Mille Miglia: Das Rennen der tausend Erinnerungen

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Das letzte offizielle Rennen wurde 1957 gefahren, trotzdem hat die Mille Miglia bis heute nichts von ihrem Reiz verloren. Im Gegenteil: Sie gilt seit der Neuauflage 1977 als spektakulärste Oldtimer-Rallye der Welt. SPIEGEL ONLINE war dabei - mit dem Siegerwagen von Stirling Moss.

So etwas gibt es wohl nur in Italien. Ein Wochenende lang ist der Verkehr im halben Land lahmgelegt, Innenstädte sind gesperrt, Landstraßen blockiert, Autobahnen dicht. Doch statt zu hupen oder zu schimpfen, stehen die Leute am Straßenrand, jubeln, schwenken Fähnchen und feiern eine furiose Party. Es ist Mille-Miglia-Zeit. Einmal mehr stürzen sich fast 400 Rennwagen in ein tausend Meilen langes Abenteuer - was wie eine Ewigkeit klingt und dann doch viel zu schnell vorbei ist.

Die Oldtimer-Rundfahrt folgt den Spuren des berühmten Langstreckenrennens auf rund 1600 Kilometern von Brescia nach Rom und zurück. Im Krisenjahr 2009 fehlen zwar viele große Namen auf der Teilnehmerliste, doch nach wie vor können die Veranstalter die Startnummern restriktiv vergeben. Nur Autos, die bei den Originalrennen von 1927 bis 1957 gemeldet waren, oder zumindest technisch identisch sind mit den Rennwagen von einst, dürfen mitfahren - sobald die Startgebühr von knapp 6000 Euro bezahlt ist.

Startnummer 289 hat mit der Auflage keine Probleme. Der Mercedes 300 SLR aus dem Jahr 1955 ist ein Silberpfeil jenes Typs, mit dem der legendäre Stirling Moss das Rennen vor mehr als 50 Jahren in Rekordzeit gewonnen hat.

Sir Stirling Moss, mittlerweile fast 80 Jahre alt, war bei der technischen Inspektion am Start in Brescia mit von der Partie, doch dann übernahm der ehemalige Formel-1-Fahrer David Coulthard das riesige Holzlenkrad. Der Wagen wird von Kennern auf einen hohen, zweistelligen Millionenwert taxiert, doch Coulthard lässt nach dem Warmfahren bis Ferrara am ersten Tag den rund 300 PS freien Lauf. Während der Achtzylindermotor ohrenbetäubend brüllt, die heißen Abgase aus den beiden Rohren an der Flanke den Beifahrer rösten und die Fliegen ins Gesicht klatschen wie Schrotkugeln, stürmt der Silberpfeil voran, als hätte er nie im Museum gestanden.

Coulthard erlebt seine Mille-Premiere nicht allein: Im Windschatten fährt der ehemalige Formel-1-Teamkollege Mika Häkkinen außer Konkurrenz in der Neuinterpretation des Siegerwagens von einst. Der Finne steuert das Modell SLR 722 Stirling Moss. Die Sonderserie von 75 Autos für ja 750.000 Euro plus Steuern beschließt die Produktion des Supersportwagens und kommt dem Original in puncto Purismus sehr nahe.

Wirklich genießen können Häkkinen und Coulthard die Tour nicht. Wenn sie ausnahmsweise mal an einer roten Ampel halten, kreist sofort ein Zuschauerpulk die Autos ein. Jeder Tankstopp wird zur Geduldsprobe, auch Carabinieri lassen sich Mützen oder Kellen signieren. Erst als leichter Regen einsetzt und die Ex-Rennfahrer dank Lederhauben und Schutzbrillen schwerer zu erkennen sind, haben sie vorübergehend Ruhe.

Zu den Höhepunkten des zweiten Tages zählt die Fahrt durch San Marino. Auf Kopfsteinpflastergassen, so schmal und steil, dass manche herkömmlicher Oldtimer sie kaum erklimmen können, kämpft sich der Tross der Mille Miglia in die Altstadt. Trotz strömenden Regens ist der Empfang eindrucksvoll. Dabei jubeln die Fans allen zu, ob dem BMW 328 Touring-Coupé, das 1940 die Mille Miglia gewann, einem VW Käfer oder einem Bentley.

Hinter San Marino heißt es Gas geben. Dabei prügelt Coulthard den SLR schneller, als er in den vergangenen 50 Jahren je bewegt wurde, sagen die Begleiter aus dem Mercedes-Classic-Team erschrocken und ehrfürchtig zugleich. Doch über die 220 km/h, die der Schotte zwischendurch auf der Autobahn erreicht, könnte Mille-Veteran Stirling Moss wohl nur lächeln. Um auf dem 1600-Kilometer-Strecke das sagenumwobene Durchschnittstempo von etwa 160 km/h zu erreichen, musste er den Wagen permanent ausfahren - und zwar auf regulären Straßen, im ganz normalen Alltagsverkehr.

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