SPIEGEL ONLINE: Herr Mankowsky, wie kommt ein Soziologe zu einem Autohersteller?
Alexander Mankowsky: Für manche Kollegen im Entwicklungszentrum war ich sicher ein Kulturschock. Doch ein paar Entscheider im Unternehmen haben gemerkt, dass man bei der Entwicklung neuer Autos auch Fragen berücksichtigen muss, denen man allein mit Formeln und Maßeinheiten nicht gerecht wird.
SPIEGEL ONLINE: Was tun Sie?
Mankowsky: Etwa 40 Wissenschaftler untersuchen in der Forschungsgruppe, was die Menschen bewegt, die unsere Autos kaufen sollen. Was ihnen gefällt. Welche Sehnsüchte, Sorgen und Wünsche sie haben.
SPIEGEL ONLINE: Wie finden Sie das heraus?
Mankowsky: Wir machen ganz einfach die Augen auf. Ich bin auf allen wichtigen Märkten und in allen großen Städten unterwegs und beobachte die Menschen. Gehe in Ausstellungen, auf Messen und Modeschauen. Daraus und aus Statistiken zu Bevölkerungs- und Siedlungsentwicklung leite ich Trends ab – gewissermaßen bin ich der Seismograph für künftige Entwicklungen.
SPIEGEL ONLINE: ... und die Ingenieure hören dann auf Sie?
Mankowsky: Durchaus. Wir halten im Unternehmen regelmäßig Vorträge, haben Entscheidungsträger zu Gast und sind bei den großen Runden mit dabei, in denen Vertrieb, Entwicklung und Design neue Autos planen.
SPIEGEL ONLINE: Derzeit wirkt die Autoindustrie ziel- und orientierungslos. Werden Sie jetzt häufiger gefragt?
Mankowsky: Wer verunsichert ist, hat als erstes den Reflex: Weitermachen wie bisher, denn da kenne ich mich aus, da kann mir nichts passieren. Doch wer ein bisschen nachdenkt merkt schnell, dass das gefährlich sein kann. Daher finden wir Zukunftsforscher gerade in Zeiten wie diesen noch mehr Gehör.
SPIEGEL ONLINE: Was kommt dabei heraus?
Mankowsky: Schauen Sie auf die Forschungsfahrzeuge von Mercedes. Das Leitmotiv "grüner Luxus" für die Oberklasse-Studie F 700 kam von uns. Wir gehen davon aus, dass sich die Menschen in einer immer hektischeren Welt immer öfter zurückziehen wollen. Grün steht für umweltfreundliche Materialien und Ökologie, aber auch für viel Raum und Ruhe und Lebensqualität.
SPIEGEL ONLINE: Der F700 war eine Studie – kein Serienauto…
Mankowsky: Natürlich überzeichnen wir bei Studien auch mal und provozieren ein wenig. Aber wir hatten zum Beispiel auch Einfluss darauf, dass der Innenraum der neuen E-Klasse so wohnlich wirkt wie ein zweites Zuhause.
SPIEGEL ONLINE: Warum ist Ihnen beim Blick in die Zukunft die heraufziehende Krise nicht aufgefallen?
Mankowsky: Es war absehbar, dass bald ein tiefer Einschnitt kommen würde. Ich hatte ihn mit der US-Wahl erwartet. Aber ich muss zugeben, dass wir die Börsen nicht genug auf dem Radar hatten.
SPIEGEL ONLINE: Welche Lehren ziehen Sie daraus?
Mankowsky: Seit dem Börsencrash ist die pure Globalisierung endgültig out. Die Menschen suchen neuen Halt, besinnen sich auf alte Werte und brauchen einen Kompass, mit dem sie sich in der Welt zurechtfinden.
SPIEGEL ONLINE: Bitte vervollständigen Sie: die nächste Autogeneration …
Mankowsky: … muss authentisch sein. Das ist auch in anderen Bereichen so. Jeans kommen wieder aus den USA statt aus China. Und Luxus kommt aus Europa.
SPIEGEL ONLINE: Wie kommen Sie denn darauf?
Mankowsky: Weil Luxus nirgends mehr Tradition und Fundament hat als in Europa. Dieser Kontinent ist das Shangri-La, das Paradies für die restliche Welt – vom Beginn des guten Geschmackes in der Renaissance bis ins Art Deco. Unser Ziel ist, der Botschafter dieses europäischen Stils zu sein.
SPIEGEL ONLINE: Luxus? Derzeit geht es doch ums Sparen und Maßhalten.
Mankowsky: Die Definition von Luxus wandelt sich stetig, aber das Bedürfnis nach Schönheit und Eleganz wird es immer geben. Sonst landen wir über kurz oder lang in der 'Stadt der Schweine'.
SPIEGEL ONLINE: Wie bitte?
Mankowsky: Das ist nicht von mir, sondern ein Bild von Platon für eine Gesellschaft, in der vollkommene Gleichheit herrscht. In ihr wohnen alle in gleichen Wohnungen, kleiden sich ähnlich, essen das Gleiche. Es gibt keinen Neid, man lebt im Einklang mit der Natur. Eben wie die Schweine im Stall. Das Gegenbild dieser Gesellschaft entwickelt alle Dinge, die der ersten fehlen – individuelle Kleidung, Schmuck, Künste. Alles was wir unter Zivilisation verstehen. Das Bedürfnis nach Luxus wird gewissermaßen zum Motor, um dem Schweinestall zu entkommen. Aus diesem Bild der Zivilisation, können wir viel lernen.
Das Gespräch führte Tom Grünweg
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