Museo Nazionale dell'Automobile di Torino PS-Palast in neuem Glanz

Italienische Hauptstadt war Turin nur kurz. Aber in Sachen Auto ist das Zentrum der Region Piemont noch immer die Nummer eins in Italien. Um diesen Status zu festigen und zu würdigen, wurde jetzt das dortige Automobilmuseum für 33 Millionen Euro aufwendig umgebaut.

MAILANDER

Sogenannte Facelifts sind in der Autobranche üblich. Sobald ein Pkw-Modell ein paar Jahre auf dem Markt ist, wird es mit neuer Chromschminke, etwas Karosseriekosmetik, in der Regel größeren Scheinwerfern und manchmal auch überarbeiteter Technik aufgefrischt. Nach dem gleichen Rezept wurde jetzt auch das Automobilmuseum in Turin erneuert. Allerdings gingen die Kulturschaffenden gründlicher vor als die Fahrzeughersteller. Über die Gründe lässt sich nur spekulieren: Weil es das einzige italienische Automuseum in öffentlicher Hand ist, die Republik gerade 150. Geburtstag feiert und das Land im Bungabunga-Taumel derzeit nicht viel hat, auf das es stolz sein könnte. Tatsache ist jedenfalls, dass kaum ein Stein auf dem anderen blieb. Der Entkernung des ursprünglichen Gebäudes folgte ein großer Anbau und eine vollkommen neue Innenraumgestaltung. Die Ausstellungsfläche verdoppelte sich dabei nahezu. Und einen neuen Namen erhielt die Sammlung auch: 1932 als Biscaretti-Museum gegründet, heißt der Bau seit der Neueröffnung im März Museo Nazionale dell'Automobile.

"Früher war das Museum eine Art großes Parkhaus", sagt Federica Pagella. Sie ist eine der Architektinnen, die für die neue Ausstellung verantwortlich zeichnet. "Die Autos standen dicht an dicht, und die einzige Kreativleistung war, sie nach Epochen zu sortieren." Heute wolle man aber nicht Autos zeigen, sondern am Auto den gesellschaftlichen, stilistischen und wirtschaftlichen Wandel der Zeit deutlich machen. "Wir haben das Konzept komplett umgestellt, mehr Szenen, mehr Themen, mehr Ambiente geschaffen." Einige Autos - insgesamt sind es 200 Modelle von 85 Herstellern aus acht Ländern - blieben dabei freilich auf der Strecke. Sie stehen jetzt in der Garage des Museums

Insgesamt kosteten der Umbau und die Neugestaltung der Ausstellung rund 33 Millionen Euro - ein echter Kraftakt für die Stadt Turin, die Provinz Piemont sowie den italienischen Automobilclub. Die Fahrzeughersteller hätten sich bei der Finanzierung sehr zurückgehalten, sagt Pagella. Das wundert nicht, denn die haben alle ihre eigenen Museen oder Ausstellungen und derzeit vielleicht auch nicht den nötigen Spielraum für ein großes Kulturprogramm. So beschränkt sich beispielsweise das Engagement von Fiat und Co. im Wesentlichen auf ein paar Leihgaben.

Der erste Fiat, ein Cisitialia und ein Mercedes aus Hitlers Fuhrpark

Das neue Museum hat drei Etagen, und der Rundgang beginnt ganz oben mit Autos, die viel älter sind als der Patent-Motorwagen, dessen 125. Geburtstag vor allem Mercedes-Benz in diesem Jahr als Beginn der Autogeschichte feiert. Man sieht den Dampfwagen von Cugnot, die Miniatur-Modelle zahlreicher anderer Frühfahrzeuge und das wohl tatsächlich erste Auto der Welt: Den hölzernen Wagen von Leonardo da Vinci - datiert aus dem Jahr 1478.

