Mercedes SLS eDrive Grüner rasen

Der Smart steht unter Strom, die B-Klasse fährt mit Batterien und die S-Klasse gibt es als Hybridmodell - elektrische Antriebe sind auch bei Mercedes im Kommen. Doch diese Nachricht überrascht: Selbst der kommende Flügeltürer SLS soll zum Stromer umgemodelt werden.


Das Auto sieht rassig aus, wird ohne Zweifel beeindruckend fahren und hat das Zeug zur Legende. Doch so tief der Flügeltürer auch in der Mercedes-Geschichte verwurzelt ist - die Neuauflage des Supersportwagens aus den fünfziger Jahren passt so gut in die Zeit wie Buttercreme in den Diätplan. Selbst wenn die Schwaben den offiziellen Verbrauch des 571 PS starken V8-Motors dank leichter Alu-Karosserie und spritsparender Doppelkupplung auf weniger als 13 Liter gedrückt haben, wird sich bei der Premiere auf der IAA in Frankfurt reichlich Kritik unter den PS-Beifall mischen.

AMG-Chef Volker Mornhinweg, den Chef des Mercedes-Tuningsparte, ficht das nicht an. Einerseits sind die Power-Modellen offenbar immun gegen die aktuelle Absatzflaute, andererseits hat er ein grünes Ass im Ärmel, von dem er bislang immer nur ein kleines Eckchen sehen ließ. Mal fiel das Stichwort Benzindirekteinspritzung, mal war von Zylinderabschaltung die Rede, und immer hörte man auch das Wort Dieselmotor. Doch den eigentlichen Hammer schwang Mornhinweg erst jetzt am Rande der SLS-Testfahrten: "Ja, diesen Sportwagen wird es auch mit Elektroantrieb geben", überraschte er seine Zuhörer. Angeblich war die Variante eDrive von Anfang an mit eingeplant.

Das ist gut möglich. Immerhin eignet sich die Transaxle-Bauweise (Motor vorn, Getriebe hinten) des neuen Flügeltürers nahezu perfekt für die Elektrifizierung: Dort, wo beim konventionellen Benziner-Modell die so genannte Torque-Tube, eine armdicke, hohle Karbonwelle, die Kraft vom Motor im Bug an das Getriebe im Heck überträgt, gäbe es genügend Platz für Akkus, wenn das Bauteil nicht mehr gebraucht wird. Denn die Elektromotoren, von denen es im SLS vier geben soll, werden nah an den jeweiligen Rädern platziert, was kein Problem ist, wenn V8-Maschine und Benzintank aus dem Auto fliegen.

Schnell fahren ja - aber bitte mit sauberer Weste

Mit dem eDrive predigt AMG das Rasen ohne Reue. Denn nicht nur das Thema Verantwortung stehe im Vordergrund, sondern auch die "Faszination an der Performance", sagt Mornhinweg. "Wir haben uns vorgenommen, mit diesem Auto das Thema Supersportwagen neu zu definieren." Dafür sorgen soll Projektleiter Wolf Zimmermann, der zunächst ein Einzelstück des Elektro-Fegers in Fahrt bringen will. Danach soll - dies wird als aktuelle Beschlusslage verbreitet - eine Kleinserie aufgelegt werden. Wie passend, dass Daimler gemeinsam mit Evonik im neuen Joint-Venture Deutschen Accumotive eigene Lithium-Ionen-Zellen entwickeln und bauen wird.

Möglicherweise müssen sich steinreiche Schnellfahrer künftig an eine neue Klangkulisse gewöhnen, wenn das Bollern des Achtzylinders durch das Surren von Elektromotoren ersetzt wird. Doch beim Fahrverhalten soll es keine Abstriche geben. Im Gegenteil. "Gerade die fahrdynamischen Möglichkeiten des elektrischen Antriebs fesseln uns", sagt Entwickler Zimmermann. So ist eine individuelle Drehmomentverteilung für jedes Rad vorgesehen, die Rückgewinnung von Energie beim Bremsen sowie noch ein paar andere Feinheiten. "Damit werden wir die bisherigen Erwartungen an ein elektrisch angetriebenes Fahrzeug auf den Kopf stellen."

Mit dem Elektro-Mercedes sirrend über die linke Spur

Die technischen Daten jedenfalls taugen für die Trumpfkarte im Autoquartett. Umgerechnet gut 530 PS und maximal 880 Nm werden den elektrischen Silberpfeil in weniger als vier Sekunden auf Tempo 100 beschleunigen und mehr als 200 km/h ermöglichen, heißt es bei AMG. Die Akkukapazität soll für 150 bis 180 Kilometer reichen. Das ist nicht viel, doch wer den Benziner artgerecht bewegt, wird pro Tankfüllung nicht viel weiter kommen.

Allein ist Mercedes mit der Idee vom elektrischen Sportwagen freilich nicht. Auch von Audi sickert immer mal wieder was von einem Batterie-Boliden durch, der angeblich zur IAA präsentiert werden soll. Und Porsche-Tuner Ruf hat mit seinem elektrifizierten 911 ebenfalls mehr vor, als nur den Ritt durch die Schlagzeilen. Dass eine gewisse Rasanz der grünen Welle nicht schadet, zeigt nicht zuletzt der Erfolg des Vorzeige-Stromers Tesla Roadster. Während vernunftbetonte Elektroautos noch überwiegend im Prototypenstadium stecken, kann man den sauberen Nobelroadster schon seit mehr als einem Jahr kaufen.



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