad beträgt. Die Stadt mit den höchsten Stickoxid-Belastungen ist: Stuttgart. Weshalb die DUH sogleich auch einen Brief an den Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann und den Bürgermeister Fritz Kuhn schrieb, beides Grüne.

Die C-Klasse fällt schon zum zweiten Mal unangenehm auf

Die Messungen der angesehenen Prüforganisation TNO stützen Untersuchungsergebnisse der DUH aus dem vergangenen Jahr. Auf dem Rollenprüfstand der Fachhochschule Bern in der Schweiz ließ die DUH einen Mercedes C 200 CDI, Baujahr 2011, Abgasnorm Euro 5 und 66.560 km Laufleistung untersuchen. Auch bei dieser Abgasmessung stellten die Umweltschützer unter bestimmten Testbedingungen deutlich erhöhte NOx-Werte fest. Mercedes hatte sich gegen die Vorwürfe gewehrt. "Fahrzeuge von Mercedes-Benz entsprechen in vollem Umfang den geltenden Vorschriften", teilte Daimler damals mit.

Die Test aus den Niederlanden werfen auch ein schlechtes Licht auf den Daimler-Chef Dieter Zetsche. Der gab schnell nach Bekanntwerden der VW-Abgasmanipulationen eine Art Ehrenerklärung für den Konzern ab. Seine Ingenieure hätten keine illegale Abschaltautomatik eingesetzt. Entsprechend lässt die Umwelthilfe die juristische Spitzfindigkeit der Daimler-Manager aufhorchen, die von einer zulässigen Automatik sprechen - zum angeblichen Schutz der Motoren. Resch findet das zynisch. "Offensichtlich werden die Motoren geschützt, dafür aber jemand anderes belastet, nämlich die Menschen, die unter den Abgasen leiden."

Kraftfahrtbundesamt ist unter Zugzwang

Durch die Ergebnisse von TNO gerät auch das Kraftfahrtbundesamt unter Zugzwang. Das KBA müsste über eigene Messwerte von Mercedes-Modellen verfügen - die Behörde hatte mehr als 50 Fahrzeuge verschiedener Hersteller auf ihre Abgasemissionen hin untersucht. Die Verkündung der Ergebnisse klang wie ein Paukenschlag: "Auf Basis von Rohdaten wurden bisher zum Teil erhöhte Stickoxid-Werte bei unterschiedlichen Fahr- und Umgebungsbedingungen festgestellt."

Aber seitdem hüllt sich die Behörde in Schweigen. Ihre Erkenntnisse hält sie unter Verschluss. Welche Marken in Verdacht geraten sind, ist immer noch nicht bekannt. Man wolle sich zuerst mit den Autoherstellern und anderen Behörden besprechen, hieß es: "Erst danach liegen rechtlich belastbare Ergebnisse vor." Das war vor drei Monaten.


Zusammengefasst: Bei unabhängigen Abgasuntersuchungen sind erneut erhöhte Stickoxid-Werte bei einem Pkw festgestellt worden. Die renommierte Prüfgesellschaft TNO aus den Niederlanden hatte bei Messungen auf der Straße mit konstanter Geschwindigkeit bei einer Mercedes C-Klasse Werte von 250 bis 2.000 mg NOx/km festgestellt - das bedeutet ein 10- bis 40-facher Unterschied der NOx-Emissionen zwischen Labor und Straße. Die Deutsche Umwelthilfe hat die Ergebnisse nun zum Anlass genommen, beim Kraftfahrtbundesamt einen Antrag auf Entzug der Typengenehmigung zu stellen. Das käme einem Fahrverbot gleich.

Mitarbeit: Margret Hucko

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 672 Beiträge
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1. Vorschlag
jjcamera 02.02.2016
Vorschlag zur Güte: wir legen das Schicksal der deutschen Automobilindustrie in die verantwortungsvollen Hände der Umweltschützer. Auch Mobilität für alle Menschen sollte drastisch eingeschränkt werden. Die vielen Menschen, die heute Autos produzieren, müssen dann nämlich nicht mehr zur Arbeit fahren. Es reicht doch, wenn man zuhause bleibt, sein Hartz IV bekommt und aus dem Balkon sitzt. Mit der Fliegerei in Urlaub muss auch endlich Schluss sein! Einzig zu Umweltgipfeln dürfen die Umweltschützer dann noch fliegen, da gibt es eine Sonderregelung (umweltfreundliche Flugzeuge).
2. Abgasskandal
behemoth1 02.02.2016
Imgrunde muss man sich fragen, was soll das alles noch, wo gibt es denn in unserem System noch irgendwoh eine Ehrlichkeit? Mich erschüttert das absolut nichts mehr. Wer heute noch eine anscheinbare saubere Weste hat, bei dem hat man nur noch nicht die Unterlagen genau überprüft. Der Schmutz ist in allen Bereichen so tief eingesunken, dass man mehr als nur einen Besen bräuchte um diesen Dreck zu beseitigen. Die beste Verteidigung ist doch heute, in dem man mit dem Finger auf andere zeigt. Haltet den Dieb, dann kommt man vielleicht davon.
3. OMG jetzt verstehe ich
WwdW 02.02.2016
Ich habe mich immer gewundert, warum bei kaltem Wetter die Dieselabgase bei den Autos immer so aggressiv rochen. Das nOX hat sich quasi in salpetrige Säure auf den Nasenschleimhäuten umgewandelt. Wahnsinn! Und die Jahresdurchschnittstemperatur in Dtld ist 8° Celsius. Wenn die Abgasbehandlung so durchgeführt wird wie oben angedeutet und es findes eine Abschaltung unter 10°C statt, dann ist die nOX-Reinigung bei mehr als 50% des Jahresbetriebs abgeschaltet. Nochmal Wahnsinn!
4. 10 Grad
Sibylle1969 02.02.2016
Mit Temperaturen unter 10 Grad muss hierzulande von September bis in den Mai rein gerechnet werden, zumindest als Nachttiefsttemperatur, also drei viertel des Jahres. Ungewöhnlich niedrig ist das in unserem Klima also keineswegs. Die Jahresdurchschnittstemperatur beträgt laut Wikipedia 8,2 Grad.
5. Was VW falsch gemacht hat...
prjctdth 02.02.2016
... wird langsam klar. Offenbar war es keineswegs ein Fehler, eine Abschalteinrichtung einzubauen. Denn was, wenn kein Defeat-Device, ist denn die von Daimler eingebaute Funktion? Sie hätten nur wie Opel, Mercedes (andere werden wohl folgen) behaupten sollen, dass dies zu Schutz des Motors war. Die Holänder sollten einfach im Lauf des Jahres noch ein paar mal messen. Dann wird es wohl offensichtlicher. Tolle deutsche Ingenieurskunst!
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