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Trendwende bei Messe-Hostessen: Mehr Kopffreiheit

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Messe-Hostessen: Köpfchen statt Körpermaße Fotos
DPA

Für Autopräsentationen galt lange die Formel "Bolide plus Bein". Doch die Zeiten spärlich bekleideten Standpersonals scheinen vorbei, stattdessen werden die Bewerber in knallharten Wissenstests geprüft. Bei fast allen Herstellern jedenfalls.

Auf dem Podest herrscht eine Atmosphäre wie in einem Studentencafé. Junge Frauen und Männer in Parkas, Turnschuhen und Jeans sitzen auf weißen Kunststoffstühlen, starren auf ihr Smartphone oder beißen in einen Apfel. Hinter ihnen steht eine Bar, die noch geschlossen hat.

In die entspannte Atmosphäre platzt Annette Winkler, Chefin der Marke Smart. Mit schnellen Schritten steigt die Managerin die Treppe hinauf, sie trägt einen weißen Anzug, weiße Schuhe, goldene Kette. Es ist kurz nach 15 Uhr, ihre Garderobe ist aus Zeitnot schon auf eine Daimler-Abendveranstaltung abgestimmt. "Hallo", sagt sie fröhlich in die Runde. "Kennt ihr mich alle?" Einige der Mädels und Jungs nicken.

Es ist der Vortag zur Automesse in Genf. Winkler ist zum Smart-Stand gekommen, um die jungen Menschen auf ihren Job für die nächsten Tage und Wochen vorzubereiten: die Repräsentation der Marke Smart.

Eine Frau an der Spitze eines Autoherstellers, junge Männer und Frauen am Messestand, bei denen Köpfchen mehr zählt als Körpermaße: Es tut sich was in der Autobranche. Jahrzehntelang war die vor allem eine Männerdomäne und entsprechend auch Standpersonal auf Messen ausgestattet: spärlich informiert und vor allem spärlich bekleidet. Heute zählen andere Dinge, das nennt sich schon an der Job-Bezeichnung ablesen: Hostessen und Hosts ist passé, lieber nennen die Verantwortlichen die meist studentischen Hilfskräfte "Explainer", Erklärer.

Fremdsprachen statt Fremdschämen

Topteam, eine Agentur in Offenbach am Main, sucht seit etwa 16 Jahren für die Autoindustrie die jungen Männer und Frauen aus. Deren Geschäftsführerin Mandy Wernst, eine taffe Frau mit modischem Kurzhaarschnitt, bestätigt, dass sich die Anforderungen ihrer Kunden ändern. "Heute spielt Wissen und Eloquenz eine viel größere Rolle als früher", sagt Wernst. Zwar sei es selbstverständlich, dass die Männer und jungen Frauen gepflegt auftreten. Aber anders als noch vor zehn, zwölf Jahren sei es bei den Damen nicht mehr entscheidend, blond zu sein und Kleidergröße 34 bis 36 mitzubringen.

Pauline ist weder 1,80-Meter groß, noch ist sie blond. Dafür spricht die 19-Jährige aus Darmstadt mit Englisch, Französisch und Russisch drei Fremdsprachen. Sie steht seit den frühen Morgenstunden in derben blauen Wildlederboots am Smart-Stand, trägt ein gelbes T-Shirt, eine beigefarbene Hose und einen dunkelblauen Blazer - die Smart-Uniform für alle, die auf dem Messestand arbeiten. "Kann ich Ihnen helfen?", geht sie freundlich auf einen Italiener mit gelockten Haaren zu, der sich für ein Modell aus der "Brabus Xclusive Red Edition" interessiert. Sie zeigt ihm anschließend einen elektrischen Smart und erklärt, wie weit die Batterieladung reicht.

Bildunterschriften, wie sie nach den Messen auf Autoportalen auftauchen, werden jungen Frauen wie Pauline nicht gerecht. Immer noch texten Journalisten von "heißen Fahrgestellen" und "sexy Mädels", die den Blick aufs Auto versperren. Selbst seriöse Medien, die sonst ausgewogen über Frauenquoten in Aufsichtsräten berichten und Interviews mit Top-Managerinnen führen, verfallen, wenn eine Automesse ansteht, in alte Muster. Stichworte wie "Die heißesten Hostessen" gehören bei Google zu den gesuchten Begriffen.

Knallharte Wissenstests

Dabei sind Mädchen, die sich in kurzen Röcken auf der Motorhaube räkeln, mittlerweile eine Randerscheinung. Ausnahmen bilden oftmals die Tuner, die ihre gepimpten Modelle mit Models dekorieren, die auch als Kalender-Girl in Werkstätten oder Arbeiterspinden hängen könnten.

Für Marken wie BMW oder Daimler arbeiten in Genf dagegen junge Männer und Frauen, die Besuchern den Weg weisen, Autos und Technik-Features erklären. Sie alle sind bestens geschult, wissen über die Fahrzeuge Bescheid, an denen sie stehen. Zwei Tage dauerte bei Daimler die Unterweisung.

