Modellauto des Jahres Glückliche Dreiecksbeziehung

Die Konstruktion gab es wirklich: Ein Hersteller aus dem Sauerland lieferte in den Fünfzigern seine Kleinwagen auf dem Dach eines VW Bulli aus. Die Nachbildung des Ensembles ist jetzt ausgezeichnet worden.

Delius Klasing Verlag

Von Jürgen Pander


Vor zwei Jahren stieß Peter Brunner auf eine seltsame Schwarz-Weiß-Fotografie. Das Bild, aufgenommen in den Fünfzigerjahren, zeigte einen VW Bulli mit ungewöhnlicher Dachkonstruktion: Auf dem Kleinbus war eine Rampe montiert, und auf der Rampe standen zwei Minimobile - Kleinschnittger F125, Roadster mit 6-PS-Einzylinder-Motörchen von einem Hersteller aus Arnsberg im Sauerland. Peter Brunner, Produktmanager des Spielzeugherstellers Schuco, witterte das Potenzial dieses skurrillen Transporters. Der Bulli mit den beiden Flitzern sollte als Modell verewigt werden.

Brunner hatte offenbar den richtigen Instinkt - denn das Trio mit zwölf Rädern ist jetzt zum "Supermodell des Jahres 2014" gekürt worden.

Der Titel wird seit 24 Jahren von der Fachzeitschrift "Modell Fahrzeug" vergeben, der VW T1 mit den F 125 Kleinschnittger im Maßstab 1:18 beerbt den Lamborghini Avantador im Maßstab 1:8 der italienischen Firma Pocher. Es handelt sich dabei um eine Leserwahl - ähnlich wie beim ADAC-Autopreis "Gelber Engel", der wegen eines Manipulationsskandals in die Schlagzeilen geraten war.

Beim "Supermodell" gehe aber alles mit rechten Dingen zu, beteuert ein Sprecher des Delius-Verlags, in dem "Modell Fahrzeug" erscheint - die Teilnehmer stimmen ausschließlich per Post ab, für die Auszählung in den insgesamt 19 Kategorien sei ein unabhängiges Marktforschungsinstitut zuständig. Für den jüngsten Sieger stimmten demnach 1036 Leser.

Auszeichnung für die Wirtschaftswunderskulptur

Für Schuco-Mann Peter Brunner kommt der Erfolg nicht überraschend, das Set spreche schließlich "VW-Sammler, Bulli-Sammler und Fünfzigerjahre-Sammler an" - eine breite Zielgruppe. Das Gewinnermodell ist eine echte Wirtschaftswunderskulptur: Die Türen des kleinen Bullis lassen sich öffnen, Scheibenwischer und Außenspiegel sind aus verchromten Kunststoff, die putzigen Mini-Minimobile können vom Dachträger abgenommen werden. 229 Euro kostet das 25 Zentimeter lange Exemplar.

Während die Werkzeuge für das Bulli-Modell bereits vorhanden waren, musste die Form für den Kleinschnittger erst hergestellt werden, und das ist aufwendig und teuer. Zunächst wurden von einem Originalauto aus dem Automuseum Busch in Wolfegg mehr als 500 Fotos gemacht und Maße genommen. Bilder und Daten wurden dann an einen Modellbauspezialisten in China übermittelt, der daraus in mehrwöchiger Handarbeit ein Urmodell aus einem Polysterolblock heraus schnitzte.

"So ein fertiges Urmodell wird dann von uns überprüft, meistens gibt es noch ein paar Korrekturen und Änderungswünsche", sagt Brunner. So sind beispielsweise die Räder der meisten Modellautos größer, als sie bei exakter Maßstabstreue sein dürften. "Natürlich ist Originalität das Wichtigste", erklärt Brunner, "doch gerade bei Sammlermodellen muss natürlich auch die Ästhetik stimmen." Fast alle Modellautos, sagt Brunner, werden für Sammler gebaut, nur in Ausnahmefällen landen sie als Spielzeug im Kinderzimmer.

Ein bisschen ärgert sich Brunner im Nachhinein über die kleine Auflage des Bullis mit der Dachlast: Lediglich 1000 Exemplare im Maßstab 1:18 wurden produziert, weitere 1000 gibt es im Maßstab 1:43 (zirka zehn Zentimeter lang). Schon jetzt sei der Bestand so gut wie ausverkauft. "In Deutschland war das Interesse am größten, aber auch in Italien, Frankreich, Holland und Japan herrschte rege Nachfrage", sagt Brunner.

Für Fans des Kleinschnittger F 125 könnte der rasche Ausverkauf bitter sein. Von dem Zweisitzer wurden zwischen 1950 und 1957 knapp 3000 Exemplare gebaut, gut erhaltene Exemplare werden heute für mehr als 10.000 Euro gehandelt. Eine aufwendige Version als Modellauto gab es aber bislang noch nicht.



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insgesamt 12 Beiträge
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Seite 1
ekel-alfred 23.10.2014
1. Hier das Original!
Hier kann man ein Bild des Original "Kleinschnittger Transporters" sehen: http://vintagebus.com/gallery/section/image/2545.JPG Ist schon ein originelles Modell, was Schuco dort aufgelegt hat.
Luckyman 23.10.2014
2.
Der Lkw mit Schneepflug ist kein NAG, sondern ein Büssing-NAG. NAG wurde um 1930 von Büssing übernommen und existierte nur noch als Namenszusatz, aber nicht mehr als Unternehmen.
kommentar4711 23.10.2014
3. Neutralität der Umfrage
So ganz neutral wie der Verlag es darstellt ist die Umfrage leider nicht. Die Auswahl der zur Wahl stehenden Modelle ist vom Verlag bzw. dem Redakteur der ModellFahrzeug leider meist sehr "interessant" vorselektiert.
balticstar 23.10.2014
4. Eine Modellalternative zum selber bauen
Für alle, die noch mit Schere, messer und Kleber umgehen können, gibt es hier eine Alternative - und das sogar kostenlos: http://www.paperdiorama.com/en/download-section/cat_view/34-3d-models/37-cars Das Modell sieht im Regal auch richtig gut aus.
l.schmidt 23.10.2014
5.
Nicht wirklich passender Name. Im Gegenteil war es das "Wirtschaftswunder" und damit die gehobenen Ansprüche der Autokäufer, das für die Firma Kleinschnittiger das Ende besiegelte.
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