Auf dem Papier sehen die Zahlen der Intermot ganz gut aus. Alle wichtigen Hersteller waren bei der - neben der Mailänder Eicma - wichtigsten europäischen Motorradmesse vertreten. Mehr als 203.000 Besucher strömten in die Hallen der Messe in Köln, die am Sonntag zu Ende ging. Die "Faszination Motorrad ist ungebrochen", so das offizielle Resümee, und ziehe wieder "mehr junge Menschen als bisher" an.
Dass diese Lobhudelei nur bedingt stimmt und es nicht für alle Grund zum Jubeln gibt, zeigte bereits am Eröffnungstag das weitaus größte, bunteste und wichtigste Event der Messe: die Vorstellung der neuen BMW R 1200 GS.
Die bayerische Groß-Enduro ist seit dreißig Jahren das Maß, an dem sich andere Hersteller von mehr oder weniger geländegängigen Reisedampfern messen lassen müssen. Außerdem ist sie der Verkaufsschlager der Münchener. Diese Maschine komplett zu erneuern, ist ein großer Schritt - Erfolg oder Misserfolg sind entscheidend für den jährlichen Bilanzerfolg von BMW Motorrad.
Rockstar auf der Bühne
Entsprechend fuhr BMW auf der diesjährigen Intermot auf. Der Stand hatte gefühlt die Größe eines Fußballfeldes. Hunderte von Schaulustigen standen dicht gedrängt; Fotografen füllten die weit geschwungene Treppe, die zu den begehrten Dachplätzen führt.
Während junge Menschen mit eingeölten Oberkörpern wilde Rhythmen trommelten, bugsierten zwei Fahrer und eine Fahrerin die neue Maschine auf die Bühne. Es wurde gerangelt und gedrängelt, als zählten die ersten Blickkontakte und Shots mit dem iPhone und nicht die Fakten: geänderter Rahmen, volle Elektronisierung, semi-aktives Fahrwerk und ein neuer, wassergekühlter Motor mit 1170 Kubik, 125 PS und 125 Newtonmetern Drehmoment. Einer der Entwickler sagte: "Alles neu. Du fühlst dich wie ein König im Sattel."
Der Konkurrenz blieb nicht viel übrig, als der Inszenierung zuzuschauen - dafür schickten die anderen Hersteller ihre Beobachter aber gleich in Kompaniestärke vorbei: Die giftgrüne Fraktion von Kawasaki, die Pressemannschaft von Honda, ein roter Block von Ducati, die Harley-Truppen und das orange Team von KTM.
Europa fährt davon
Fakt ist: BMW hat zusammen mit den anderen Europäern aus England und Italien den japanischen Herstellern die Führungsrolle abgenommen. Honda mag nach wie vor durch die lawinenartige Roller- und Kleinkraftradproduktion in Asien Weltmarktführer sein, mit der CB 1000 die Retro-Freunde entzücken und sich mit den bezahlbaren NC 700-Modellen um den Motorradfahrer-Nachwuchs auch in Deutschland kümmern. Doch wie man moderne Motorräder fürs Herz des Premium-Publikums baut, das weiß man in Japan zur Zeit nicht.
Das spiegelte sich auch im Besucherandrang bei den Herstellerpräsentationen auf der Intermot wieder. Als Yamaha zur Vorstellung bat, geriet die dünn besuchte Veranstaltung hart an den Rand der Peinlichkeit. Zwanzig Minuten gestanzte Erfolgsmeldungen, dann einige Grußworte von MotoGP-Pilot Jorge Lorenzo, bevor man zu den Neuheiten kam: Eine neue Racing Blu-Dekorfarbe, da und dort etwas Elektronik und ein ABS, welches es bei den Konkurrenten seit Jahren gibt.
Lebhafter Elektromarkt
Highlight am Yamaha-Stand war eine bläulich illuminierte Motorrad-Anmutung aus zwei Rädern, viel Silberdraht und einem Dreizylindermotor-Modell, aus der in drei Jahren mal ein fahrbarer Untersatz werden soll. Das hat womöglich einen höheren künstlerischen Wert, aber Biker beeindruckt man damit nicht. Hoffentlich legt Yamaha auf der Eicma, die Mitte November in Mailand öffnen wird, noch etwas nach - obwohl dort die Aufmerksamkeit wohl ungetrübt Ducati, Moto Guzzi und Aprilia gelten wird.
Wie man mit den insgesamt kleiner und diversifizierter werdenden Märkte umgeht, hat in Köln KTM vorgemacht: Flucht nach Vorne. Die treten sie mit den beiden neuen 1190 Adventure-Modellen mit 150 PS und 125 Nm an. Während die Normalversion mit Straßenfelgen mehr den Landstraßen-Enduristen ansprechen soll, ist die R-Version mit dem 21er-Vorderrad und diversen Offroad-Accessoires auch im Gelände einsetzbar. Auch Ducati spreizt so die Palette: Das Multitalent Multistrada wird in der Granturismo-Version zur möglichen Wahl für Langstrecken-Reisende.
Viel zu wenig wahrgenommen, aber richtungweisend wurden in Köln die Entwicklungen bei der Kurzstrecke, sprich die Stände der beiden Elektromotorrad-Spezialisten Zero und Brammo. Was vor zwei, drei Jahren noch nach gehobener Bastelarbeit und nach ökologisch angehauchter Variante der rasanten Investitionsvernichtung aussah, hat sich bei Zero inzwischen zu einem qualitativ hochwertigen Fahrzeug mit ansprechendem Design entwickelt.
Der Clou: Im Stadtverkehr soll das Zero-Spitzenmodell DS inzwischen eine Reichweite von 200 Kilometer knacken. Brammo hingegen setzt nicht auf absolute Reichweite, sondern auf die Transformation des Motorrad-Feelings: Das Spitzenmodell Empulse, das im Juni 2013 auf den deutschen Markt kommen soll, hat zwar einen E-Motor, aber ein konventionelles Schaltgetriebe nach dem Motto: Wenn schon nur noch säuseln, dann wenigsten noch klacken.
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