Vor ihrem Einsatz haben die Messehelfer oft noch Wissenstests bestanden. Entweder die Auftraggeber oder die Agentur fragen dann Motorleistungen, die Funktion von Hybridantrieben oder die Modellpalette ab. Wer in dem Test eine zu geringe Punktzahl erzielt, fliegt raus. "Manche Hersteller bieten dem Personal sogar an, die Produkte vorher zu testen", sagt Wernst. Zehn bis zwölf Euro im Schnitt verdienen die Hosts und Hostessen pro Stunde. Dazu gibt es "Durchhalteboni" für diejenigen, die eine Messe buchstäblich "durchstehen".

Es gibt sie noch, die Hostessen von früher

Johannes Plass, Inhaber der Firma Mutabor und verantwortlich für die Messeauftritte von BMW weltweit, glaubt trotzdem nicht, dass die Kombination von sexy Frau und Auto auf den Messen aussterben wird. Denn "auf Automessen sind fast nur Kerle, Frauen sind dort nur im Promillebereich vertreten", begründet er die etablierte Symbiose aus Frau und Fahrzeug.

Wenn es um die Präsentation der Fahrzeuge auf den Automessen geht, täte sich aber ein kultureller Graben auf. Was die Hostessen tragen, bestimmen meist die Ländergesellschaften der Hersteller, die sich wiederum von Agenturen beraten lassen." Amerikaner und Deutsche haben ein moderneres Frauenbild", erklärt Plass. Deshalb sehen auch die Hostessen eher wie Beraterinnen in Kostümen aus. Auf dem Autosalon in Paris kämen die Einflüsse ganz stark aus der Mode und dem Lifestyle, in Tokio dominieren Mädchen in Schuluniformen und androgyne Typen, die neben den Fahrzeugen posen.

Bei den Italienern oder den Tunern dominiert weiterhin viel nackte Haut. In der Hoffnung, dass die Fotografen ihre Kameras zücken, posieren Mädels mit schlanken Beinen in kurzen Hotpants oder tief dekolletierten Kleidern. Aber was wird mit diesem Bild eigentlich verkauft? Nicht die Zukunft des Autos, sondern das Frauenbild von vor über 50 Jahren.

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1.
blurps11 14.03.2014
Aha, also werden wir demnächst unrasierte Mittvierziger mit Bierbauch und Glatze sehen, solange sie nur genug im Kopf haben ? Schon klar ;)
2. .
frubi 14.03.2014
Zitat von sysopDPAFür Autopräsentationen galt lange die Formel "Bolide plus Bein". Doch die Zeiten spärlich bekleideten Standpersonals scheinen vorbei, stattdessen werden die Bewerber in knallharten Wissenstests geprüft. Bei fast allen Herstellern jedenfalls. http://www.spiegel.de/auto/aktuell/messe-hostessen-das-sexy-fahrgestell-hat-ausgedient-a-957526.html
Warum wurden denn seelenlose Barbie´s vor die dicken Kisten geparkt? Weil nur wir Männer uns für solche Großraumlimo´s und Sportwagen interessieren und bei den meisten Männern ist es taktisch gar nicht so unklug die niederen Instinkte anzusprechen.
3. Und wieder warten wir verzweifelt
Criticz 14.03.2014
auf einen Artikel der diese sexistisch-männerfeindliche Werbung z.B. mit Beckham usw. anprangert. Und wir ahnen: er wird nicht kommen. Weil das alles eine große lange Einbahnstraße (Frau = Opfer, Mann = Täter) ist. Und kein Mensch merkt, dass diese einseitige Art der Berichterstattung keinen Deut besser ist als die darin kritisierte Werbung - nämlich auch sexistisch.
4. Was
kahabe 14.03.2014
Zitat von sysopDPAFür Autopräsentationen galt lange die Formel "Bolide plus Bein". Doch die Zeiten spärlich bekleideten Standpersonals scheinen vorbei, stattdessen werden die Bewerber in knallharten Wissenstests geprüft. Bei fast allen Herstellern jedenfalls. http://www.spiegel.de/auto/aktuell/messe-hostessen-das-sexy-fahrgestell-hat-ausgedient-a-957526.html
sind Arbeiter-Spinte? Ist da einem Angestellten das Poster im Garderobenschrank in den vernebelten Kopf gestiegen? Armer Kollege...
5. Aha...
Nettty 14.03.2014
Man kann durchaus auch attraktiv und ansprechend aussehen und dabei nicht in ein billiges, halbnacktes Outfit gesteckt zu werden. Die billige, künstliche Barbie von gestern nimmt doch sowieso keiner Ernst und wird auch nichts verkaufen, wenn sie mit 2-Tage Fachwissen glänzt.
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