Es folgen eine ziemlich faszinierende Inszenierung, in der sich die Pferde vor einer Kutsche in Luft auflösen und so Platz für den Motor machen, die ersten Rollversuche des Autos und eine "Garage der Zukunft", in der zum Beispiel der allererste Fiat parkt: ein 4 HP von 1899. Auf dem Weg durch die meist dunklen, fast intimen Räume werden die Autos größer und schneller, Dynamik und Eleganz kommen ins Spiel, und man sieht Exponate wie den Fiat Turbino und den Cisitalia 202, der nicht nur Pagellas Lieblingswagen ist. "Wir haben natürlich nicht nur italienische Autos", sagt die Architektin und zeigt auf einen Citroën DS oder einen Mercedes aus Hitlers Fuhrpark. Selbst der Trabi hat es nach Turin geschafft. Rund ein Drittel der Fahrzeuge im Museo Nazionale, so schätzt Pagella, stammt von ausländischen Herstellern.

Im zweiten Stock werden die Räume größer und der Fokus auch. Es geht nicht mehr um einzelne Fahrzeuge, sondern um den Wandel der Zeit. Die Pkw-Konstruktion, -Produktion und die Folgen der automobilen Revolution werden thematisiert. Zu den Höhepunkten zählt ein begehbarer Stadtplan von Turin, auf dem der Fiat Cinquecento eines ehemaligen Staatspräsidenten parkt. Penibel sind dort alle 70 Autowerke und 80 Designbüros markiert, die die Stadt in den Augen der Italiener zum Nabel der Autowelt machen.

Große Autodesigner haben einen eigenen Schrein im Museum

Nicht fehlen darf in der Heimat von Ferrari und Co. natürlich der Motorsport. Gut ein Viertel der Ausstellungsfläche ist dem Thema gewidmet, und allein auf der leicht überhöhten Kurve einer imaginären Rennstrecke stehen knapp zwei Dutzend Formel-1-Boliden. Dazu gibt es vier Boxen mit legendären Wagen, ein paar Rallye-Autos und als absoluten Publikumsliebling den Lancia Delta Integrale - das zumindest zeigt der interaktive Monitor, auf dem jeder Besucher seine Favoriten wählen kann.

Das Erdgeschoss widmet sich vor allem dem Automobildesign, das nirgendwo sonst so präsent ist wie in Turin. Immerhin gibt es in Norditalien mehr Designstudios als an jedem anderen Ort der Welt. "Das macht Turin für mich zur Hauptstadt des Automobils", sagt Paolo Pininfarina, der Chef des gleichnamigen Designbüros. Er und viele andere Kreativköpfe der Branche, von Walter de Silva über Giorgietto Giugiaro bis Chris Bangle, haben ihren eigenen Schrein im Museum. Ein weiterer Raum ist für eine wechselnde Ausstellung von Designstudien und Showcars reserviert, darunter Autos wie der neue Jaguar-Entwurf von Bertone, der noch vor wenigen Wochen auf einer großen Messe stand. "Hier schlagen wir die Brücke in die Zukunft", sagt Ausstellungsmacherin Pagella.

Das Konzept kommt bei den Besuchern gut an. Pagella: "Vor der Renovierung hatten wir etwa 24.000 Gäste im Jahr. Jetzt sind waren mehr als 60.000 - in zwei Monaten."



insgesamt 4 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
villaclavenz 05.06.2011
1. interessanter artikel
... nur eine Anmerkung: richtig lautet der Name des Museums: Museo Nazionale dell´Automobile di Torino Gruß aus Kaltern/Caldaro
Claudia_D 05.06.2011
2. ...
Zitat von villaclavenz... nur eine Anmerkung: richtig lautet der Name des Museums: Museo Nazionale dell´Automobile di Torino Gruß aus Kaltern/Caldaro
Und "Region Piemont", nicht "Provinz Piemont", wie im Artikel steht (der Sysop hat's richtig...)
clr1 06.06.2011
3. schade
war dieses Wochenende gerade in Turin, leider ging das komplett an mir vorbei. Wäre der Artikel nur am Dienstag erschienen. Naja macht nichts dann muss ich es mir eben im Oktober ansehen.
Claudia_D 08.06.2011
4. .
Zitat von clr1war dieses Wochenende gerade in Turin, leider ging das komplett an mir vorbei. Wäre der Artikel nur am Dienstag erschienen. Naja macht nichts dann muss ich es mir eben im Oktober ansehen.
Wirklich schade. Das letzte Mal hab ich das Museum im "alten Zustand" besucht, und schon da war es den Besuch ziemlich wert...
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.