Motorrad-Sicherheit Polster, Protektoren und Plastikpneus

Motorradfahrer sind im Straßenverkehr besonders gefährdet. Weil ihnen im Fall einer Kollision keine Karosserie Schutz bietet, tüfteln manche Hersteller an anderen Systemen zur Risikominimierung. Jüngste Entwicklungen sind ein Airbag sowie ein Hals- und Schulterschutz.


Aktive und passive Sicherheitssysteme für Motorradfahrer haben eins gemeinsam: Sie existieren kaum. Zwar hat sich in den vergangenen Jahren sowohl an den Maschinen (etwa die Verbreitung von ABS) als auch bei der Bekleidung (Motorradanzüge mit Protektoren, optimierte Helme) manches verbessert, doch die wesentliche Problematik lässt sich einfach nicht beseitigen. "Motorradfahrer und -beifahrer sind 'Aufsassen', und nicht wie beim Auto 'Insassen'", sagt Achim Kuschefski, Leiter des Instituts für Zweiradsicherheit e.V. in Essen. Daran lasse sich auch nichts Grundsätzliches ändern, "weil sonst das Motorradfahren im eigentlichen Sinne" stark eingeschränkt oder beschnitten würde.

Motorrad-Airbag: Das Sechszylinder-Modell Gold Wing gibt es bald mit Luftsack

Motorrad-Airbag: Das Sechszylinder-Modell Gold Wing gibt es bald mit Luftsack

Hersteller wie Honda, BMW und KTM versuchen dennoch den Spagat: Motorradfahrer besser zu schützen, dadurch aber nicht das besondere Fahrgefühl zu beeinträchtigen. Die Japaner haben dazu als weltweit erste Firma einen Motorrad-Airbag zur Serienreife entwickelt. Im nächsten Frühjahr soll das System im Modell Gold Wing zunächst in den USA auf den Markt kommen, kurz darauf dann auch in Deutschland. Im Prinzip funktioniert der Luftsack wie bei einem Auto auch: Vier Sensoren in der Vorderradgabel messen ständig die Daten über die augenblickliche Beschleunigung oder Verzögerung des Motorrads. Die Daten werden von einer Steuereinheit permanent ausgewertet. Wird ein kritischer Wert registriert, löst ein elektrisches Signal die Gaspatrone aus und binnen 0,06 Sekunden entfaltet sich der Luftsack vor dem Motorradfahrer.

Der Airbag könne "die Bewegungsenergie des Fahrers in Vorwärtsrichtung absorbieren" und gleichzeitig "die Geschwindigkeit, mit der der Fahrer vom Motorrad weggeschleudert wird, reduzieren", erklärt Honda die Wirkung des Systems. Sicherheitsfachmann Kuschefski begrüßt die Entwicklung grundsätzlich, schränkt aber zugleich ein: "Die schützende Wirkung des Honda-Airbags ist exakt auf einen Kollisionstyp, den des Frontalzusammenstoßes, definiert. Unter diesen Aspekten scheint das Ergebnis funktional. Wie sich der Airbag im Realgeschehen bewährt, bleibt abzuwarten."

Hals- und Nackenschutz: BMW und KTM bringen diesen Spezialprotektor zu Serienreife

Hals- und Nackenschutz: BMW und KTM bringen diesen Spezialprotektor zu Serienreife

Auf dem Sprung in den Alltag von Motorradfahrern ist auch ein neues Schutzsystem für die Halswirbelsäule, das von BMW und KTM gemeinsam entwickelt wurde. Zwar hatten die Ingenieure des bayerischen und österreichischen Motorradherstellers zunächst Enduro- und Rallyefahrer im Visier, doch sei eine weitere Verbreitung durchaus denkbar. "Das Konzept ist viel versprechend. Wenn das System unsere Erwartungen weiter erfüllt, kann ich mir gut vorstellen, dass wir es in Serie bringen", sagt Herbert Diess, Leiter BMW Motorrad.

Der Protektor aus Carbonfiber, Dämpfungsmaterial und Titan sitzt wie ein breiter Kragen auf den Schultern des Motorradfahrers und soll verhindern, dass bei einem Sturz der Kopf zu sehr nach vorne, hinten oder zur Seite gedehnt wird. Zudem sollen Halswirbelsäule und Schlüsselbein besser als bislang geschützt werden. Entwickelt hat das komplexe Gestell übrigens der südafrikanische Mediziner Chris Leatt, der unter anderem als betreuender Arzt die Motorrad-Rennserien in Südafrika begleitet.

Einen Schritt zu mehr Sicherheit für Zweiradfahrer, in diesem Fall speziell für Rollerfahrer, plant auch der Reifenhersteller Michelin. Die Franzosen entwickeln derzeit einen pannensicheren Pneu namens "Airless Scooter". Statt Luft befinden sich im Innern des Reifens mehrere kreisrunde Scheiben aus "hochelastischen Verbundstoffen". Auf diesen Scheiben rollt der Roller dann letztlich, und Michelin verspricht, dass sowohl der Abrollkomfort, die Dämpfung und die Bodenhaftung mit denen eines herkömmlichen Luftreifens vergleichbar seien. Marktreif wird der "Airless Scooter" allerdings, so räumen die Franzosen ein, erst in "einigen Jahren" sein.

Diskutiert wird in der Motorradszene derzeit auch über die Benachteiligung der Biker durch das neue Tagfahrlicht-Gebot für Autofahrer, das möglicherweise auch in Deutschland - wie bereits in anderen Ländern - zum Tagfahrlicht-Gesetz ausgeweitet wird. Um dann den Sichtbarkeits- und damit Sicherheitsvorsprung von Motorrädern, die bereits bislang stets mit eingeschaltetem Licht fahren müssen, wieder herzustellen, denken einige Verkehrsexperten bereits über ein neues "Motorradlicht" nach. Möglicherweise erhalten Bikes in Zukunft gelbe oder orange Tagfahrleuchten - oder sogar flackernde Lichter. Hauptsache, sie werden nicht mehr so oft von Autofahrern übersehen, denn das ist nach wie vor das größte Risiko, dem Motorradfahrer ausgesetzt sind.



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