Kamerabasierte Assistenzsysteme Ich sehe was, was du nicht siehst

Kernstück von Roboterautos sind Kameras, die um ein Vielfaches besser sehen als der Mensch. Einer der führenden Anbieter ist das israelische Software-Unternehmen Mobileye.

Kamerasystem von Mobileye
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Kamerasystem von Mobileye

Von Heimo Fischer


Einen Konzern, der die Zukunft der Automobilindustrie entscheidend prägt, erwartet man hier nicht: Das mehrstöckige Bürohaus liegt nur wenige Kilometer von der Altstadt Jerusalems entfernt. Auf mehrspurigen Straßen schiebt sich der Verkehr aus dem Gebirge hinunter an die Küste nach Tel Aviv. Die Sonne brennt, und rundherum stehen zwischen Gestrüpp und knorrigen Bäumen keine Fabriken, sondern schlichte Zweckbauten.

Trotzdem haben schon fast alle Autohersteller der Welt hierher gefunden. Sie interessieren sich für Produkte, die kaum größer sind als ein Zehennagel und nur wenige Gramm wiegen. Diese Chips können über 60 Bilder pro Sekunde auswerten und in Zukunft noch viel mehr. Eine hinter der Windschutzscheibe befestigte Kamera liefert die entsprechenden Daten. Produziert werden sie von Mobileye, dem Star der israelischen Start-up-Szene.

Unternehmensgründer Amnon Shashua hatte sich schon als Professor an der Hebräischen Universität mit künstlicher Intelligenz befasst. Zu den Forschungsgebieten des heute 57-Jährigen gehörte die Frage, wie man Maschinen das Sehen beibringen kann. Damals nutzte man mehrere Kameras gleichzeitig, um die Entfernung eines Objekts zu ermitteln. Shashua war der Ansicht, dies müsste auch mit einer einzigen Kamera und intelligenter Software möglich sein. Er präsentierte sein Vorhaben Ende der Neunzigerjahre vor Investoren, bekam Geld, machte sich in einer Garagenfirma an die Arbeit und hatte Erfolg. Mobileye war geboren.

Lebensrettende Technik

Die Elektronik kann so gut wie kaum eine andere Technik erkennen, was auf den Bildern zu sehen ist - und sie kann daraus ableiten, was in den nächsten Sekundenbruchteilen geschehen wird. Tritt der Fußgänger auf die Fahrbahn? Wird das Auto rechts anhalten oder weiterfahren? Schnelle Antworten auf diese Fragen sind essenziell, wenn Autos eines Tages ganz ohne Fahrer auskommen sollen. Die Kunst der Programmierer besteht darin, den Assistenzsystemen beizubringen, worauf sie achten müssen, um die richtigen Entscheidungen zu treffen. Selbstlernende Systeme eignen sich dann den entsprechenden Erfahrungsschatz an. Wer Technologien wie diese am schnellsten und besten beherrscht, wird zu den Gewinnern im Zeitalter der Roboterautos zählen. Mobileye gehört zumindest bislang zu den Vorreitern.

Als das Unternehmen 2014 an die New Yorker Börse kam, war es der größte IPO in der israelischen Softwarebranche. Das Wachstum lief rasant, der Umsatz hatte sich in wenigen Jahren verzehnfacht. Fast alle großen Fahrzeugkonzerne arbeiten inzwischen mit Mobileye zusammen und bemühen sich um langfristige Verträge. Die israelische Technik hat nämlich einen weiteren Vorteil. Der schlichte Aufbau macht sie preiswerter als viele Konkurrenzprodukte.

Dementsprechend selbstbewusst trat Firmengründer Shashua in der Vergangenheit auf. Im Sommer 2016 kündigte er die Partnerschaft mit Tesla mit der Begründung, dessen Autopilot sei noch nicht bereit für die Straße.

Offene digitale Plattform geplant

Im März 2017 sorgte Mobileye zum bisher letzten Mal für Aufsehen. Der Technologie-Konzern Intel übernahm das Unternehmen und seine gut 600 Mitarbeiter für mehr als 15 Milliarden Dollar. Gemeinsam mit Intel arbeitet Mobileye seit Längerem schon an gemeinsamen Projekten. Beide Firmen verbündeten sich 2016 mit BMW. Gemeinsam wollen sie bis 2021 selbstfahrende Autos auf den Markt bringen. Fahrerassistenzsysteme nutzen Kamera, Radar oder Laserscanner, um zu erkennen, was im Umfeld des Autos passiert. Bei kamerabasierten Systemen hat Mobileye den größten Vorsprung.

