Mercedes S 250 CDI Die neue Spar-Klasse

Eine Mercedes S-Klasse mit mickrigen vier Zylindern? Das gab's noch nie. Mit dem S 250 CDI will Daimler demonstrieren, wie weit man Knauserigkeit in der Luxusklasse treiben kann. SPIEGEL ONLINE chauffierte die 204 PS starke Oberklassen-Limousine von Stuttgart zu ihrer Premiere nach Paris.

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Walter Tillmann

Kilometerstand 0,0: Während die ersten Daimler-Mitarbeiter am frühen Morgen in der Möhringer Hauptverwaltung eintrudeln, rollen wir im Nieselregen vom Hof. Das Auto ist ein nagelneuer Mercedes S 250 CDI, unser Ziel ist der Autosalon in Paris. Dort feiert die erste S-Klasse mit Vierzylinder-Motor Weltpremiere.

Der Wagen wirft die Frage auf, auf wie viel Hubraum und Zylinder man in einem Modell mit Luxusanspruch verzichten kann. Für die Beschränkung spricht der um rund 4500 Euro niedrigere Preis gegenüber dem bisherigen Einstiegsmodell mit V6-Dieselmotor; der neue S-Klasse-Benjamin kostet 71.876 Euro. Dafür spricht auch der Verbrauch: Mit 5,7 Litern im Schnitt ist der Wagen wohl das einzige Fünf-Liter-Auto in diesem Segment.

Mit vollem 83-Liter-Tank kommt man rechnerisch 1450 Kilometer weit. Zudem lassen sich mit dem Modell in vielen Ländern auch Steuern sparen, weil der CO2-Ausstoß bei vergleichsweise geringen 149 g/km liegt.

Gegen eine Degradierung zum Vierzylinder-Auto sprechen Psychologie und Prestige: Eine Luxuslimousine mit vier Zylindern? Wie klingt denn das? Und wie fährt sich das Auto überhaupt? Wir fahren von Stuttgart mit der Sparklasse bis nach Paris. Das sind fast 640 Kilometer - also genug, um einen ersten Eindruck zu bekommen.

Kilometerstand 15,4: Nach dem Volltanken geht es durch den Berufsverkehr. Motorleistung spielt hier keine Rolle, es geht im Schritttempo voran. Wichtig ist jedoch die Start-Stopp-Automatik, die den Diesel im Stau am Leonberger Dreieck sofort abdreht und ihn beim Losrollen sanft wieder anwirft. Der Blick auf den Bordcomputer ist allerdings ernüchternd: Ein Durchschnittsverbrauch von 7,1 Litern und eine Reichweite von 963 km sind allenfalls Durchschnitt.

Kilometerstand 45,6: Kurz vor Pforzheim wird die Autobahn freier und die S-Klasse bekommt erstmals Auslauf. An Kraft fehlt es dem Vierzylinder nicht. Immerhin hat er 204 PS und 500 Nm. Als Mercedes vor knapp 20 Jahren den ersten Dieselmotor in die S-Klasse steckte, mussten 150 PS und 310 Nm reichen. Der Verbrauch übrigens geht schon etwas zurück. Bei Karlsruhe zeigt der Bordcomputer 6,7 Liter, die Rest-Reichweite wird vierstellig. Dass wir noch immer einen Liter über dem Normwert sind, liegt nicht nur am zähen Verkehr. Sondern auch daran, dass dieser Wagen über langem Radstand verfügt und bereits unbeladen rund zwei Tonnen wiegt. Und jetzt sitzen drei Leute plus Gepäck im Auto.

Kilometerstand 105,3: Nach anderthalb Stunden rollt der S 250 CDI über die Grenze nach Frankreich. Die Zahl der Zylinder ist längst vergessen, die Tanknadel wirkt wie festgeklebt und die Reichweite wächst noch immer: 1357 Kilometer stehen nun im Display, der Verbauch ist deutlich unter sieben Liter gefallen.

Kilometerstand 180,8: Solange der Tempomat auf 130 steht und die Elektronik das Tempo auch bergauf stoisch beibehält, ist an den gegenwärtig sechseinhalb Liter Durchschnittsverbrauch nicht zu rütteln. Also wird ab sofort der Tempomat abgeschaltet.

Kilometerstand 238,8: Das Auto scheint die Ruhe selbst. Beim Kaltstart hörte man den Diesel noch nageln, jetzt läuft der Motor mucksmäuschenstill. Schon bei 90 km/h wird die Maschine vom Fahrtwind und dem Abrollgeräusch der Sparreifen übertönt. Vibrationen? Sind nicht zu spüren.

Kilometerstand 306,2: Halbzeit! Für die bisherige Strecke haben wir gut 3,5 Stunden gebraucht , das Durchschnittstempo liegt bei 87 km/h und die Reichweite ist auf über 1400 Kilometer geklettert. Kein Wunder, dass wir um Tankstellen einen großen Bogen machen. Schade, denn uns hätte ein Kaffeestopp gut gepasst.

