Mulholland Drive: Nachts über die Straße der Finsternis

Aus den Hollywood Hills berichtet Tom Hillenbrand

In Amerika ist er ein Mythos: Der Mulholland Drive schlängelt sich nördlich von Los Angeles durch die Hügel von Hollywood. Vielen Einheimischen sind die abgelegenen Serpentinen unheimlich. Wer hier in tiefschwarzer Nacht eine Spritztour wagt, versteht, warum das so ist.

Als Sie im Flieger nach Los Angeles saßen, da freuten Sie sich auf Hollywood, den Baywatch-Strand, die schrägen Schausteller in Venice. Jetzt wird Ihnen klar, dass sie die Rechnung ohne den Reiseveranstalter gemacht haben. Er hat Sie in ein Hotel in Downtown gesteckt. Downtown, das klang zentral - in Wahrheit ist kaum ein Punkt von Südkaliforniens interessanten Locations so weit entfernt wie die Innenstadt von L.A.

Außerdem setzt Ihnen der Jetlag zu; es ist vier Uhr nachts, an Schlaf ist nicht zu denken. Sie schauen hinaus, sehen die Hollywood Hills in der Ferne - und den Autoschlüssel, der auf dem Fensterbrett liegt. Plötzlich wissen Sie, was zu tun ist. In L.A. Auto zu fahren kann eine nervtötende Angelegenheit sein; nachts um vier ist es ein Vergnügen. Die Straßen sind breit, der Verkehr ist spärlich. Vom Hotel geht es auf den 101, den Hollywood Freeway. Sie können Ihren asiatischen Leihwagen ruhig ein bisschen treten. Um diese Zeit stört das niemanden.

Der König des Hügels

Es geht den Freeway entlang, nach Norden, Richtung Burbank. Etwa auf Höhe des Hollywood Reservoir heißt es abfahren. Hier beginnt der Mulholland Drive. Die meisten verbinden damit einen David-Lynch-Film, der den Untertitel "Straße der Finsternis" trägt. Sobald Sie den Drive emporklettern, verstehen sie, warum. Dieser über 15 Kilometer langen Serpentine haftet etwas Düsteres an. Sie führt durch die Hollywood Hills, ist dicht mit Büschen bewachsen und unbeleuchtet.

Angeblich gibt es übermotorisierte Halbstarke, die nachts den Drive hinaufhetzen, im Wettbewerb um den Titel "King of the Hill". Es ist nicht vernünftig, hier schnell zu fahren, da man den Gegenverkehr viel zu spät sieht. Es gibt aber einen unerklärlichen Drang, es trotzdem zu tun, diese verwunschene Straße entlangzuschießen. Wenn Sie Gas geben, fühlen Sie sich wie in der Achterbahn. Der Rollercoaster im benachbarten Disneyland heißt schließlich nicht umsonst "Mulholland Madness".

Hügel in Flammen

Zügeln Sie sich, sonst verpassen Sie das Beste: die Aussichtspunkte. Es gibt etwa ein halbes Dutzend, auf der Nord- und der Südseite der Straße. Der erste ist gleich der beste. Steigen Sie aus und genießen Sie den Blick über West Hollywood und die Downtown von Los Angeles. Der Nervenkitzel ist sogar beim Parken inklusive: Eigentlich ist es des Nachts verboten, an einem scenic overlook zu halten. Aber um diese Zeit sind vermutlich auch die bösen Jungs längst im Bett.

Im weiteren Verlauf wird der Mulholland Drive ein bisschen zahmer. Die Zahl der Häuser nimmt zu, kleine Holzverhaue nach deutschem Maßstab, aber teurer als zehn Reihenhäuser in Pinneberg. Doch was ist das? Plötzlich taucht vor Ihnen eine unheimliche Fratze am Wegesrand auf. Halloween ist lange vorbei, doch irgendein ein Scherzbold hat eine Kürbisinstallation am Wegesrand aufgepflanzt.

Am nächsten Aussichtspunkt kann man gen Norden blicken, über Studio City, bis San Fernando. Vielleicht sehen Sie einen Lichtschein, ein rotes Glühen, das die Hügel wie Saurons Schicksalsberg aussehen lässt. Das sind die Feuer, die mitunter Südkalifornien verheeren. Morbide Geister kommen nur wegen der Feuershow zu den Aussichtspunkten.

Sie fahren weiter und allmählich wird Ihnen die Straße zu eng, zu lang, zu düster. Glücklicherweise hat es bereits zu dämmern begonnen. Das beste liegt jetzt eh hinter Ihnen. Wenn sie den Coldwater Canyon Boulevard gekreuzt haben, verwandelt sich die Straße der Finsternis in eine schnöselige Ansammlung von Villen im Beverly-Hills-Stil. Treten Sie ihren Nissan oder Hyundai, und biegen Sie nach Süden ab, sobald Sie auf den San Diego Freeway treffen.

Zum Schluss ins Paradies

Nun geht es Richtung Santa Monica, und dann ohne weitere Zwischenstops nach Malibu. Gleich wird die Sonne aufgehen, während Sie den Pacific Coast Highway entlang brausen.

Jetzt wäre ein Kaffee gut, und ein frühes Frühstück dazu. Um diese Uhrzeit gibt es in Malibu eigentlich nur eine Option, die glücklicherweise auch die bestmögliche ist: Paradise Cove.

Das große Hinweisschild links des Highway ist nicht zu verfehlen. Nach einer kurzen Fahrt über ein zugewachsenes Sträßchen kommen Sie an einer Beachbar an. Setzen Sie sich an einen der Fenstertische. Das Innere des Cafes ist randvoll gestopft mit allerlei amüsantem Tand - gucken Sie lieber auf den Pazifik.

Irgendwann müssen Sie zurück in Ihr Hotel. Genießen Sie vorher noch einmal den Blick aufs Meer, oder machen Sie einen Strandspaziergang. Und falls Sie ganz zufällig REM's "New Adventures in Hi-Fi" auf ihrem iPod haben sollten, dann ist es jetzt Zeit für das letzte Lied. If you want to fly / Mulholland drive / Up in the sky / Stand on a cliff and look down there / Don't be scared, you are alive / You are alive.

Korrektur: In einer früheren Version dieses Artikels stand, dass die Sonne "zu ihrer Linken dem Pazifik entsteigt". Sie geht aber in Kalifornien - wie überall - im Osten auf und nicht im Süden. Wir bitten, den Fehler zu entschuldigen.

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