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Privates Carsharing: Der Mietkrieg

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Privates Carsharing boomt. Viele Autobesitzer vermieten ihre Wagen, anstatt sie unbenutzt in der Garage stehen zu lassen. Professionelle Autovermieter sehen darin verdeckte Geschäfte zu Dumpingpreisen - und klagen jetzt gegen eine Internetplattform für Gelegenheitsanbieter.

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Autonetzer.de (Screenshot): Luxuskombi als heimlicher Star im Angebot

Das Mietangebot klingt wirklich verlockend: Ein Audi A6 Avant für knapp 36 Euro pro Tag, 100 Kilometer inklusive. Der Fahrer genießt dafür den Komfort der Oberklasse mit Automatik, Xenonlicht, CD-Wechsler und elektrisch verstellbaren Sitzen. Seine Laufleistung von mehr als 150.000 Kilometern sieht man dem Audi in keiner Weise an - was will man mehr?

Der Luxuskombi ist so etwas wie der heimliche Star im Angebot von autonetzer.de. Die Internetplattform - mit 4000 Autos nach eigenen Angaben Marktführer im sogenannten Peer-to-Peer-Carsharing in Deutschland - versteht sich als Forum für Autobesitzer, die ihren Wagen mit anderen teilen möchten, um die monatlichen Festkosten zu reduzieren. Audi-Vermieter Sven Laux nutzt die Möglichkeit regelmäßig: "Ich brauche das Auto nicht oft", erzählt er. "Und vom Stehen wird es schließlich nicht besser."

Autonetzer spielt in der rasant wachsenden Branche der Carsharing-Anbieter die Rolle des aufmüpfigen Rebellen, der die Etablierten gründlich aufmischt - genauso wie die etwas kleineren Plattformen nachbarschaftsauto.de, rent-n-roll.de und tamyca.de. Sie bauen ihr Geschäftsmodell auf dem Gemeinsinn der Menschen auf. Menschen, die ein Auto weniger als Statussymbol begreifen, sondern ganz pragmatisch als technisches Gerät, das dem Transport von A nach B dient.

"Wer bezahlt den Schaden?"

Den Autovermietern ist das Angebot ein Dorn im Auge. Aus ihrer Sicht operieren diese Dienste am Rande oder gar jenseits der Legalität. "Für die Branche gelten strenge gesetzliche Regeln", erklärt Michael Brabec, Geschäftsführer des Bundesverbands der Autovermieter (BAV). Dazu gehöre nicht zuletzt eine spezielle Zulassung für Mietfahrzeuge und ein jährlicher Sicherheitscheck. Privatautos, wie sie auf Autonetzer angeboten werden, unterliegen nicht solchen Kontrollen. Die Folgen im Falle eines Unfalls könnten deshalb für beide Seiten gravierend sein, sagt Brabec: "Wer bezahlt den Schaden, wenn ein Unfall passiert, der auf Mängel am Fahrzeug zurückzuführen ist?"

Darüber soll jetzt ein Gericht entscheiden: Mit einer Klage will der Verband klären lassen, ob die privaten Carsharer gegen Recht und Gesetz verstoßen.

"Thema Sicherheit ist nur vorgeschoben"

Aus Sicht der Autonetzer ist die Stoßrichtung klar: Sixt und Co. wollen die lästige Konkurrenz vom Markt drängen, weil sie die Preise verdirbt. "Das Thema Sicherheit ist nur vorgeschoben", wischt Sebastian Ballweg, einer der Gründer der Plattform, die Einwände vom Tisch. Der BAV wolle die Idee des Teilens von privaten Autos zerstören.

Eigentlich hat es Ballweg gar nicht nötig, die Debatte mit derart emotionalen Argumenten anzuheizen. Denn im Prinzip weiß er die Öffentlichkeit hinter sich: Carsharing wird in den Städten immer beliebter. Das gilt ganz besonders für Metropolen wie Hamburg, München oder Berlin. Ein Auto zu besitzen, hat angesichts hoher Kosten, notorischer Parkplatznot und Alternativen in Form von öffentlichen Verkehrsnetzen viel von seiner Attraktivität verloren. Wer weniger als 7500 Kilometer im Jahr mit dem Auto unterwegs ist, fährt mit Carsharing eindeutig billiger, wie die Stiftung Warentest ausgerechnet hat.

In der Grauzone

Bei den Kampfpreisen, die Autonetzer und Co. bieten, ist die Kalkulation sogar noch günstiger. Die dort angebotenen Wagen sind häufig mehr als acht Jahre alt und haben 100.000 und mehr Kilometer auf dem Buckel. Ein Kompakter ist dafür manchmal auch für weniger als 20 Euro zu haben, wobei der Sprit noch hinzukommt. Dafür muss man allerdings Abstriche in Kauf nehmen. Etwa die umständliche Anfahrt, wenn der Vermieter nicht gleich um die Ecke wohnt. Oder die Unsicherheit, ob der Wagen nicht gravierende Mängel hat.

Der Vermieter trägt auf der anderen Seite das Risiko, dass sein Auto beschädigt wird oder er dem Geld für Strafzettel hinterherlaufen muss, die sein Mieter verursacht hat - ganz zu schweigen von dem bürokratischen Aufwand, den die Deklaration der Mieteinnahmen beim Finanzamt verursacht.

Unter diesem Aspekt führen die Autovermittler die Vermieter tatsächlich tief in eine Grauzone. Denn grundsätzlich sind dem Fiskus alle Einkünfte offenzulegen, auch wenn sie am Ende unter der Freibetragsgrenze bleiben. Wer sich darum drückt, riskiert Ärger.

Preisvergleich ist verboten

Außerdem ist noch unklar, wo die Grenze zwischen privatem und professionellem Verleih verläuft. Ab wann kann man nicht mehr von Gelegenheitsvermietungen sprechen? Denn dann würden für Privatpersonen genau die Vorschriften greifen, die auch für die Großen der Branche gelten: jährliche TÜV-Prüfungen, eine spezielle Versicherung und die Pflicht, ein Gewerbe anzumelden. Unter solchen Bedingungen würde sich das Modell aber für viele Vermieter nicht mehr rechnen.

Ob es soweit kommt und der BAV sich mit seiner Klage durchsetzt, müssen jetzt die Richter klären. Ein Urteil des Landgerichts München aus dem Mai 2012 könnte aber für einen Erfolg für Autonetzer sprechen: Damals ging es um einen Rechtsstreit zwischen Sixt und Tamyca.

Der Münchner Autovermieter war gegen das Aachener Start-up-Unternehmen vorgegangen, weil es in seiner Werbung offensiv den Preisvorteil gegenüber Sixt herausgehoben hatte. Die Richter gaben Sixt in dem konkreten Fall recht - aber eben mit der Begründung, dass die Angebote der beiden Unternehmen unter verschiedenen Voraussetzungen zustande kommen. Ein Preisvergleich sei deshalb unstatthaft.

Dass die Carsharing-Plattformen grundsätzlich gegen Recht und Gesetz verstoßen, davon steht in dem Urteil dagegen kein Wort.

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