Mercedes Sprinter-Studie Hightech statt Tempolimit

Rund 15.000 Unfälle mit Kleintransportern passieren jedes Jahr in Deutschland, Tendenz steigend - das ist durchaus alarmierend. Während manche Verkehrsexperten und Politiker ein Tempolimit fordern, versucht Mercedes-Benz mit Hightech-Komponenten die Diskussion zu beruhigen.


Mercedes ist mit dem Modell Sprinter Marktführer unter den Kleintransportern in Deutschland. Ein Tempolimit für diese Fahrzeuge, die ohne oder nur mit leichter Beladung nicht selten 150 km/h oder mehr erreichen, hält der Leiter des Geschäftsbereichs, Rolf Bartke, für wenig hilfreich. "Mehr als 90 Prozent der Unfälle passieren bei Geschwindigkeiten unter 120 km/h - im Wesentlichen auf Landstraßen und in Städten. Und dort gibt es bereits eine Geschwindigkeitsbegrenzung." Die Antwort von Mercedes auf dieses Problem, so Bartke weiter, seien "sichere Fahrzeuge und geschulte Fahrer".

Sprinter-Studie: Tief herabgezogene Seitenscheiben für mehr Durchblick.

Sprinter-Studie: Tief herabgezogene Seitenscheiben für mehr Durchblick.

Wie sich die Stuttgarter Transporterbauer einen sicheren Sprinter vorstellen, ist demnächst auf der IAA Nutzfahrzeuge in Hannover zu besichtigen (23. bis 30. September). Dort zeigt Mercedes eine Studie auf Sprinter-Basis unter dem wuchtigen Namen "Innovationsträger Sicherheit". Das Auto ist mit einigen bereits heute erhältlichen Sicherheitstechniken ausgerüstet, aber es enthält auch zahlreiche neue Details, die künftigen Transportergenerationen eingepflanzt werden könnten.

Dazu gehören zum Beispiel tief heruntergezogene Seitenscheiben an der Fahrerkabine, große Blinkleuchten in den Außenspiegeln, vergrößerte Heckleuchten, Kurvenlicht, Einparkhilfe sowie eine Rückfahrkamera. Fahrer, die gegen Termindruck zu kämpfen haben, werden sich jedoch mehr für die anderen Innovationen interessieren, etwa das beladungsabhängige ESP oder die Wankstabilisierung, die ein Aufschaukeln des Fahrzeugs verhindert. Dazu kommen Spurwechsel-Assistent, Spurhalte-Assistent, Abstandsradar und eine Reifendruck-Kontrolle.

Kleintransporter-Unfall: Die Polizei auf der A7 vermerkte "unangepasste Fahrweise".
DDP

Kleintransporter-Unfall: Die Polizei auf der A7 vermerkte "unangepasste Fahrweise".

Zweifellos machen solche Systeme ein Fahrzeug sicherer, andererseits aber ermuntert diese Hightech-Armada möglicherweise auch zur besonders hurtigen Fahrt zur nächsten Auf- oder Abladestelle. Das eigentliche Problem, nämlich die oft viel zu hohe Geschwindigkeit für Kleinlaster dieses Kalibers, wäre nicht behoben. Im Gegenteil: Der durch die Assistenzsysteme weiter hinausgeschobene Bereich der scheinbaren Beherrschung könnte sogar zu riskanterer Fahrweise ermutigen. Ein Dreieinhalbtonner wird nicht deshalb zum Sportwagen, weil eine Wankstabilisierung installiert ist.

Überhaupt scheint der "Faktor Fahrer", mithin auch der Zeitdruck, unter dem die Lenker eines Sprinters oft stehen, der entscheidende zu sein. Mercedes weiß das natürlich und hat sich für eine zweigleisige Strategie entschieden. Zum einen erhalten alle Käufer eines neuen Sprinters in Deutschland einen Gutschein für ein Fahrsicherheitstraining, bei dem unter anderem auch das Thema Ladungssicherung eine Rolle spielt.

Die zweite Idee scheint noch erfolgversprechender: Sie heißt UDS, was unabgekürzt Unfalldatenspeicher bedeutet. Dieses Gerät liefert im Falle einer Karambolage Daten über Geschwindigkeit, Bremsmanöver, Zustand der Fahrzeugsysteme wie etwa ESP oder Motorsteuerung, eingeschaltetes Licht oder Blinker über einen Zeitraum von 30 Sekunden vor bis 15 Sekunden nach dem Unfall. Die Aufklärungsarbeit würde mit Hilfe von UDS also sehr viel einfacher. "Und, so die Ergebnisse von Untersuchungen in Fahrzeugflotten, mit UDS an Bord wird vorsichtiger gefahren", räumt auch Mercedes ein.

Vielleicht würde es auch schon ein wenig helfen - zumindest wäre es einen Versuch wert -, einen Dreieinhalbtonner nicht ausgerechnet Sprinter zu nennen. Er muss ja deswegen nicht gleich Bummler heißen.



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