Modellautos: Die Stunde der Klein-Wagen

Die Pkw-Branche stöhnt über die Zurückhaltung der Kunden - mit einer Ausnahme: Hersteller von Modellautos bereiten sich zwei Monate vor Weihnachten auf steigende Umsätze vor. Bevor die kleinen Flitzer unter den Baum kommen, haben sie einen langen Entwicklungsprozess hinter sich.

Sechs bis sieben Jahre veranschlagen Autohersteller für die Entwicklung eines neuen Modells. Zwar geht das bei den Spielwarenherstellern schneller. "Doch vergehen auch bei uns mindestens neun Monate von der Idee bis das Auto im Regal steht", sagt Michael Baumgärtner aus der Entwicklungsabteilung von Schuco in Fürth. Die Spielwarenbauer haben ein breiteres Portfolio als BMW oder Porsche: So legt Schuco jedes Jahr 40 neue Modelle auf. Und Wettbewerber Wiking stellt jährlich rund 50 Neuheiten auf die Räder, sagt Verkaufsleiter Andreas Kröber in Lüdenscheid.

Um mit der Entwicklung Schritt zu halten, pflegen die Unternehmen engen Kontakt zu den Fahrzeugherstellern: Weil Mercedes, Opel & Co. zum Verkaufsstart eines neuen Autos auch das entsprechende kleine Modell im Regal stehen haben wollen, geben sie unter strengen Auflagen ihre geheimen Konstruktionsskizzen preis. Nach denselben Daten, nach denen in der Fabrik Bleche und Achsen montiert werden, planten auch die Spielzeughersteller ihre Konstruktionen, erläutert Herpa-Sprecher Daniel Stiegler aus Dietenhofen. Außerdem dürfen sie schon früh die Prototypen der Industrie unter die Lupe nehmen.

"Dafür allerdings wollen unsere Designer am Ende auch noch einmal über das Modell schauen, ob die Form ihren Vorstellungen entspricht", sagt Mercedes-Sprecher Norbert Giesen in Stuttgart. Dass es dabei auch um Geld geht, wird allenfalls unterschwellig bestätigt. Doch verlangen nach Angaben von Andreas Berse, dem Chefredakteur des in Nürnberg erscheinenden Magazins "Modell Fahrzeug", mittlerweile "alle großen Automobilfirmen eine Lizenzgebühr von ein bis 20 Prozent."

Ein Jahr für Vermessung und Entwicklung

Bei Oldtimern sind zwar die Rechte frei. Dafür sei jedoch die Recherche schwierig, sagt Schuco-Entwickler Udo Plichta. Schließlich müsse man die Originale erst einmal auftreiben und dann oft Hunderte von Fotos machen, die später mühsam umgerechnet werden. Um das zu vereinfachen, setzt Schuco neuerdings auf einen mobilen Laserscanner, der in zwei Stunden das komplette 3D-Bild eines Fahrzeugs erstellt.

Sind alle Daten zusammengetragen, werden daraus maßstabsgerechte Modelle entwickelt und in die für die Produktion nötigen Einzelteile zerlegt. Bei einem Modellauto wie dem VW Eos im Maßstab 1:87, der nicht einmal fünf Zentimeter lang ist und keine zehn Gramm wiegt, sind das bereits gut 20 Stück. Und bei einem Feuerwehrtruck wie dem Schlingmann HLF 20/16, den Revell als Bausatz im Maßstab 1:24 anbietet, sind es exakt 257, heißt es beim Hersteller in Bünde.

Zwar braucht auch Revell rund ein Jahr, bis das Auto vermessen, der Bausatz entworfen, das vergrößerte Originalmodell abgesegnet und dann in wieder verkleinerte Einzelteile zerlegt ist. Doch muss sich das Unternehmen wenigstens nicht um die Montage kümmern - schließlich ist das bei einem Bausatz der wichtigste Teil des Spielvergnügens.

Karosserien, kaum dicker als ein Blatt Papier

Wiking & Co. haben es da schwerer. Sie spritzen nach Angaben von Wiking-Manager Kröber für jedes Einzelteil flüssigen Kunststoff mit einer Temperatur von mehr als 200 Grad unter Hochdruck zwischen zwei auf den hundertstel Millimeter genau gefräste Stahlformen, die wie Hüte gestapelt sind und einen Zwischenraum kaum dicker als ein Blatt Papier haben. Purzeln die erkalteten Teile aus der Maschine, werden sie einzeln lackiert, Kühlergrills, Spiegelkappen und Felgen mit einer Metallfolie verchromt und Rennwagen mit den Aufklebern der Sponsoren beklebt, bevor es in die Endmontage geht.

Weitgehend in Hand- und Heimarbeit entstehen dort mit Lupe und Pinzette PS-Miniaturen. "Acht Millimeter große Räder werden auf Achsen von der Dicke eines Büroklammerdrahtes gesteckt, winzige Sitze müssen in den Innenraum geclippt werden, Scheinwerfer, Scheiben, Blinker und Blaulichter aus transparentem Kunststoff werden montiert, und zu guter letzt feiern Karosserie und Bodengruppe wie in der echten Autofabrik "Hochzeit"", erläutert Kröber den Prozess.

Zwar mühen sich die Spielwarenhersteller in der Regel um eine möglichst große Nähe zum Original. Doch nicht immer folgen sie den Vorgaben der Designer. Im Gegenteil: Zum 40. Geburtstag der Modellautoserie "Hot Wheels" hat der US-Hersteller Mattel den Spieß umgedreht und die Autodesigner von Lotus, Ford, Honda oder Chrysler um eigene Entwürfe für die Modelle gebeten.

Und bei Herpa ist man sogar noch weiter gegangen. Dort ist das Fantasiemodell von einer Neuauflage des legendären DDR-Autos Trabant so gut angekommen, dass mittlerweile ernsthaft über den Bau eines echten Autos nachgedacht wird. Anders als beim Modell klappt das aber nicht in neun Monaten.

Thomas Geiger, dpa

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