Gemeinsam mit Intel will Shashua nun neue Maßstäbe für das autonome Fahren setzen. Geplant ist eine offene digitale Plattform, die Kunden, Autohersteller und Zulieferer individuell anpassen können. Gelingt dieser Schachzug, würde sich die Zahl potenzieller Kunden vervielfachen. Für Intel würde damit ein wichtiges Ziel in greifbare Nähe rücken. Der Konzern könnte aufholen im Rennen um die Vorherrschaft im autonomen Fahren, wo Technologiekonzerne wie Google oder Nvidia bislang den Ton angeben.



insgesamt 90 Beiträge
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Seite 1
fatherted98 27.03.2018
1. Das einzige...
.......Assistenzsystem das wirklich sinnvoll wäre, wäre ein nicht ausschaltbarerer Abstandswarner der automatisch bremst....nur das will ja keiner, weil (heute morgen wieder erlebt) man ja am liebsten 2 m hinter dem Vordermann herfährt...bei Tempo 100 wohlgemerkt.
muskat51 27.03.2018
2. Was ist der Unterschied
zwischen einem lernenden und einem selbstlernenden System und warum hat man noch nie von einem fremdlernenden System gehört? Der Beitrag setzt sich dem Verdacht aus, Reklamegekreisch wiederzugeben.
rennflosse 27.03.2018
3. Eine Kamera
Eine Kamera, die besser sieht als der Mensch, gibt es nicht. Der Mensch hat die Fähigkeit, auch ein unzureichendes Bild im Gehirn quasi zu "verbessern" und daraus Schlüsse zu ziehen. Nimmt man die im Internet zahlreich zu findenden DashCam - Aufnahmen als Referenz, stellt man mühelos fest, dass die Bilder nur unter Idealbedingungen wirklich gut sind. Das menschliche Auge hat dagegen einen viel größeres Sichtfeld und das ganz ohne die Verzerrungen eines Weitwinkelobjektivs. Und es sieht vor allem bei Nacht und schlechten Sichtverhältnissen besser.
mzprum 27.03.2018
4. fatherted98 - Abstandsregler sind Murks ...
... und weit entfernt von der Alltagstauglichkeit. es macht einfach keinen Spaß, wenn ihr Fahrzeug immer eine Vollbremsung macht, wenn ein anderes Fahrzeug nach den Überholvorgang knapp vor ihnen wieder einscheert ... oder der vorausfahrende seinen Hintern beim abbiegen nicht schnell genug wegkommt, sie aber leicht vorbeigekommen waren. Was glauben sie warum die LKW-Fahrer die Funktion abschalten? Wenn wir uns alle Mal auf die Systeme verlassen, dann wird's lustig auf den Straßen.
Flari 27.03.2018
5.
Zitat von rennflosseEine Kamera, die besser sieht als der Mensch, gibt es nicht. Der Mensch hat die Fähigkeit, auch ein unzureichendes Bild im Gehirn quasi zu "verbessern" und daraus Schlüsse zu ziehen. Nimmt man die im Internet zahlreich zu findenden DashCam - Aufnahmen als Referenz, stellt man mühelos fest, dass die Bilder nur unter Idealbedingungen wirklich gut sind. Das menschliche Auge hat dagegen einen viel größeres Sichtfeld und das ganz ohne die Verzerrungen eines Weitwinkelobjektivs. Und es sieht vor allem bei Nacht und schlechten Sichtverhältnissen besser.
Nur weil Sie mal wieder etwas nicht begreifen oder kennen? Ich habe regelmässig Anwendungen, in denen die Auswertung der Kameraufzeichnung, insb. mit Nachbearbeitung, um Welten bessere Ergebnisse liefert, als wenn ich das mit den Augen direkt betrachte. Und nein, den Vergleich sollten Sie nicht mit einem 50-Cent China-Cammodul durchführen... Bzgl. Sichtfeld: Vor einiger Zeit hat man Weitwinkelobjektive erfunden, kann Cams ggf. drehen oder sogar mehrere Cams digital verbinden, bis zu einer 360° Rundumansicht mittels eines "Balles"..
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