Motorrad-Leichenwagen Letzte Ausfahrt

Manche Motorradfahrer wollen partout niemals in ein Auto - nicht mal nach ihrem Tod in den Leichenwagen. Der Schotte Paul Sinclair hat eine Lösung: Er ermöglicht eingefleischten Bikern einen Abgang auf zwei Rädern.


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Leichenwagen-Motorrad: Begräbnis mit dem Bike
Paul Sinclair war schon auf zahllosen Beerdigungen gesehen, von Berufs wegen. Der Mann aus Measham in der englischen Grafschaft Derbyshire ist Pfarrer der Elim Pentecostal Church. Er hat schon viele Mitglieder seiner Pfingstgemeinde auf ihrem letzten Weg begleitet und verfügt in Trauersachen somit über eine gewisse Routine. Doch eines Tages war alles anders.

Ein befreundeter Motorradfahrer wurde beigesetzt, und als Sinclair sah, wie dessen Sarg in den Leichenwagen geschoben wurde, da spürte er: Hier stimmt etwas nicht. Der Freund war sein Leben lang überzeugter Motorradfahrer gewesen. "Er gehörte einfach nicht einen Leichenwagen hinein", fand Sinclair.

Der Gedanke ließ ihn nicht los. "Niemand würde für einen Katholiken ein muslimisches Begräbnis abhalten oder einem gerade verstorbenen Liverpool-Fan ein Arsenal-Trikot anziehen. Also warum sollen Leute, die Motorräder liebten, ihre letzte Fahrt in einem Auto zurücklegen?"

Triumph oder Hayabusa?

Sinclair fährt selber Motorrad, aus Leidenschaft. Gegenwärtig bewegt der Pfarrer eine Triumph 955i Speed Triple. Seit sieben Jahren bietet Sinclair hingeschiedenen Motorradfreaks eine ungewöhnliche letzte Reise an: Er fährt ihren Sarg im patentierten Seitenwagen zum Friedhof. Je nach Vorliebe der Verstorbenen steuert Sinclair dabei eine Harley Davidson, eine Suzuki Hayabusa, eine Classic Style oder eine Café Racer Triumph.

Sinclair hatte vor einigen Jahren Geschichten über einen verrückten Kerl in Australien gehört, der an seine Harley Davidson ein Holzbrett geschraubt hatte. Auf diesem Brett soll er Särge zum Friedhof transportiert haben. Die Idee fand Sinclair grundsätzlich gut. Aber einen Sarg auf einem Brett am Motorrad zu transportieren, fand er der eher wertkonservative Pfingstgemeindler dann doch etwas unpassend und unenglisch. Eine Beerdigung sollte schließlich pietät- und respektvoll sein.

Sinclair grübelte über das Problem nach. Als er nach einem Motorradunfall 2001 monatelang nicht arbeiten konnte, machte er Pläne für das motorcycle furniture, wie er sein Produkt heute nennt. Sinclair entwarf einen Seitenwagen, verkaufte sein Haus, lieh sich zusätzlich Geld von einem Freund und ließ den ersten Prototypen bauen.

Anscheinend hatten die Engländer nur auf seinen Service gewartet. Noch bevor der erste Seitenwagen-Leichenwagen fertig war, gingen bei Sinclair bereits die ersten Anmeldungen ein.

Für jeden Fahrstil ist etwas dabei

Bevor Sinclair seine Berufung als Pfarrer entdeckte, war er Metallarbeiter auf einer Schiffswerft. Nachdem der erste Seitenwagen fertig war, stellte sich der handwerklich versierte Sinclair ein Team aus Spezialisten zusammen, zu dem auch ein ehemaliger Rennmechaniker gehörte. Seitdem baut seine Firma Motorcycle Funerals die Seitenwagen in Eigenregie.

Nach einigen Anfangsschwierigkeiten wusste der Tüftler worauf es ankommt. Die motorcycle hearses besitzen ein Glasdach, vier großzügige Fenster und Innenbeleuchtung, damit Blumen und Artefakte auch bei schlechtem Wetter sichtbar sind. Auf dem Dach befindet sich eine Chromleiste, damit Blumen und Kränze befestigt werden können. Die Seitenwagen verfügen ferner über ein Belüftungssystem, damit die Scheiben nicht beschlagen sowie eine Temperaturregelung für warmes Wetter.

Sinclairs Service nutzen nicht nur begeisterte Motorradfahrer. Der 44-Jährige berichtet, es habe sogar schon Kinder gegeben, die mit dem Seitenwagen transportiert wurden und eine alte Dame. Die hatte in ihrem Leben nie Motorradfahren gelernt und wollte wenigstens einmal mit einem Zweirad fahren.

Noch einmal die Lieblingsstrecke fahren

"Die Stimmung bei Motorrad-Beerdigungen ist immer besonders", findet Sinclair. Wenn ältere Menschen dabei seien, erinnerten diese sich an die Zeiten, als Motorräder mit Beiwagen noch zum alltäglichen Straßenbild gehörten. An manchen Tagen begleiten Hunderte von Motorradfahrern einen Freund auf seiner letzten Fahrt. "In der Regel ist die Atmosphäre entspannter, irgendwie glücklicher, man begegnet vielen lächelnden Gesichtern", sagt der Pfarrer.

Wenn der Verstorbene eine Lieblingsstrecke hatte, fährt Sinclair sie noch einmal im Schritttempo mit dem Sarg ab. Seine längste Route war 260 Kilometer lang. Seine kürzeste hatte gerade mal die Länge eines Hauses. Die Familie des Verstorbenen lebte direkt neben dem Friedhof.



insgesamt 18 Beiträge
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Seite 1
C.Jung 30.01.2010
1. +
Das hat Stil.
GertL, 30.01.2010
2. einen Abgang auf zwei Rädern
Auch wenn man es auf den Fotos nicht sieht: Es sind drei Räder.
ratbag 30.01.2010
3. .
Zitat von GertLAuch wenn man es auf den Fotos nicht sieht: Es sind drei Räder.
Klar. Aber mal ehrlich. Das Ding wäre ja sonst recht kippelig und würde auffem Asphalt schleifen. Das Geräusch wäre sicher nervig. Die Idee ist ansich richtig gut. Auch die unenglische aus Downunder. Ich werde das mal unserem Bestatter am Ort erzählen. Vielleicht läßt sich da ja was machen.
fitzke 31.01.2010
4. Einfach wunderbar
Typisch englisch, aber einfach wunderbar. Ich fahre auch sehr gerne Motorrad und würde mir dies in Deutschland auch wünschen bei meinem letzten Weg. Was will man darüber auch weiter diskutieren, der Tod kommt, ob man will oder nicht.
maximoe, 31.01.2010
5. letzte Fahrt nicht nur in England für Biker
Vor etlichen Jahren habe ich so ein Gefährt auf eine Fachausstellung in Italien gesehen. Der Lieferant und Hersteller war die Firma INTERCAR aus der Nähe von MODENA in Italien. Italienisch gestylt und ich glaube mit Harley motorisiert
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