Museum "Prototyp" Auto-Schätze am Hafenrand

Ein rostiger VW-Kübelwagen für fünfhundert Mark war vor 15 Jahren der Beginn einer wunderbaren Auto-Sammel-Leidenschaft. Jetzt sind Oliver Schmidt und Thomas König am Ziel. Am Samstag wird in der Hamburger Hafen-City ihr Museum "Prototyp - Personen. Kraft. Wagen." eröffnet.

Von Jürgen Pander


Das Wort Museum taucht nirgendwo auf. Aber wie sonst soll man eine Einrichtung nennen, in der sehenswerte Dinge von damals aufwendig inszeniert werden? Die Macher hinter der neuen Auto-Liebhaber-Adresse "Prototyp - Personen. Kraft. Wagen." in Hamburgs Hafen-City scheuen jedenfalls das Wort Museum wie ein Oldie-Fan den Rost.

Oliver Schmidt (34) Kaufmann, und Thomas König (36) Architekt, wollten auf gar keinen Fall dem Klischee vom staubigen Museum entsprechen: "Mit roten Kordeln abgesperrte Exponate, technische Daten auf nüchternen Erklärungstafeln, gar noch mit zeitgemäß bekleideten Schaufensterpuppen garniert: Diese langweilige Art der Präsentation haben unsere technischen Kunstwerke nicht verdient. Und das Publikum schon gar nicht", sagt König.

"Prototyp" eröffnet nach dreijähriger Vorbereitungszeit in einem perfekt restaurierten und modernisierten Rotklinkerbau, der vor mehr als hundert Jahren die Hartkautschukwerke des Hamburger Senators Heinrich Traun beherbergte - später als New-York Hamburger Gummi-Waaren Compagnie bekannt. Im Zweiten Weltkrieg wurde das Gebäude schwer beschädigt, später zog eine Druckerei ein. Und nun also "Prototyp". Auf drei Ebenen werden die ständige Sammlung, Sonderschauen und Kunstwerke mit Automobil-Bezug präsentiert. In komplett weiß gestrichenen Räumen, mit im Boden versenkten Bildschirmen, auf denen die Autos in Aktion zu sehen sind und dazu die wichtigsten technischen Angaben.

Es gibt einige Vitrinen mit Pokalen und Modellautos - doch ansonsten ist hier alles zum Anfassen. Außerdem dröhnt in regelmäßigen Abständen Rennmotoren-Sound durch eine verborgene Lautsprecheranlage. Es gibt eine gläserne Werkstatt, wo die Raritäten tatsächlich gewartet und repariert werden, denn immer wieder sind die seltenen Stücke bei Oldie-Rennen oder historischen Rallyes unterwegs. Es gibt mehrere Info-Terminals, denn "mindestens ebenso wichtig wie die Wagen selbst ist die tiefe Verneigung vor den Persönlichkeiten ihrer damaligen Konstrukteure, Erbauer, Piloten", sagen die Organisatoren.

Fetzenflieger und das Rennauto von Stuck senior

Am Eröffnungstag, an dem der Eintritt frei sein wird (sonst 7,50 Euro), wird zum Beispiel Christoph Eberan einen Vortrag halten. Er ist der Sohn von Robert Eberan von Eberhorst, der in den dreißiger Jahren als Chefkonstrukteur die Auto-Union-Grand-Prix-Rennwagen entwickelte. Zur Vorabschau kam unter anderem der Ex-Formel-1-Pilot Hans-Joachim Stuck, denn zu den Ausstellungsstücken zählt der Cisitalia D64 aus dem Jahre 1947, mit dem Stuck senior die Konkurrenz düpierte. Der rot lackierte, nur 400 Kilogramm schwere Rennwagen sorgte damals mit lediglich 70 PS für Furore auf den Rennpisten.

So geht das mit jedem Auto der Sammlung "Prototyp": Die jeweilige Geschichte und die Geschichten drumherum machen den besonderen Reiz aus. Vor allem in den frühen Nachkriegsjahren, aus denen die meisten Exponate stammen, entstanden aufgrund chronischen Materialmangels kühne Konstruktionen - bisweilen bizarre Kuriositäten, aber auch geniale Pioniermodelle. Das gilt etwa für den Monoposto-Rennwagen des Österreichers Otto Mathé, der in Fachkreisen als Fetzenflieger bekannt ist. Mathé, dessen rechter Arm seit einem Motorradunfall gelähmt war, baute sich den Boliden speziell für seine Bedürfnisse und wurde mit dem Wagen drei Mal österreichischer Staatsmeister - quasi mit links.

Vom Sagitta V2 auf Käfer-Basis existiert nur ein Modell

Andere Prunkstücke der Sammlung sind ein Borgward Hansa 1500 Rennsportcoupé, der hinreißende Langstreckenrenner Porsche 906 Carrera aus dem Jahre 1966 und der so genannte Petermax-Stromlinienwagen, ein Unikat, das Petermax Müller 1948 baute und mit dem er acht Weltrekorde aufstellte. Oder der dunkelgrüne Sagitta V2, ein Einzelstück mit drei Scheinwerfern und einem 24,5-PS-Boxermotor aus dem Ur-Käfer im Heck, das 1947 in einem Steinbruch bei Wuppertal zusammengeschraubt wurde. Topstar in der zirka 50 Fahrzeuge umfassenden Sammlung ist der Porsche 356 mit der Fahrgestellnummer 5047. Es ist das älteste Coupé der Zuffenhausener Marke, das heute noch existiert. Übrigens perfekt restauriert mit originalgetreuem schwarzem Nitrolack.

Zum Start von "Prototyp" ist die Sonderausstellung "Deutsche Rennsportgeschichte" zu sehen - mit Formel-1-Fahrzeugen, Tourenwagen und außergewöhnlichen Einzelstücken aus der rasanten, alten Zeit. "Die Sammlung soll leben", sagen König und Schmidt. Das gilt nicht nur für die gezeigten Autos, die fast alle fahrbereit sind, sondern auch für die Gastronomie im Haus. Und selbst vor den Fenstern des Kellergeschosses ist - wenn auch sehr, sehr langsam - der Lauf des Lebens zu beobachten. Dort gibt es einen begehbaren Skulpturen-Graben, wo alte Autoteile in Ruhe vor sich hinrosten dürfen.



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