Mosler MT900 GTR Fliegende Flunder

Wenn Geld keine Rolle spielt, erfüllen sich Menschen gelegentlich sehr egozentrische Träume. Bei Warren Mosler ist das anders. Damit der US-Investor endlich sein Auto in Le Mans sieht, macht er Träume von anderen wahr und verkauft ihnen exotische Supersportwagen.


Supersportwagen gibt es einige. Und eine ganze Reihe davon schaffen es von der Straße auch auf die Rennstrecke. Doch den umgekehrten Weg gehen nur wenige. Einer davon ist der Mosler MT900 GTR, der als transatlantisches Gemeinschaftswerk nun gerade seine Serienreife erlangt.

Der kraftstrotzende Flügelstürmer basiert auf einem Rennwagen, mit dem der US-Investor Warren Mosler bereits das 24-Stunden-Rennen von Daytona sowie die spanischen und die britischen GT-Meisterschaften gewonnen hat. Doch damit er sich den Traum von der Teilnahme beim legendären Rennen in Le Mans erfüllen kann, muss er – so schreibt es das Reglement vor – erst einmal 25 Autos bauen. Und weil das selbst das Budget eines Finanzgenies übersteigen dürfte, sollen diese Fahrzeuge nicht in seiner Garage, sondern erst einmal bei einer Hand voll exklusiver Händler und später bei begeisterten Sportfahrern stehen. Allerdings braucht das Auto dafür eine Straßenzulassung. "Deshalb wurde der amerikanische Rennwagen in Großbritannien weiterentwickelt und nun in Deutschland noch einmal verfeinert", sagt Christof Flugel, der Inhaber von Mosler Deutschland in Siegen.

Kraftvolles Leichtgewicht

Die Grundprämisse blieb dabei laut Flugel immer die Gleiche: "Wir wollten den schnellsten Serienwagen auf die Rennstrecke bringen." Und dabei meint er nicht die theoretische Höchstgeschwindigkeit und auch nicht die maximale PS-Zahl – zwei Einzeldisziplinen, in denen er den Rekord gerne Autos wie dem Bugatti Veyron überlässt. Sondern ihm und seinem Auftraggeber geht es um das Gesamtpaket aus Beschleunigung, Straßenlage, Leistung und Geschwindigkeit, das letztlich eine gute Rundenzeit ausmache.

Damit dieses Rechnung aufgeht, muss der Flügeltürer vor allen Dingen leicht sein. Deshalb setzen die Entwickler für Chassis und Fahrgastzelle auf eine Wabenstruktur aus Kohlefaser, die mit Rahmen aus Aluminium und Chrom-Molybdän-Stahl verstärkt wird. "Sie hat zwar alle Crashtests mit Bravour bestanden, wiegt aber trotzdem nur 90 Kilo", sagt Flugel. Auch alle anderen Bauteile wurden nach dem Fasten-Prinzip entwickelt: Die Karosserie ist aus Kohlefaser, die Räder sind aus Magnesium, die maßgeschneiderten Sportsitze sind besonders dünn, und selbst die Lautsprecher hat Entwicklungspartner Alpine eigens aus Carbon gebacken. Trotzdem ist der MT 900 GTR kein spartanisches Auto, das kompromisslos auf Funktion getrimmt ist. Eine Klimaanlage und zwei Airbags gehören ebenso dazu wie der kleine Kofferraum, und auf Wunsch kann der Wagen auch mit Leder oder Alcantara ausgekleidet werden.

Theoretisch möglich: Eine Fahrt an einer Tunneldecke

Ebenfalls ein wichtiger Faktor für schnelle Rundenzeiten ist eine ausgefeilte Aerodynamik, die dem Wind möglichst wenig Angriffsfläche bietet. Deshalb ist der MT900 GTR zwar 4,80 Meter lang und fast genau zwei Meter breit, aber mit 1,13 Metern nicht einmal hüfthoch. Außerdem wurde er mit einem großen Frontspoiler, einem gewaltigen Heckflügel aus Carbon und einem von vorn bis hinten durchgestylten Unterboden am Computer und im Windkanal so modelliert, dass sich die Flunder mit zunehmender Geschwindigkeit buchstäblich auf der Straße festsaugt und eben nicht zum Flieger wird. "Der Abtrieb jenseits von 200 km/h ist so groß, dass ein MT900 GTR im Tunnel theoretisch sogar an der Decke fahren könnte, ohne dabei herunter zu fallen", schwärmt Flugel.

Fast schon unspektakulär dagegen ist der Motor, der hinter den Sitzen montiert ist. Statt eines hoch gezüchteten und empfindlichen Rennaggregats gibt es einen alten und bewährten Kämpen aus der Großserie: den V8 der Corvette. Allerdings nehmen die Entwickler von Mosler Deutschland wenigstens die stärkste Version aus dem Sportmodell Z06, die aus ihren sieben Litern Hubraum bei GM 517 PS schöpft.

In Mönchengladbach von elektronischen Reglementierungen befreit und ein wenig besser beatmet, erreicht der Achtzylinder im MT900 GTR gleich 600 PS und bringt über ein Sechsganggetriebe bis zu 637 Nm an die Hinterachse. Weil der Wagen in der leichtesten Version nur 950 Kilo wiegt, ergibt das ein rekordverdächtiges Leistungsgewicht von 1,6 Kilo pro PS. Zum Vergleich: Beim Lamborghini Gallardo muss jedes PS 2,8 Kilo schleppen, beim Porsche 911 sind es 4,3 Kilo und bei einem Opel Astra mit 90 PS sogar 11,3 Kilo.

Entsprechend rasant ist der Renner unterwegs: In 3,1 Sekunden erreicht er Tempo 100 und lässt damit auch Autos wie den Ferrari Enzo oder den Mercedes SLR stehen. Und während der Astra noch immer nicht bei 100 Sachen ist, jagt der Flügelstürmer bereits nach 8,9 Sekunden mit 200 km/h über die linke Spur. Wenn die frei ist, geht es weiter bis 340.

Das Ungewöhnlichste an diesem Auto sind aber weder die Form noch die Fahrleistungen, sondern der Preis von 179.500 Euro. Zugegeben, für ein ambitioniertes Spielzeug für erwachsene Kinder ist das natürlich eine ganz ordentliche Summe. Doch gemessen an seinen teilweise mehr als doppelt so teuren Konkurrenten ist der Mosler fast schon ein Schnäppchen. Und seltener als Enzo und SLR ist er obendrein. Denn mehr als weltweit 75 Autos wird es nicht geben.



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