Modellprojekt Niedersachsen startet "begleitetes Fahren mit 17"

Die Niedersachsen haben genug vom Stop-and-go der Bundesregierung. Im Alleingang startet Verkehrsminister Hirche ein Modellprojekt, bei dem schon 17-Jährige mit Führerschein in Begleitung eines Elternteils auf den Straßen unterwegs sein dürfen.


17-Jährige mit Fahrlehrer: Niedersachsen gibt den Startschuss für das Modellprojekt "bF17"
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17-Jährige mit Fahrlehrer: Niedersachsen gibt den Startschuss für das Modellprojekt "bF17"

Hannover - Das Niedersächsische Verkehrsministerium verliert die Geduld mit der Bundesregierung: "Jetzt reicht es, es geht schließlich um die Sicherheit aller Verkehrsteilnehmer und besonders um die Sicherheit der Fahranfänger", propagiert es das Modellprojekt "bF17" auf seiner Internetseite. "Die endlose Verzögerung durch den Bund zwingt uns zu diesem Vorstoß", sagt Niedersachsens Verkehrsminister Walter Hirche (FDP).

Jugendlichen könnten ab sofort Ausnahmegenehmigungen beantragen, mit denen sie den Führerschein ab 17 Jahre machen dürfen. Nach einer 90-minütigen Einweisung dürfen sie sich dann bis zum 18. Geburtstag nur in Begleitung eines Erziehungsberechtigten hinter das Steuer setzen. In der ersten Phase sind 18 Kreise und kreisfreie Städte beteiligt, am 1. November sollen die restlichen Regionen folgen. Fährt der Jugendliche allein oder nicht mit einem Erziehungsberechtigten, wird ein Bußgeld von 50 Euro und ein Punkt im Verkehrszentralregister fällig, was automatisch zu einem Widerruf der Ausnahmegenehmigung führt.

Seit Jahren seien die Fahrer im Alter von 18 bis 25 Jahren die Risikogruppe Nummer eins, sagte Hirche. "Fast 22.000 Tote und Schwerverletzte sind bundesweit jedes Jahr zu beklagen." Bei den 18- bis 20-Jährigen gab es 2002 durch Unfälle auf Niedersachsens Straßen 97 Tote, bundesweit waren es laut des Bundesamts für Statistik 776. Nach Ansicht der Landesregierung soll durch Beratung und Tipps des Mitfahrers und die Fahrpraxis die Zahl der Unfälle junger Fahrer drastisch gesenkt werden. In Österreich, wo es seit 1999 das Modell L17 gibt, seien die Zahlen um 15 Prozent zurückgegangen.

Der verkehrspolitische Sprecher des ACE, Matthias Knobloch, sagte am Montag, Modellversuche im Ausland hätten gezeigt, dass die Unfallzahlen spürbar nach unten gingen, wenn die Autofahrer schon mit 17 ans Lenkrad dürfen. "Die Unfallwahrscheinlichkeit sinkt auf ein Drittel, nachdem ein Führerschein-Neuling rund 5000 Kilometer gefahren hat." Der ACE gehört seit Jahren zu den Befürwortern des Projekts: "Wir sind froh, dass endlich ein Bundesland Mut hat, den Führerschein mit 17 einzuführen und nicht weiter wartet", sagte Knobloch.

Der ADAC hingegen lehnt den Führerschein mit 17 strikt ab. Der Versuch "begleitetes Fahren mit 17" sei kein geeignetes Modell, sagte ADAC-Sprecher Dieter Wirsich am Montag in München. "Wir rechnen mit einem Anstieg der Unfallzahlen, weil auf einen Schlag eine zusätzliche Altersgruppe in den Verkehr kommt. Das Risikopotenzial steigt." In einer Gefahrensituation könne der vorgeschriebene Begleiter nicht eingreifen und somit einen Unfall nicht verhindern.

Niedersachsen hatte im November über eine Initiative im Bundesrat einen Beschluss der Länder erreicht, der den Bund aufforderte, eine Verordnung für die Einführung eines Modellversuchs zu erlassen. Im Januar hatte Bundesverkehrsminister Manfred Stolpe seinen Widerstand gegen die Einführung eines Modellversuchs aufgegeben. Das mit der Verordnung befasste Bundesjustizministerium führt jedoch noch rechtspolitische Bedenken an.

Antje Blinda



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