Modellauto des Jahres Die wollen nicht spielen

Schaltknüppel, klein wie Stecknadeln, Reifenprofile, so fein wie die Zacken einer Briefmarke - Autominiaturen können kleine Kunstwerke sein. Die besten wurden gerade mit dem Titel "Modellfahrzeug des Jahres" ausgezeichnet.

Von Jürgen Pander

MODELL FAHRZEUG

Etwa 600 Einzelteile, vorlackierte Karosserieelemente aus Metallspritzguss sowie ein Beutel voller filigraner Schräubchen zum Preis von 650 Euro - wer das Geld investiert und dazu noch etliche Stunden penibler Bastelei und reichlich Geduld, der erhält: das "Supermodell des Jahres 2013".

Die Auszeichnung für die beste Autominiatur des Jahres ging gerade an den Lamborghini Avantador im Maßstab 1:8 der italienischen Firma Pocher. Im 23. Jahr der Preisverleihung gewann damit erstmals ein Bausatz und keine fertige Miniatur die begehrte Trophäe. "Das Ding ist wirklich spektakulär, es hat beinahe Uhrenqualität", sagt Andreas A. Berse.

Berse, 52, kann das beurteilen, er ist Chefredakteur der Zeitschrift "Modell Fahrzeug", der größten deutschsprachigen Fachpublikation zum Thema (verkaufte Auflage alle zwei Monate: rund 15.000 Exemplare). Das Blatt ruft alljährlich im Herbst zur Wahl der "Modellfahrzeuge des Jahres" auf. Weit mehr als tausend Leser beteiligten sich diesmal und kürten ihre Favoriten in 22 Kategorien. Das Votum gilt in der Branche als Richtschnur für die Trends und Vorlieben der Sammlerszene.

Setzt sich Leichtbau auch bei Modellautos durch?

Und, wie ist die Stimmungslage unter den rund 150.000 Autominiaturensammlern in Deutschland? "Der Markt ist stabil, die Branche erzielt in Deutschland, dem Hauptmarkt in Europa, etwa 500 Millionen Euro Umsatz pro Jahr", sagt Berse. Den jedoch müssen sich immer mehr Anbieter von Modellautotypen und -bausätzen teilen. Das Angebot an Fahrzeugminiaturen wächst stetig, dafür werden die Stückzahlen pro Serie kleiner. Dass sich das Geschäft für die Hersteller dennoch lohnt, liegt an einer technischen Neuerung.

Bislang wurden die meisten hochwertigen Autominiaturen aus Zinkdruckguss gefertigt, und dazu mussten erst einmal Formen aus gehärtetem Stahl hergestellt werden - eine aufwendige und vor allem teure Prozedur. Wesentlich billiger wird die Modellautoproduktion, wenn Resine verwendet wird, ein Werkstoff aus dehydrierten Naturharzen. Genau dieses Material verbreitet sich seit kurzem mehr und mehr in der Branche. Denn um Resine in die gewünschte Form zu bringen, genügen Gussformen aus Naturkautschuk, die weit weniger kosten als solche aus Stahl. Durch den Wechsel des Materials werden auch kleine Modellautoauflagen wieder profitabel.

Qualitativ gebe es keinen Unterschied zwischen Modellautos aus Metall und Resine, sagt Berse. Manche Sammler jedoch seien skeptisch, weil ein schickes Modell im Maßstab 1:43 auf einmal nur noch 80 statt sonst etwa 200 Gramm wiegt. Berse: "Es gibt Leute, die halten ein Modellauto, das schwerer in der Hand liegt, für wertvoller als eines, das sozusagen dem Leichtbautrend der Originale folgt."

Landmaschinenmodelle sind der letzte Schrei

Außer der zunehmenden Zahl an Resine-Modellen gibt es auch immer mehr Miniaturen von Landmaschinen. "Das allgemein gestiegene Interesse am Landleben und am Gärtnern schlägt sich offensichtlich auch im Miniaturenangebot nieder. Während es vor einigen Jahren fast ausschließlich Traktoren gab, wimmelt es nun auch von Feldhäckslern, Ballenpressen oder Mähdreschern", sagt Berse.

Das liegt auch daran, dass etwa die Firma Claas aus Harsewinkel, weltweit die Nummer vier der Landmaschinenhersteller, seit einiger Zeit die Miniaturen als ideale Imageträger und auch eigenes, kleines Geschäftsmodell entdeckt hat. So wurde beispielsweise parallel zur Vorstellung eines neuen Mähdreschers vom Typ "Lexion" auch gleich das passende Modell im Maßstab 1:32 vorgestellt. Zum "Modellfahrzeug des Jahres" in der Kategorie Landwirtschaft wurde das 1:32-Modell eines Reinigungsladers für Zuckerrüben der Firma Wiking gewählt; das Original stammt vom Landmaschinenhersteller Ropa aus dem bayerischen Herrngiersdorf.

Der "Innovationspreis" in diesem Jahr ging an eine Neuheit namens Siku Racing. Es handelt sich um funkferngesteuerte Modellautos im Maßstab 1:43 plus einem Baukasten-Set für eine Rennbahn. Entweder man lässt die Flitzer, per Mini-Lenkrad und Gashebel ferngesteuert, einfach so über Teppich oder Parkett fegen, oder aber man setzt sie auf die speziellen Fahrbahnteile. Der Clou: Die Streckenabschnitte sind unterschiedlich eingefärbt, während die Autos wiederum einen Sensor am Unterboden haben, der die jeweilige Farbe erkennt. Und dann passiert Folgendes: Je nach Farbe simuliert die Fernsteuerung eine eisglatte Fahrbahn, eine Schotterpiste, Wasserlachen oder eben griffigen Asphalt.

Die Rennautos sind aus Zinkdruckguss hergestellt und daher ziemlich robust. Sie verfügen über eine Federung, es lassen sich unterschiedliche Reifen aufziehen und vier Geschwindigkeiten einstellen. Berse: "Ein sehr durchdachtes System an der Grenze zwischen Sammlermodell und Spielzeug." Am Umgang mit den extrem komplexen, filigranen und teuren Miniaturen wird das natürlich nichts ändern. Für die gilt weiterhin: Mit diesen Autos spielt man nicht.

Mitarbeit: Christian Frahm



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