Kilometerstand 473,5: Kurz vor Reims fällt der Verbrauch zum ersten Mal unter sechs Liter. Die Tankuhr meldet Dreiviertel voll und laut Bordcomputer reicht das noch für 1184 Kilometer.

Kilometerstand 488,1 km: Ein Erfolgserlebnis nach 5:20 Stunden. Am Ende einer kilometerlangen Baustelle leuchten kurz 5,8 Liter auf. Kaum gibt der Fahrer wieder Gas, steht allerdings schon wieder eine Neun hinter dem Komma.

Kilometerstand 502,3 km: Allmählich geht es auf die Zielgerade und die S-Klasse schwimmt gelassen im Verkehr mit. Imposant ist der Blick auf die Verbrauchsanalyse im Display, die minutiös den aktuellen Durchschnittswert protokolliert und gnadenlos jeden Ausreißer aufzeichnet. Das Anfahren nach der Mautstation, das Überholen des polnischen Sattelschleppers - jeder Gasstoß verdirbt den Schnitt. Wer sparen will, muss vorausschauend fahren.

Kilometerstand 612,4: Die A4 geht in dén Innestadtring Pripherique über, der Verkehr wird dichter. Nach 6 Stunden und 39 Minuten kommt die S-Klasse auf einen Verbrauch von 5,8 Litern und ein Durchschnittstempo von 92 km/h. Zum Ziel sind es jetzt noch gut 20 Kilometer durch den einsetzenden Berufsverkehr, in dem die Start-Stopp-Automatik noch einmal ein paar Tropfen sparen kann.

Kilometerstand 639,1: Nach 7 Stunden und 23 Minuten rollt S 250 CDI in Paris auf das Messegelände. Noch immer werden 5,8 Liter Durchschnittsverbrauch gemeldet, das Durchschnittstempo jedoch ist auf 85 km/h gefallen; die Passagiere sind ein wenig gelangweilt, aber dafür entspannt.

Das Nachtanken bestätigt: 36,5 Liter für 639 Kilometer, das ergibt 5,713 Liter und machen den 250 CDI tatsächlich zur sparsamsten S-Klasse aller Zeiten. Ob das Privatleuten, die für den Wagen mehr als 70.000 Euro ausgeben, wirklich wichtig ist, werden die Verkaufszahlen zeigen. Doch zumindest für Firmen- und Flottenkunden sind der Preis, der Verbrauch und der CO2-Ausstoß ein Argument.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 36 Beiträge
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Seite 1
tomtomtomtomtom 04.10.2010
1. Vierzylinder paßt - wenn er denn hält...
Wer's braucht, kann ja gerne weiterhin mit tonnenschweren 12-Zylindern auf der Vorderachse durch die Lande cruisen. Ich finde nichts auszusetzen an einem gut gemachten Vierzylinder. Der Verbracuh spricht für sich. Leider verliert der Autor hier kein Wort über die massiven Probleme, die genau diese Maschine seit geraumer Zeit bereitet (Stichwort Injektoren). Bis das offiziell geklärt ist, würde ich die Finger von diesem Motor lassen.
axelkli 04.10.2010
2. sehr gut...
den Ansatz finde ich sehr gut. Mercedes bietet wenigstens mal was brauchbares ohne teuren Hybrid-Schnickschnack an!
sternenfan 04.10.2010
3. Ja ja die Injektoren
Zitat von tomtomtomtomtomWer's braucht, kann ja gerne weiterhin mit tonnenschweren 12-Zylindern auf der Vorderachse durch die Lande cruisen. Ich finde nichts auszusetzen an einem gut gemachten Vierzylinder. Der Verbracuh spricht für sich. Leider verliert der Autor hier kein Wort über die massiven Probleme, die genau diese Maschine seit geraumer Zeit bereitet (Stichwort Injektoren). Bis das offiziell geklärt ist, würde ich die Finger von diesem Motor lassen.
Als erfahrener 220 CDI Fahrer kenne ich das Problem. Die MB Niederlassung musste bei meiner E-Klasse schon mehrfach Injektoren wechseln. Angeblich ist das ein Problem von Bosch und nicht von Mercedes. Aber egal, die S-Klasse mit diesem Motor ist fast das optimale Auto für mich. Der absolute Traum S-Klasse T-Modell.
undmeinsenfdazu 04.10.2010
4. Tempomat
Den Tempomat rausgenommen, um mehr Sprit zu sparen? Klingt irgendwie unlogisch, oder? Wollte man bergauf keine 130 km/h fahren und lieber mit den Brummis hochkriechen?
Dennys 04.10.2010
5. Vierzylinder in der Oberklasse
Endlich ein ansprechender, sparsamer Motor in der Oberklasse. Ich hatte allerdings erwartet, dass Audi der erste premiumhersteller der drei Deutschen sein wird, der einen 4Zylinder einführt. Bisher gibt es nur den 3.0 TDI, der mit 6,6 l Diesel auf hundert auskommt. Mal schauen, wann der 2.0 TDI (dann mit 200 PS) auf den Markt kommt. Solche 4Zylinder bringen zur Zeit mehr als die ziemlich teuren Hybridwagen.
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