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27. März 2018, 06:36 Uhr

Kamerabasierte Assistenzsysteme

Ich sehe was, was du nicht siehst

Von Heimo Fischer

Kernstück von Roboterautos sind Kameras, die um ein Vielfaches besser sehen als der Mensch. Einer der führenden Anbieter ist das israelische Software-Unternehmen Mobileye.

Einen Konzern, der die Zukunft der Automobilindustrie entscheidend prägt, erwartet man hier nicht: Das mehrstöckige Bürohaus liegt nur wenige Kilometer von der Altstadt Jerusalems entfernt. Auf mehrspurigen Straßen schiebt sich der Verkehr aus dem Gebirge hinunter an die Küste nach Tel Aviv. Die Sonne brennt, und rundherum stehen zwischen Gestrüpp und knorrigen Bäumen keine Fabriken, sondern schlichte Zweckbauten.

Trotzdem haben schon fast alle Autohersteller der Welt hierher gefunden. Sie interessieren sich für Produkte, die kaum größer sind als ein Zehennagel und nur wenige Gramm wiegen. Diese Chips können über 60 Bilder pro Sekunde auswerten und in Zukunft noch viel mehr. Eine hinter der Windschutzscheibe befestigte Kamera liefert die entsprechenden Daten. Produziert werden sie von Mobileye, dem Star der israelischen Start-up-Szene.

Unternehmensgründer Amnon Shashua hatte sich schon als Professor an der Hebräischen Universität mit künstlicher Intelligenz befasst. Zu den Forschungsgebieten des heute 57-Jährigen gehörte die Frage, wie man Maschinen das Sehen beibringen kann. Damals nutzte man mehrere Kameras gleichzeitig, um die Entfernung eines Objekts zu ermitteln. Shashua war der Ansicht, dies müsste auch mit einer einzigen Kamera und intelligenter Software möglich sein. Er präsentierte sein Vorhaben Ende der Neunzigerjahre vor Investoren, bekam Geld, machte sich in einer Garagenfirma an die Arbeit und hatte Erfolg. Mobileye war geboren.

Lebensrettende Technik

Die Elektronik kann so gut wie kaum eine andere Technik erkennen, was auf den Bildern zu sehen ist - und sie kann daraus ableiten, was in den nächsten Sekundenbruchteilen geschehen wird. Tritt der Fußgänger auf die Fahrbahn? Wird das Auto rechts anhalten oder weiterfahren? Schnelle Antworten auf diese Fragen sind essenziell, wenn Autos eines Tages ganz ohne Fahrer auskommen sollen. Die Kunst der Programmierer besteht darin, den Assistenzsystemen beizubringen, worauf sie achten müssen, um die richtigen Entscheidungen zu treffen. Selbstlernende Systeme eignen sich dann den entsprechenden Erfahrungsschatz an. Wer Technologien wie diese am schnellsten und besten beherrscht, wird zu den Gewinnern im Zeitalter der Roboterautos zählen. Mobileye gehört zumindest bislang zu den Vorreitern.

Als das Unternehmen 2014 an die New Yorker Börse kam, war es der größte IPO in der israelischen Softwarebranche. Das Wachstum lief rasant, der Umsatz hatte sich in wenigen Jahren verzehnfacht. Fast alle großen Fahrzeugkonzerne arbeiten inzwischen mit Mobileye zusammen und bemühen sich um langfristige Verträge. Die israelische Technik hat nämlich einen weiteren Vorteil. Der schlichte Aufbau macht sie preiswerter als viele Konkurrenzprodukte.

Dementsprechend selbstbewusst trat Firmengründer Shashua in der Vergangenheit auf. Im Sommer 2016 kündigte er die Partnerschaft mit Tesla mit der Begründung, dessen Autopilot sei noch nicht bereit für die Straße.

Offene digitale Plattform geplant

Im März 2017 sorgte Mobileye zum bisher letzten Mal für Aufsehen. Der Technologie-Konzern Intel übernahm das Unternehmen und seine gut 600 Mitarbeiter für mehr als 15 Milliarden Dollar. Gemeinsam mit Intel arbeitet Mobileye seit Längerem schon an gemeinsamen Projekten. Beide Firmen verbündeten sich 2016 mit BMW. Gemeinsam wollen sie bis 2021 selbstfahrende Autos auf den Markt bringen. Fahrerassistenzsysteme nutzen Kamera, Radar oder Laserscanner, um zu erkennen, was im Umfeld des Autos passiert. Bei kamerabasierten Systemen hat Mobileye den größten Vorsprung.

Gemeinsam mit Intel will Shashua nun neue Maßstäbe für das autonome Fahren setzen. Geplant ist eine offene digitale Plattform, die Kunden, Autohersteller und Zulieferer individuell anpassen können. Gelingt dieser Schachzug, würde sich die Zahl potenzieller Kunden vervielfachen. Für Intel würde damit ein wichtiges Ziel in greifbare Nähe rücken. Der Konzern könnte aufholen im Rennen um die Vorherrschaft im autonomen Fahren, wo Technologiekonzerne wie Google oder Nvidia bislang den Ton angeben.

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