Motorradfahrer in Russland Die Stubenrocker

Da parkt ein Bike auf dem Flur: Ein Fotograf hat in Russland Menschen besucht, die ihr Motorrad mit in die Wohnung nehmen. Sie schützen es so vor Kälte und Dieben - und sich selbst vor Einsamkeit.

Valeriy Zaytsev

Ein Interview von


SPIEGEL ONLINE: Herr Zaytsev, Ihre Fotostrecke trägt den Titel "Mototoxemia". Was soll das sein?

Valeriy Zaytsev: Es ist eine Art Krankheit von Motorradfahrern, die sich im Winter einsam fühlen. In Russland ist das ein gängiger Begriff. Es gibt sogar Lieder, die sich mit dem Gefühl, monatelang ohne Motorrad zu sein, beschäftigen. Mototoxemia ist vergleichbar mit einer Art Drogenentzug, die Leute waren über Wochen im Rausch und müssen erst einmal wieder runterkommen. Manche versuchen die Dosis zu Beginn noch leicht zu halten, indem sie mit Motorradkleidung zum Einkaufen gehen. So bleibt ihnen ein bisschen vom Rauschgefühl, ein Biker zu sein. Andere fallen direkt in eine Winterdepression.

SPIEGEL ONLINE: Das klingt ein bisschen verrückt.

Zaytsev: Manche Biker sind auf jeden Fall ein bisschen verrückt, aber auf eine eher positive Art. Sie verehren ihr Motorrad wie einen Fetisch. Für sie wird das Motorrad zu einem guten Freund, einem Mitbewohner sozusagen.

Zur Person
    Valeriy Zaytsev, 1987 in Russland geboren, ist ein Fotograf aus Sankt Petersburg. Er selbst fährt kein Motorrad.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben Menschen fotografiert, die ihre Motorräder im Wohnzimmer abstellen. Lindern sie so ihre Mototoxemia?

Zaytsev: Ja, diese Leute wollen ihr Motorrad in der Nähe haben, am besten sogar direkt daneben einschlafen. Wenn die kalte Jahreszeit anbricht, werden viele Motorradfahrer sentimental.

Ekaterina aus St. Petersburg teilt sich ihre 50 Quadratmeter große Wohnung mit ihrem Bike
Valeriy Zaytsev

Ekaterina aus St. Petersburg teilt sich ihre 50 Quadratmeter große Wohnung mit ihrem Bike

SPIEGEL ONLINE: Gibt es weitere Gründe, warum Motorräder im Wohnzimmer stehen?

Zaytsev: In den vergangenen Jahren ist der Markt für Motorräder stark gewachsen, die Bikes werden immer beliebter. Die Verkäufer bieten vor den eisigen Wintermonaten großzügige Rabatte an, 20 bis 25 Prozent sind üblich. Allerdings gibt es kaum sichere Abstellplätze, Diebstahl ist hier in Sankt Petersburg ein großes Thema, deswegen sind die eigenen vier Wände bei manchen Fahrern ein nützlicher Lagerort.

SPIEGEL ONLINE: Gehört das Motorrad bei diesen Leuten zur Familie?

Zaytsev: Bei manchen wohl schon. Beispielsweise bekommen die meisten Motorräder von ihren Besitzern einen Namen. Die Dinger werden geputzt und gepflegt. Es ist fast wie mit einem Baby - rund um die Uhr wird sich gekümmert.

SPIEGEL ONLINE: Kann das Motorrad die Beziehung zu einem Menschen ersetzen?

Zaytsev: Das Motorrad ist ein Instrument zur Sozialisierung. Denken Sie an die Sommersaison: Fast jedes Wochenende fahren Biker raus, treffen andere Leute, andere Gruppen, sie kommen ins Gespräch, verabreden sich für einen Trip und lernen gemeinsam neue Routen oder andere Städte kennen. Bei vielen meiner Besuche im Winter hatte ich das Gefühl, die Leute sind sehr einsam, wenn sie nicht draußen auf der Straße sein können.

SPIEGEL ONLINE: Jetzt wird es bald wieder Sommer.

Zaytsev: Ja, und damit scheint die Mototoxemia besiegt zu sein. In Sankt Petersburg sind die ersten Verrückten wieder unterwegs: In der vergangenen Woche hatte ich eine Gruppe mit kurzen Jacken auf Sporträdern gesehen, das Thermometer zeigte gerade einmal knapp über null Grad. Es schneite sogar ein bisschen.

Mutter mit Kleinkind, Geschäftsmann oder eine Studentin in einer 15-Quadratmeter-Wohnung - hier sehen Sie die Fotos von Valeriy Zaytsev:

Fotostrecke

12  Bilder
Motorradfahrer in Russland: Maschine als Mitbewohner


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insgesamt 30 Beiträge
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felisconcolor 12.04.2017
1. Cooler
Artikel und schöne Bilder. Hätte mein Bike auch gern über Winter im Wohnzimmer, Platz dafür wäre genug. Aber meine "Dicke" (260kg trocken) die enge Treppe hoch und wieder runter.... Dafür hat sie einen schönen Garagenplatz. Ja Biker haben schon nen Vogel, aber nen schönen. Können und müssen andere Menschen nicht verstehen.
textuntertexter 12.04.2017
2.
..und dafür musstet Ihr nach Russland? Hättet Ihr auch lokal haben können. [IMG]http://www.bilder-upload.eu/thumb/29ba7c-1491970403.jpg[/IMG] (http://www.bilder-upload.eu/show.php?file=29ba7c-1491970403.jpg)
eunegin 12.04.2017
3. sicher ist sicher
Als "sonstiger Verkehrsteilnehmer" fühle ich mich auch sicherer, wenn die Motorräder von der Straße sind ;-)
valmel 12.04.2017
4.
Ist der Artikel Satire? Reifen abmontiert, damit nichts schmutzig wird, aber die gefettete Kette liegt auf dem Boden? In Mopedklamotten einkaufen gehen? Neben dem Motorrad einschlafen? Also, ich freue mich ja auch immer auf die ersten Ausfahrten, aber das scheint mir an den Haaren herbeigezogen.
l/d 12.04.2017
5. Ok, das mit dem Motorrrad verstehe ich,
aber warum muss die Tür so dreckig sein? Ein wenig Hygiene und Kultur sollten bei aller Freude übers Mopedfahren noch drin sein. Sgrassatore - und alles ist weg in 20 Sekunden :-) Adresse her, ich schicke ihm eine Sprühflasche von dem Zeugs. Trinken kann man es aber nicht, sonst ist man gleich selbst weg.
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