Vor ein paar Jahren war die Autoshow in Moskau noch eine B-Messe mit weitgehend lokaler Besetzung. Jetzt fliegen die Vorstände aus den Konzernzentralen aus aller Welt ein. Der Grund ist einfach: Die Autokonjunktur im Osten ist derart stabil, dass sie der Rettungsanker einer ganzen Branche ist.
Im vergangenen Jahr lag das Plus bei 39 Prozent, meldet die Vereinigung Europäischer Unternehmen in Russland. In diesem Jahr wiederum soll der Neuwagenabsatz von 2,6 auf 2,8 Millionen Pkw klettern. Vom Boom profitieren auch die deutschen Hersteller. "Hier wollen wir unsere Einbußen aus anderen Regionen kompensieren", sagt Opel-Vertriebsvorstand Alfred Rieck.
Es ist fast schon paradox: Während hierzulande ständig über Werksschließungen geredet wird, kündigen die Hersteller für Russland den Bau neuer Werke an. Ford, Opel und VW bauen Autos wie den Focus, die Astra-Limousine oder eine Polo-Limousine bereits im Osten, und BMW hat ein Montagewerk in Kaliningrad; nun kommt auch Audi mit einer lokalen Montage der SUV-Modelle Q5 und Q7 dazu. Außerdem zieht VW am Standort Kaluga jetzt für 250 Millionen Euro noch ein Motorenwerk hoch.
Öko? Noch nie gehört!
Viele Hersteller ehren deswegen die Moskauer Messe auch mit Premieren, die sie sich sonst für andere Shows aufgehoben hätten. Mazda enthüllte die neue Mittelklasselimousine Mazda 6 in Moskau. "Nach Amerika ist Russland für dieses Auto der wichtigste Markt", begründet Verkaufschef Yuji Nakamine die Ortswahl für die Premiere.
Opel zeigt dort den überarbeiteten Kompaktwagen Astra, den es jetzt auch als Stufenheckvariante gibt. Diese Variante spielt in den Osteuropa-Plänen der Vertriebsleute die Hauptrolle, denn Russland ist ein Limousinenmarkt. Da ist es nur logisch, dass dieser Astra-Typ ausschließlich in einer GM-Fabrik in St. Petersburg gebaut und von dort übrigens in ein paar Wochen auch nach Deutschland exportiert wird.
In gewisser Hinsicht ist Russland auch ein Paradies für viele Hersteller, die sich wenigsten dort mit den für sie anstrengenden Anforderungen des Mobilitätswandels nicht rumplagen müssen. Kleinwagen? Sind hier kein Thema. Elektroautos? Vollkommen uninteressant. "In Russland interessiert sich einfach noch niemand für Effizienz oder Ökologie", erklärt Wladimir Widulow vom Marktbeobachtungsunternehmen Jato Dynamics.
Stau der Luxuskarossen
Weil der Liter Sprit selbst nach einem satten Preisanstieg umgerechnet nicht einmal 80 Cent kostet und die Einführung der Euro-4-Abgasnorm gerade auf 2014 verschoben wurde, kann die Autoindustrie hier noch Autos verkaufen wie vor 20 Jahren. Entsprechend dick fährt sie auf der Messe auch auf.
Audi zum Beispiel zeigt erstmals den überarbeiteten Sportwagen R8. Bentley schickt trotz eines generellen Tempolimits in Russland von 110 km/h den Continental GT Speed auf die Bühne, das mit 330 km/h schnellste Serienmodell der bisherigen Firmengeschichte. Und Mercedes bietet den Luxus-SUV GL nicht zuletzt für die Oligarchen der Region zum ersten Mal als AMG-Modell an. "Wahrscheinlich verkaufen wir dieses Auto nirgends besser als in Russland", prophezeit Vertriebsvorstand Joachim Schmidt.
Die Hoffnung ist nicht unbegründet. Auf den sechs- oder achtspurigen Prachtstraßen der Hauptstadt stauen sich vor allem die Nobelschlitten aus dem Westen: Die Mercedes S-Klasse sieht man rund um den Roten Platz so oft wie hierzulande die zwei Nummern kleinere C-Klasse, der Range Rover ist ein Trendmobil in Moskau, und selbst Nischenmarken wie Infiniti oder Lexus kommen hier groß raus. Der Rubel rollt für die Luxushersteller, die auf der Messe nur zu gern den aktuellen Nachschub präsentieren.
Paradies für SUVs
Vor allem die SUV-Spritschleudern erfreuen sich in Russland großer Beliebtheit. Auf der Messe drängen die Besucher zwar, wie überall sonst auf der Welt auch, um Supersportwagen und Extremrenner. Doch im richtigen russischen Leben ist das Autoideal vor allem sehr hoch und sehr breit. Miserable Straßen, sechs Monate winterliche Verhältnisse und ein rücksichtsloser Fahrstil sind wohl die Gründe, weshalb Moskau wirkt wie die Welthauptstadt der Geländewagen.
Im Rest von Russland sehe es ganz ähnlich aus, so dass Allradautos auf einen Marktanteil von etwa 30 Prozent kommen, sagt Jato-Experte Widulow. "Das gibt es nirgendwo sonst auf der Welt, die USA eingeschlossen."
Der heimliche Star der russischen Verkaufsstatistiken allerdings geht auf der Messe nahezu unter. Jeder fünfte Neuwagen in Russland nämlich ist ein Lada aus dem Werk in Togliatti, das weiterhin als die größte Autofabrik der Welt gilt.
Motoren für Millionen
Dass der frisch frisierte Kalina - mit knapp 70.000 Zulassungen im ersten Halbjahr unangefochtener Marktführer - und die durchaus ansehnliche Crossover-Studie X-Ray dennoch auf der Messe untergehen, wundert Widulow allerdings. "Es liegt an der Wohlstandsverteilung im Land", sagt er. "Hier in Moskau, wo sich 80 Prozent der Wirtschaftskraft ballen, gibt es viel mehr Geld."
Während der Marktanteil von Lada in Provinzen wie Tatarstan weit über 50 Prozent liege, betrage er in Moskau weniger als fünf Prozent, sagt Widulow. Dieses Schicksal teilen auch andere Ost-Marken wie der Geländewagenhersteller UAZ oder die ukrainische Firma ZAZ. Auf der Messe buhlt der Hersteller - dessen Autos in der DDR als "Taigatrommel" geschmäht wurden - mit leicht bekleideten Hostessen um Aufmerksamkeit und versucht so davon abzulenken, dass den Fahrzeugen jeglicher Sexappeal abgeht.
Egal ob Luxus für den Oligarchen oder Lada für Iwan-Normalverbraucher - die Perspektiven für Autohändler im größten der Land der Erde sind bestens. Es scheint daher nur eine Frage der Zeit, bis Russland Deutschland an der Spitze der europäischen Zulassungstabelle ablöst. "Spätestens 2020 knacken wir die Drei-Millionen-Marke", sagt Widulow zuversichtlich. Wohl den Herstellern, die dann genügend fette SUV-Modelle im Sortiment haben.
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